„Ich fühl‘ mich gut. Ich steh‘ auf Berlin.“

Kein Berlin-Bashing vom kreuzbuben. In letzten halben Jahr war ich dreimal dort: Black Sabbath in der Wuhlheide, David Bowie-Ausstellung im Gropius-Bau, Sechstagerennen im Velodrom. Da muss man sich andernorts schon mal gewaltig strecken, um wenigsten zwei von dreien zu bieten und auch das kriegen die meisten kaum hin.

sechstagerennen_LP

Überhaupt, das Velodrom, eine klasse Sache ist das, wenn man es erst einmal entdeckt hat, denn die haben das ja nach unten statt nach oben gebaut und deshalb sieht man es nicht, selbst man nur 50 Meter davon entfernt steht. Nach dem Besuch in der schicken Oderlandhalle in Frankfurt/Oder kurz vor Weihnachten stehen wir im nächsten Tempel des Bahnradsports und den Menschen in den alten Bundesländern möchte ich bei dieser Gelegenheit einfach mal zurufen: Ja, dann strengt euch halt mal ein bisschen an, dann könnt ihr es auch so schön haben… 😉 Die lange Nacht beim Sechstagerennen könnte auch eure Belohnung sein!

Ich will jetzt gar nicht viele Worte machen. Ernst Buschs Darbietung von „Sechstagerennen“ und der Sportpalastwalzer waren schon den ganzen Tag über eine Symbiose in meinen Gehörgängen eingegangen, nachdem ich den Tonarm wieder und wieder in dieselbe Rille gelegt hatte. Twobeers hatte kurz vor unserer Abfahrt noch Didi A. Senftenberg auf eine seiner unnachahmlichen Recherchen geschickt. Historie und Lokalkolorit satt hat er dabei ausgegraben und ausgemalt und uns damit bestens auf den Abend eingestimmt. Solche Geschichten gibt’s vielerorts gar nicht zu erzählen, wahrscheinlich müssen sie deshalb auf Berlin schimpfen. 

Die basics des Bahnradsports hatten wir neulich erst, lassen wir diesmal die Bilder für sich sprechen. Sechstagerennen!

Velodrom Berlin

Velodrom Berlin

Mensch, tritt rin in die Pedale, Immer rund ums Holzovale, He! He! He! He! He!* sechstagerennen_28 Bohlen splittern, Reifen platzen, Drei Musikkapellen jazzen, He! He! He! He! He! sechstagerennen_7 Cocktailsäufer, Wurschtverkäufer, Alle brüllen um die Wette, schultheiss_1 Räder fallen, Fahrer knallen Mit der Nase uff ’s Parkette. sechstagerennen_36 Das ist das Sechstagerennen! Alle, die dabei sind, können nicht ins Bett! sechstagerennen_derny_1 Sechs Tage im Kreis, immer rundherum – Kein Sterblicher weiß: Warum nur, warum? sechstagerennen_derny_9 Alle packt es, alle treiben mit! Alle jagt es, alle schreien mit! He! sechstagerennen_derny_10 Sechs Tage im Kreis, immer rundherum – Und kein Einzger weiß, warum! sechstagerennen_10 Mensch, sie jagen um die Runden Hundertfünfundvierzig Stunden He! He! He! He! He! sechstagerennen_32 Siebentausend Menschen rasen Brüllen, toben in Ekstasen He! He! He! He! He! schultheiss_7 Weiber raufen, Fahrer kaufen Sich den Sieg auf alle Fälle sechstagerennen_33 Alle trampeln, alle strampeln Alle treten auf der Stelle. Das ist das Sechstagerennen! Alle, die dabei sind, können nicht ins Bett!

***

So Ernst, halt‘ mal die Klappe, ich muss noch das Madisonrennen erklären, das hatten wir noch nicht. Beim Madison halten sie Händchen. Nicht, weil die sich so dolle lieb haben, obwohl das ja auch sein kann. Nein, da fährt ein Zweier-Team, das sich jeweils ablöst. madison_10

Ein Fahrer macht zwei, drei Runden lang Tempo.  Sein Kollege lässt sich währenddessen raus fallen und fährt langsamer weiter, bis er wieder an der Reihe ist. Beide schauen inmitten dieses Durcheinanders, wie sie zueinander finden. Dabei klatschen sie nicht einfach nur ab, sondern der langsamere Fahrer greift die Hand des anderen, der ihn mit seinem größeren Tempo mit Schwung nach vorne schleudert:

madison_1 madison_2 madison_3

Madison heißt das Rennen, weil es erstmals im Madison Square Garden in New York ausgetragen wurde, so ungefähr um 1900 herum. Nagelt mich darauf nicht fest, ich bin gerade zu faul, das nachzuschlagen. Und jetzt weiter mit Musik.

***

Mensch, so ist das janze Leben, Alle woll’n nach vorne streben He! He! He! He! He! sechstagerennen_steher_8 sechstagerennen_steher_9 Erst am Schluß, da dämmert’s leise: Mensch, wir fahren bloß im Kreise. He! He! He! He! He! sechstagerennen_27 Und der Erste, denkste, wirste, Und du strampelst ohne Pause, Und dann siehste: Letzter biste.  Und dann wankste bleich nach Hause sechstagerennen_steher_10 Ganz wie beim Sechstsagerennen: Alle, die dabei sind, können nicht ins Bett. velodroom_2

Es ist Nacht in Berlin, als wir das Velodrom verlassen und es ist früher Morgen in Leipzig, als wir das Licht löschen. Die Vorfreude aufs Sechstagerennen war groß gewesen, der Spaß dabei nicht minder, und die Stimmung klingt in angenehmer Weise nach, als nach wenigen Stunden Schlaf schon wieder die Sonne aufgeht.

***
*Sechstagerennen Text von Carl Behr, Musik von Harry Ralton. Darbietung: Ernst Busch

Alle Fotos von carodame, die auch dieses Mal wieder für einen Nachschlag sorgen wird.

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17 Antworten zu „Ich fühl‘ mich gut. Ich steh‘ auf Berlin.“

  1. Twobeers schreibt:

    Damals, die Sixdays waren noch jung, machten sich auch auf die Herrscher, um das Spektakel der Massen zu schauen. Man konnte dem Souvereign den Willen der Massen direkt und ungestraft ins Gesicht schleudern, schließlich war im Tabakdunst die Gegengerade nicht erkennbar. So kam es zum „Pardon für Rütt“, worüber Didi A. Senftenberg gerade brütet.

  2. carodame schreibt:

    Bei den Dernyrennen muss ich spontan an Tim Burton(…Schokoladenfabrik) denken…
    und eile dankbar knicksend weiter…

    • kreuzbube schreibt:

      Haha, Oompa Loompas, das passt wirklich.

      Stimme des Sechstagerennens ist übrigens Karsten Migels, den wir von Eurosport kennen, das sei an dieser Stelle mal erwähnt. Der hat nicht weniger zu ackern als die Fahrer. Karsten Migels ist übrigens vom Fach und war selbst mal deutscher Querfeldeinmeister. Ihm würde solche Dinger wie neulich in der ARD zur CX-DM ( „hat ihre Reifen extra hart aufgepumpt“) nicht passieren.

      Aber auch einer seiner Vorgänger bei den Sixdays, Herbert Watterott, stieg selbst aufs Rad, mit Amateurlizenz fuhr er für „Staubwolke Refrath“.

  3. Pingback: Einer von Sechs | G i p s r a u m

  4. kreuzbube schreibt:

    Eine Minute vom Sechstagerennen in Berlin 2014:

    Und hier die Große Jagd in fünf Minuten, Spektakulär!

  5. cut schreibt:

    Hey, Hey. Klasse!

    Dortmund ist ja leider nicht mehr.

    • kreuzbube schreibt:

      Dortmund. 300.000 EUR haben gefehlt und damit war Schluss mit den Sixdays. Allein dafür müssten die Fussballer schon absteigen.

      Aber Berlin hält sich wacker!

  6. kreuzbube schreibt:

    Dass es in München kein Sechstagerennen mehr gibt, hat aber wenig damit zu tun, dass Bayern in den Länderfinanzausgleich einzahlt.

    Zudem hat Bayern selbst ein Vierteljahrhundert lang kassiert und wäre ohne die Zahlung von Hessen und Baden-Württembergern (und sogar aus NRW) womöglich noch ein armes, rückständiges Agrarland.

    Die Berliner haben es sich ja auch nicht selbst ausgesucht, Hauptstadt zu werden, mit dem ganzen Rattenschwanz, den das nach sich zieht.

    Man kann sich das mal an Frankfurt/Main vergegenwärtigen: Da wohnt ein ganzer Speckgürtel drum herum und freut sich, dass er es über die Autobahn nur ein paar Minuten nach Frankfurt in die Oper, den Zoo und ins Bundesligastadion hat – und nichts dafür zahlen muss.

    Abgesehen von all dem: Wenn ich was zu sagen hätte… dann gäbe es zehn Jahre lang, oder seien wir großzügig und lassen es meinetwegen 20 sein, Geld, und dann wär‘ Schluss. So wie es ist, ist man ja in der Tat doof, selbst mehr zu erwirtschaften: Dann bekäme man von den anderen ja weniger oder müsste gar etwas abgeben.

    Man könnte nun auch endlich mal den Soli abschaffen, aber auch das werden wir natürlich nicht erleben. Das Ding wird einfach umbenannt und bleibt für immer das, was es irrsinniger Weise ist: Eine Steuer aufs Steuernzahlen. (Wir zahlen den Soli in Ostdeutschland übrigens auch, sind also mit uns selbst solidarisch)

    • Don Ferrando schreibt:

      dann gäbe es 10….20 Jahre
      Nun, die sind bei Berlin längst abgelaufen; dort hat man sich leider darauf eingerichtet, daß immer weiter Geld fließt. Und die Sache mit den Hauptstadtkosten ist doch nur eine billige Ausrede.
      Und richtig: Bayern hat früher selbst aus dem LFA bezogen. Allerdings hat es was daraus gemacht.

      • kreuzbube schreibt:

        London, Paris, Madrid, alle bis zur Halskrause verschuldet. Aber einer gewissen Größe der Verwaltungseinheiten entgleiten ihnen scheinbar die Dinge. In einer Gemeinde mit 3000 Einwohnern sind sie alle nah dran und fragen sich, ob das Geld für neue Laternen in der Kasse ist. In der Metropole ist eine fachfremde Studienabbrecherin Dezernentin, deren einzige Qualifikation darin besteht, ausgefallene Hüte zu tragen. Dafür bewilligt sie dann kurzerhand ein neues „Lichtkonzept“ für die ganze Stadt, wo es der Austausch dreier Lampen auch getan hätte.

        Aber all so was interessiert mich doch nicht, wenn ich in kulturellen Dingen unterwegs bin. Ich sitze weder im Theater noch im Velodrom und murmele dabei „Länderfinanzausgleich“ vor mich hin.

        Ludwig II. ließ sich von Bismarck aushalten… und verschleuderte, wie man damals meinte, das Geld für den Bau von Schlössern (und nebenbei auch Wagners Festspielhaus). Heute sind Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof Bayerns größte Touristenattraktionen.

      • donferrando schreibt:

        Staatsoper und Theater sind in München ganz vorzüglich. Da murmele ich auch nichts von Geld, daß nach Berlin abfließt.
        Der Kini hat sich nicht aushalten lassen, sondern leider die Souverainität an Preußen verkauft!

  7. donferrando schreibt:

    Schöne Bilder (natürlich bei der Fotografin) und ein guter Bericht.
    Nur die Einleitung stört mich. Naturgemäß muß sich Berlin nicht strecken, nachdem unsere süddeutschen Milliarden da reingepumpt werden.

  8. twobeers schreibt:

    Gott genügten sechs Tage, um die Welt zu erschaffen. Das Sechstagerennen ist im 20. Jahrhundert – so Kisch – ein „Muss“. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Damals wurden dreizehn strampelnde Fahrer von den Zuschauern in der Hoffnung angeheizt, einer von den Rennfahrern möge aus dem Feld ausbrechen. Doch wenn ein Ausbruch gelingt, hat dieser Fahrer zwar eine Runde Vorsprung, aber er landet wieder in der Masse, der er nur für einen Moment entkommen war.

    „Elliptische Tretmühle“ von Kisch. Dringend empfohlen von Twobeers.

    • kreuzbube schreibt:

      Der Empfehlung folge ich auf der Stelle. Mit einer Erstauflage von 1925, gebräunt, betrieben, nach fast einem ganzen Jahrhundert riechend. Diesen Monat komme ich auf weit mehr Buchseiten als Kilometer.

  9. randonneurdidier schreibt:

    Bravo! Bravo! He!He!He!… absolute klasse Fotos und die Unterschriften – wunderbare Eindrücke. Obwohl ich diesmal so recht keine Lust hatte – jetzt geh ich doch hin! Vor 15 Jahren hatte ich mal das Vergnügen, die „kleine Jagd“ der damaligen BEWAG“ anzuschießen. Aldag, Zabel,Kappes Risi und Co waren am Start.

    • kreuzbube schreibt:

      Da schau her… Querfeldein, Sechstagerrennen… der Randonneur ist nicht nur beim brevet zuhause…

      Es gibt aber keine live-Musik aus dem Innenraum. Die GEMA….

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