There will be mud, 3

DM-7Während ich eine Ewigkeit an der Schlange zum Glühweinstand anstehe und carodame an der Schlange zum Bratwurststand – und an beiden Ständen ist die Schlange sehr lang, womit schon der eine der beiden einzigen Minuspunkte für die Veranstaltung vergeben wäre- da ertönt bei der Siegerehrung der Frauen die Nationalhymne. Vor mir dreht sich einer um, in Richtung Lautsprecher, nimmt die Mütze vom Kopf, die Hand aufs Herz und singt mit. Die Deutschen Meisterschaften im Radcross 2015 finden statt und ich frage mich, welche Hymne wohl sonst ertönen könnte bei einem ausschließlich deutschen Fahrerfeld; Sing, mei Saggse sing?

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„Sag mal, Izoard, Du bist aber schlank geworden!“
„Ich habe keine Zeit mehr zum Essen, deswegen sieht das wie Training aus. “ (Warteschlangengeplauder)

Wie auch immer, der Rest der Wartenden lamentiert unterdessen weiterhin die Wartezeiten am Getränkestand. Als ich dran bin und für unsere Gruppe fünf Glühwein ordere, ist der gerade alle geworden. Ebenso wie die Bratwurst, ohne die carodame zurückkehrt. Diesbezüglich besteht Optimierungsbedarf in Borna! Dafür ist alles andere sehr gut organisiert. Nach Orkanstürmen und Regenfällen ist die Strecke tipp-topp abgesperrt, mit den vom Deutschlandcup im Vorjahr bekannten Übergängen versehen, die dem Publikum kurze Wege zu allen interessanten Streckenabschnitten ermöglichen.

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Das THW sichert die Strecke gegen Ignoranten, die sonst mitten zwischen den Fahrern über die Strecke laufen würden, die Beschallung ist prima und die Moderation gut verständlich. Das Rudolf-Harbig-Stadion dient als perfekter Start- und Zielort, jeweils die ersten und letzten 300 Meter führen über die Tartanbahn.

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Sascha Weber – Deutscher CX Vizemeister 2015

Und was sind das für zwei tolle Rennen! Ich kann es ja gar nicht oft genug wiederholen und deswegen bekommt ihr es auch diesmal zu hören: Cyclocrossrennen sind um einiges attraktiver als Straßenrennen. Im Sommer steht man am Straßenrand, dann macht es „wusssschhhh“ und das war’s auch schon für den Zuschauer. Und mal Hand aufs Herz? Wer guckt sich wirklich fünf Stunden lang die Übertragung eines Straßenrennens an?

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Bei den CX-Meisterschaften hingegen erleben wir das gesamte Renngeschehen Runde für Runde mit, sind stets hautnah dabei, zum Anfassen nah. Mitfiebern können wir, schafft er es im Sattel den schlammigen Anstieg hoch oder muss er den Fuß vom Pedal nehmen? Kommen sie heil runter und schmiert ihnen in der Kurve im Morast das Vorderrad weg? 

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Untrügliche Anzeichen von Erschöpfung, aber auch verbliebene Kraftreserven und Willensstärke stehen den Sportlern ins Gesicht geschrieben, bei den Frauen wie bei den Männern.

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Alles ist eingebettet in das Ambiente der Rennstrecke, der Materialwagen, der unzähligen Crossräder und Laufradsätze, der Mechaniker, deren Kärcher im Dauereinsatz sind, denn hier wird nicht so viel Geschiss ums Material gemacht wie bei so manchem Sonntagsoberschlaumeierhobbyradler. Wer einen Lackstift braucht, soll sich ein Rennrad kaufen, hat Elmar Schrauth von cx-sport.de und Betreiber des Crossladens mal über einem Kundenwunsch gesagt…

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Welche tollen Sachen man mit einem Rahmen auch noch anfangen kann, zeigt uns Josch vom Team Carloforte. Als ziemlich große Triangel macht das Geröhr ordentlich anfeuernden Lärm, wenn man mit einem Eisenrohr dagegen schlägt.

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Genug des überlangen Vorgeplänkels, aber ihr solltet ja auch ein wenig die Atmosphäre atmen. Starten wir mit dem schöneren Geschlecht.

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40 Minuten standen ihnen auf dem 3,2 Kilometer langen Kurs „Rund um die Witznitzer Kippe“ bevor. In den vergangenen Tagen hatte es viel geregnet in unserer Region und Orkanböen fegten über das Land, die in der vergangenen Nacht wenigstens ein downgrade auf Sturm hinter sich brachten. Schlammig war’s und es musste viel gelaufen werden. 

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Cyclocrossmeisterschaften für Frauen gibt es seit 2000. Und seit 2000 hat immer Hanka Kupfernagel (40) gewonnen, mit einer Ausnahme im Jahr 2013.  Es verbietet sich schon fast, eigens aufzuzählen, was sie in ihrer Karriere noch alles an Titeln eingeheimst hat: Mehrere Jahr lang Weltranglistenerste auf der Straße, Zeitfahrweltmeisterin, Silbermedaillengewinnerin beim olympischen Straßenrennen, mehrfache Cyclocossweltmeisterin.

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La Hanka!

Dass sich diese Serie heute nicht fortsetzen würde, war vorher schon klar. Hanka Kupfernagel war im November gestürzt, zog sich unter anderem eine Rippenserienfraktur zu und sah ziemlich demoliert aus. Die Crosssaison fand daraufhin diesen Winter ohne sie statt. Vor drei Tagen fuhr sie nach Hause nach Thüringen, packte vorsorglich ihr Rad ein und teilte gestern mit, dass sie die verrückte Idee habe, bei der DM an den Start zu gehen.

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Mir als Drückeberger nötigt das enormen Respekt ab und noch größer wird er angesichts des vierten Platzes, den sie heute herausgefahren hat!

Gleichwohl soll damit nicht die Leistung der Erstplatzierten geschmälert werden. Ein einsames Rennen an der Spitze fuhr Jessica Lambracht (19) vom Stevens Racing Team, die uneinholbar und voller Bravour dem gesamten Feld so weit davon fuhr, dass ihre Verfolgerinnen schon ein Fernglas gebraucht hätten, um ihr Hinterrad noch erspähen zu können. Und wie sehr sie sich gefreut hat!

Jessica Lambracht - Deutsche CX Meisterin 2015

Jessica Lambracht – Deutsche CX Meisterin 2015

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Zweite wurde Lisa Heckmann, die Gesamtsiegerin im Deutschland-Cup im Querfeldeinfahren der beiden letzten Saisons. 

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Lisa Heckmann

Den dritten Platz auf dem Podest nahm Sabine Spitz (43) ein, die Mountainbike-Olympiasiegerin von 2008 und MTB-Silbermedaillengewinnerin in London 2012, die „nebenbei“ auch seit 2001 Seriensiegerin bei den deutschen MTB-Meisterschaften ist.

Sabine Spitz

Sabine Spitz

Fragt sich noch jemand, was der oben angerissene zweite Minuspunkt sein könnte, den der kreuzbube zu vergeben hat? Es ist das Preisgeld. Die Siegerinnen bei den Frauen erhalten ein geringeres Preisgeld als die Männer. Obwohl sie durch denselben Matsch fahren und genauso schmutzig werden. Das prangere ich an!

Und damit zu den Herren, bei denen sich mehr und mehr Mut zur Farbe durchsetzt.

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Hier ist es genauso, alle halten sie Ausschau nach dem Favoriten. Der heißt Philipp „Walze“ Walsleben, ist mehrfacher deutscher Meister und international der derzeit erfolgreichste deutsche Fahrer.

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Philipp Walsleben

Apropos international erfolgreich, einer der ganz Großen des CX-Sports, Mike Kluge nämlich, war heute auch zugegen und ich muss sagen, der sieht noch richtig fit aus. Etwas älter als vor 20 Jahren, aber überhaupt nicht alt.

Mike Kluge

Mike Kluge

Nun aber zum Rennen. Die Walze rollte für die beiden vorne dran nicht schnell genug. Nach einem Platten in Runde vier (oder so) kam er nicht mehr ran an die Führenden. Ob’s ohne Panne für den Sieg gereicht hätte? Ich melde Zweifel an. Marcel Meisen sah ungeheuer dynamisch aus, wie er auf kurzen, steilen, rutschigen Anstiegen ohne den Fuß vom Pedal zu nehmen auch schwierigste Stellen mit Bravour nahm. Knapp vier Minuten kam er vor Walsleben ins Ziel, fast drei Minuten betrug sein Vorsprung auf den Zweitplatzierten Sascha Weber.

Marcel Meisen - Deutscher CX Meister 2015

Marcel Meisen – Deutscher CX Meister 2015

Wer nur auf der Straße Rad fährt, kann sich die Strapazen von einer Stunde Radfahren im Gelände nicht vorstellen. Es gibt keine Pausen, keine Erholung.

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Nach dem Start schießt der Puls in die Höhe und da bleibt er auch. Immer am Limit. Hin und wieder stürzt man .

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Max Walsleben

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Die Rennen sind vorüber, die Fahrer frieren bei den Interviews und bei der Siegerehrung, denn es stürmt noch immer. Uns ist nach den zwei Stunden Zuschauen ebenfalls etwas fröstelig zumute und wir fangen noch ein paar letzte Impressionen ein, bevor wir uns auf den Heimweg machen.  

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Guter Bubi!

Noch viel mehr Fotos gibt’s von carodame im Fotoblog: 

Von den Frauen. Von den Männern.

***

update: Die ARD Sportschau mit einem Video vom Frauenrennen. Das ist lobenswert, schön wäre es jedoch, wenn bis zum nächsten Mal noch ein wenig an der Sachkunde gefeilt würde: „…sie hat ihre Reifen extra hart aufgepumpt, damit sie mehr Haftung auf der Tartanbahn  haben.“

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29 Antworten zu There will be mud, 3

  1. Christoph Kellner schreibt:

    total toller bericht und fotos
    so ist cross gut erklärt

  2. kreuzbube schreibt:

    Aufatmen bei allen, die sich sorgen, ob sie jeden Tag ganz viele Kilometer strampeln müssen. Auch eine frischgebackene Deutsche Meisterin muss zuerst einmal ihren Alltag bewältigen:

    „Ich bin Ende des Sommers nach Berlin in eine eigene Wohnung gezogen, zusammen mit Silvio Herklotz, und mache derzeit eine Ausbildung. Mit einem Job und einem eigenen Haushalt hat man sehr viel zu tun, sodass man unter der Woche weniger Zeit zum Trainieren hat. Daher nutze ich momentan vor allem die Wochenenden zum trainieren.“

    Mehr: Jessica Lambracht im Cross-Verhör

  3. Pingback: Enthusiasmus… (II) | G i p s r a u m

  4. justbiking schreibt:

    Wie macht man bloß solche Fotos? Da hat wohl die carodame im Schlamm gelegen, so nah war sie da dran. Die Bilder erinnern mich an Zeiten, wo Querfeldeinrennen noch im ersten deutschen Fernsehen übertragen wurden, mit Watterott, viel Schlamm und unendliches Leiden.
    Kreuzbube & Carodame, soviel Professionalität in der Berichterstattung schreit nach Berufswechsel!

    • kreuzbube schreibt:

      Berufswechsel? Ich habe mal dem WDR und auch dem ZDF Interviews gegeben zu Themen, mit denen ich mich ein wenig auskannte, beide Male etwa eine Stunde lang: Die Professionalität der Fernsehmacher bestand darin, dass man hinterher kaum etwas davon wiedererkannte. Die dritte Anfrage, dann durch den MDR, habe ich abgelehnt, deren Vorstellungen waren grotesk. Hatte ich das nicht schon mal geschildert? Da, hier, sehr erhellend:

      So wird Fernsehen gemacht!

      Aber für Eurosport, das könnte mir schon gefallen…

    • carodame schreibt:

      Moment, langsam. Danke für die Preisungen(*erröt*), aber es gibt viele schöne Fotos im Netz vom Radsport. Ich ärgere mich, weil ich ohne Blitz(arbeite nicht so gerne damit, Akkus dafür waren außerdem leer usw…) unterwegs war, weil es zu dieser Zeit, am Nachmittag, im Wald, doch ein wenig an Licht mangelt…
      @Don Fernando Arbeiten in der Toscana! Sehr gern. ich könnte nebenbei noch ein paar Warzen besprechen, so als Zubrot.

  5. Don Ferrando schreibt:

    Zum Update: das mit den Reifen auf der Tartanbahn ist selbst mir aufgefallen gestern!

    • kreuzbube schreibt:

      Was soll man dazu sagen? Überall im Stadion stehen Laufradsätze mit Schlauchreifen herum. Mit geschmeidigen Baumwollflanken, handgearbeitet, die minimalen Druck auf dem Pneu erlauben. Und dann erzählen die uns was von extra hart aufgepumpten Reifen. Vielleicht dachten die Fernsehleute sich ja, dass ihr Autoreifen sich bei 2,5 bar ganz schön fest anfühlt…

      • prieditis schreibt:

        Das ist die Crux mit diesem Knoff-hoff-Verlust…

        Zum Vergleich:
        Die belgischen Kommentatoren hatten sich letztes Jahr darüber ausgelassen, dass es doch ein enormer Kostenfaktor sei, wenn man sich eine Scheibenbremse zulegt. Da zahle man XY-Euro und hätte dann gerade mal einen Bremsbelag… man solle sich das als Hobbyradler doch bitte gut überlegen…

      • Don Ferrando schreibt:

        Genial diese Belgier. Der Rotor mit Belag und dann zwei oder vier Vollstahlkolbenzangen!

      • kreuzbube schreibt:

        Auch bei der Leipziger Volkszeitung (LVZ) gilt: Hauptsache, erstmal was geschrieben.

        Das Amtsgericht Leipzig verurteilt den Sächsischen Radfahrer-Bund zur Räumung der Radrennbahn. Den Streitwert legt das Amtsgericht mit 500.- EUR fest.

        Die LVZ schreibt, der SRB könne Revision einlegen… und dafür habe er vier Wochen Zeit…

        Mehr kann man mit so wenigen Worten gar nicht falsch machen.

  6. prieditis schreibt:

    Wirklich grandios! Bemerkenswert ist die saubere Zieleinfahrt. Keine Plastebecher… Respekt.
    Ich schaue mir ja gerne die belgischen Rennen im Livestream an… da gibt es Plastebecher… und Sand ;o)

    Und Mut zur Farbe, das begrüße ich sehr!

    • prieditis schreibt:

      …Und diese Abfahrtkuppe… die macht mir Angst

      • kreuzbube schreibt:

        Es waren drei steile Abfahrtkuppen… und sie sind in natura wirklich so steil, wie es auf den Fotos aussieht. Nichts für Verzagte… wir können beim nächsten Besuch in Leipzig dort ja mal eine Runde drehen … 😉

        Becherwerfen? Wer einen in der Hand hatte, hat ihn so schnell nicht losgelassen. Man musste sich das Getränk ja einteilen, weil am Getränkestand nur zwei Leute (bei 2000 Zuschauern) arbeiteten und die zwischendrin den Glühwein erst aufwärmen mussten – während alle warteten.

        (Die Siegerin übrigens ohne Handschuhe! Hanka Kupfernagel dafür mit sehr schönen weißen Handschuhen von Röckl, die auch urban etwas hermachen würden)

  7. Pingback: Enthusiasmus ist weiblich (I) | G i p s r a u m

  8. randonneurdidier schreibt:

    Der kernige Rolf Wolfshohl möge mir das vergessene „h“ im Namen verzeihen!

    • kreuzbube schreibt:

      Rolf Wolfshohl war auch so einer, der alles konnte und alles fuhr und überall erfolgreich war, ob auf der Straße oder Querfeldein. Vuelta gewonnen, das gelbe Trikot bei der Tour getragen, dreimal CX-Weltmeister. Schade dass die Spezialisierung heute so weit gegangen ist, dass es das nicht mehr gibt.

  9. randonneurdidier schreibt:

    Klasse Fotos – die Crosser in Freud und Leid – Und ein klasse Bericht! Seit Rolf Wolfshols Zeiten ist Crossen im Winter immer spannend gewesen. Beim Zuschauen und beim „Selberfahren“. Danke für die Einblicke in die Meisterschaft.

  10. donferrando schreibt:

    Mal wieder sehr schöne Fotos von Carodame !
    Den Bericht vom Damenrennen habe ich im TV gesehen. Echt beeindruckend.

  11. SXHC schreibt:

    Schöner Bericht!

  12. crispsanders schreibt:

    gute sache das! sehr gute bilder, ehrliche atmo.
    ich persönlich mag aber kein knirschendes fahrrad, dafür bin ich zuwenig sportler.

    • kreuzbube schreibt:

      Ach, der eine mag dies, der andere hat an dem Gefallen. Ich bin halt noch mit den Fernsehübertragungen von Quereldeinrennen zu Thalers (auch so ein Multitalent) Zeiten groß geworden. Wenn der Herbst voranschreitet, habe ich die Nase voll von den Landstraßen und im März freue ich mich wieder drauf. Je mehr Abwechslung, desto besser. Dafür fehlt mir die Ausdauer für lange Distanzen.

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