Cross Country Kriebstein

Ihr fahrt seit 20 Jahren immer dieselbe Runde? Immer im Uhrzeigersinn? Die Namen der Käffer auf eurem Weg könnt ihr schon lange auswendig und insgeheim schon nicht mehr hören? Unterwegs stets der Halt im Gasthaus „Zum Gast“, denn da weiß man, was man bekommt? Ihr habt euch dran gewöhnt, aber irgendwie fühlt es sich a bisserl fad an? Ihr habt sogar schon überlegt, die Runde mal entgegen dem Uhrzeigersinn zu fahren?

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Warum nicht mal was anders machen? Eine Autostunde südöstlich von Leipzig liegt Burg Kriebstein, liegt die gleichnamige Talsperre, windet und beult sich aus die Zschopau. Man könnte mit dem Rennrad um das Gebiet herum fahren, da wird man auch ständig mit Anstiegen im zweistelligen Bereich resp. auch jenseits der 20 % belohnt: die Straße, die an der Burg vorbei hinauf führt, hat, mit einer Kopfsteinpflasterkurve beginnend, durchschnittlich 25 % Steigung.  

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Viel spannender hingegen wird es auf dem Zschopau-Rundwanderweg. Da stellt sich die Frage nämlich nicht mehr, wie anstrengend es bergauf wird und welche Übersetzung man wählen sollte, nein, da ist die einzige Frage, ob man die Anstiege überhaupt hinauf kommt.

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Von der Burg aus startend findet man erst einmal locker rein, aber nach paar Kilometern geht es in den Wald, und da reden wir dann nicht mehr von Waldautobahnen. Extrem steil rauf, extrem steil runter, rechts wird der meterbreite Weg durch den Steilhang begrenzt. Über ein paar noch gut fahrbare Kilometer kann man sich an die Schwierigkeiten herantasten und dann beginnen die ungläubigen Blicke der wenigen Wanderer, die zur Seite treten, damit irgendwie ein Durchkommen ist. Ein Schild warnt: Wanderer, Obacht! Fest sei euer Schuhwerk! Denn schroff ist der Fels, steil fallt ihr hinab! 

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30, 40 % steil steigt man über „Stufen“ aus Erde, die mit Rundhölzern befestigt sind, hinauf. Im weiteren Verlauf sind die „Stufen“ dann aus Fels oder aus riesigen Wurzeln. Dann hört man auf, in Steigungsprozenten zu denken. Ein völlig verblockter Weg liegt vor uns, 20 Zentimeter hoch ragen die Felsen bisweilen mitten aus dem Weg, die Wurzeln nicht minder, und gerne sind sie knöcheltief mit Laub bedeckt, damit es auch immer wieder mal eine Überraschung gibt.

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Eineinhalb Stunden für zwölf, dreizehn Kilometer. Radwanderung könnte man es beschönigend nennen, außer dem Rucksack schleppt man wieder und wieder das Rad. 60 Meter fahren, ausclicken, die nächsten 60 Meter den felsigen Pfad auf Schusters Rappen erklimmen, dann ein Stück rasante Abfahrt, ein schöner flow, 20 Zentimeter breit ist Platz zwischen dem nächsten Gesteinsbrocken und der Zschopau tief drunten im Tal. Über quer liegende Baumstämme wird geklettert, tief über den Lenker gebückt fahren wir drunter hindurch.

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Das wird mir natürlich keiner glauben, aber: Wir sind heute 30 (in Worten: dreißig) km Rad gefahren und ich war so k.o. wie lange nicht. Aber ganz anders als sonst. Einzig um das maximale Drehmoment ging es, die ganze Zeit über. Doch so kurzweilig war’s, alle Sinne so angesprochen, dass wir lange Zeit gar nicht merkten, wie die Kräfte schwanden, bis dann irgendwann nur noch Pudding war in den Beinen. Ganz am Schluss der Vergleichstest, den allerersten Anstieg fuhren wir eines Fotos wegen noch einmal hoch, ganze drei Ritzel größer brauchte ich dafür als am Anfang…

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Die Belohnung sind phantastische Aussichten allenthalben, ein Fleck ist schöner als der andere, wenn man sich für das Urwüchsige, Schroffe zu begeistern weiß, wo Weg nur bedeutet, dass auf einem Meter Breite zumindest kein Baum steht. Und diese Stille! Auf einem Felsvorsprung sitzend hört man, es ist ja noch Winter, nur vereinzeltes Vogelgezwitscher, unterbrochen vom gelegentlichen Hämmern des Spechts. Sonst hört man nichts, auch nicht den einsamen Paddler, der unten auf der spiegelglatten Oberfläche des fast stillen Gewässers lautlos seine Bahn mit dem Kajak zieht.

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Mit dem Crosser, mit dem ich sonst fast alles fahre, wäre dort kein Durchkommen gewesen. Wer’s mal nachfahren will, greift tunlichst zum Mountainbike mit Federgabel, mit Starrgabel wird es wegen der wiederkehrenden, unerwarteten Schläge anspruchsvoller. Der Luftdruck sollte so weit runter wie möglich. 2,5 bar fuhr ich heute, das war zu viel, da hätte ich weiter reduzieren sollen.

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Fotos. Natürlich gibt’s Fotos von unserer Exkursion. Die zeigen aber nur die leichteren Passagen, dort, wo man fahrend voran kam. Die Kilometer, die uns wirklich den Zahn zogen, ließen jeden Gedanken ans Fotografieren schwinden. Viel zu anstrengend wäre das gewesen: Anhalten, Rad absetzen, Kamera raus, Kamera rein, Rad wieder anheben…

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kriebstein_mapWer herausfinden möchte, wie lange man für so ein paar Kilometer brauchen kann, der startet oben an Kriebstein, umfährt die Zschopau östlich auf dem Wanderweg (hier gibt es die GPS-Daten der Mountainbike-Tour) und wendet sich nach Ringethal wieder nördlich. Das Ganze ausschließlich auf dem Hindernisparacours Zschopau-Rundwanderweg am Westufer, zu erkennen an der roten Markierung, die oben und unten von einem weißen Streifen eingefasst ist. Für unsere Breitengrade hat das schon enormes Schikanepotential – macht aber auch enorm Laune, und Radbeherrschung übt man -notgedrungen- dabei auch. Und wenn man sich auch immer wieder mal fragt, was da wohl passieren könnte: Et hätt noch immer jot jejange…

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15 Antworten zu Cross Country Kriebstein

  1. kreuzbube schreibt:

    Also, es war wirklich so wild, wie es aussah. Da waren Passagen dabei, die man erst glaubt, wenn man sie gesehen hat und von denen ich keine Fotos habe. Es war das Schwerste, was ich im Hinblick auf Kraft seit langem gemacht habe. Man merkt es nur unterwegs erst einmal nicht so sehr, weil man konzentriert ist und mit Landschaftsschauspielen belohnt wird. Aber wenn man es gemeinsam angeht und beisammen bleibt und sich am Langsamsten orientiert, dann kann man jeden mitnehmen. Man sollte bei solchen Strecken auch Rücksicht nehmen, dass der eine vielleicht vorsichtiger ist als der andere und dass jeder nur so fahren sollte, wie er es sich zutraut.

    Alles in allem: Ein Ausflug, bei dem Entfernung und Tempo gar keine Rolle spielt und wo man auch nicht darauf achtet.

  2. mark793 schreibt:

    Beeindruckende Landschaft und nicht minder beeindruckende Fahrleistungen! Ich glaube nicht, dass ich da mitgehalten hätte. Mit MTB habe ich eh keine nennenswerten Erfahrungen, beim letzten Versuch, in den Voralpen was zu reißen, ist der Gastgeber/Mitfahrer in herumliegenden Stacheldraht gefahren, und da war die Bergrunde schon wieder vorbei, bevor sie angefangen hatte…

    • kreuzbube schreibt:

      Sag‘ das nicht, dass Du das nicht hättest mitfahren können. Zum einen, man schiebt ja doch recht viel… Zum anderen, man fährt dort einander nicht weg. Selbst wenn man mal ein kleines Stück voraus ist, findet sich irgendeine schöne Stelle, an der man halt wieder wartet. Das erzielte Durchschnittstempo und die Anzahl der gefahrenen Kilometer spielen dabei ja gar keine Rolle, es ist ein ganz anderes Radfahren, das mehr auf die Wahrnehmung der Umgebung abzielt. Ich würde das gerne bei schönem Wetter noch einmal wiederholen statt bei Temperaturen um die Null Grad, befürchte aber, dass dann deutlich mehr Wanderer unterwegs sein werden.

      • mark793 schreibt:

        Kann schon sein, dass es letztlich nicht ganz so wild ist wie es sich liest. Wie Du weißt, neige ich dazu, mir die Dinge gemeinhin etwas etwas schwieriger vorzustellen, als sie dann realiter oftmals sind. Und in angemessen gemächlichem Tempo geht vieles, was einem mit ein paar Pausen weniger und etwas schneller angegangen den Zahn ziehen würde. Auf alle Fälle sieht mir das nach einer Abwechslung aus, die mir auch Lust machen könnte.

        Eine Wiederholung musst Du halt gut timen, einen schönen Tag unter der Woche aussuchen, wenn Dein Restprogramm es zulässt. Aber ich seh schon kommen, dass ich heute mit dem strahlenden Sonnenschein da draußen auch nicht viel anfangen kann.

  3. carodame schreibt:

    Ich sage irgendwann zu meinen Beinen, dass ich ich sie zurücklassen werde, wenn sie sich so anstellen und nicht mehr wollen, ich habe schließlich noch Arme. Woraufhin diese gleich einlenken, dass auch sie keinerlei Ambitionen mehr haben und ich mit dem Rumpf alleine zurechtkommen muss. Mein Torso windet sich und ich locke schließlich noch alle mit einer Belohnung aus Cola und Feigen, die durch Windbeutel und Schwarzwälder Kirsch ergänzt wird, ins Ziel. Radwandern im engeren Sinne! Sehr.

  4. wow, äußerst interessante landschaft! und „burg“ mag ich sowieso… äußerst interessant finde ich auch die unmittelbare aneinanderreihung des buchstabens „z“ und „sch“… 😉

    • kreuzbube schreibt:

      Es gibt in dieser Region einen akuten Vokalmangel. Da muss man sich erst einmal dran gewöhnen, dass ein Orte Zschechwitz heißt, oder Zschadraß, oder Zschepplin…

      Auf die Landschaft kam ich übrigens so, wie mir das manchmal passiert: Ich sehe irgendwo eine alte Zeichnung, eine Malerei, eine Grafik und die spricht mich so an, dass ich überprüfen möchte, wie es dort heute aussieht. In diesem Falle gab es diese schöne Ansicht vom Wasser aus:

  5. donferrando schreibt:

    Eineinhalb Stunden für zwölf, dreizehn Kilometer
    Was ist daran so besonders. Das ist meine übliche Geschwindigkeit. In der Ebene!

    • kreuzbube schreibt:

      Im Sommer steige ich wieder mit Flip-Flops auf das Ein-Gang-Rad, um immer wieder mal runterkommen von dieser Hatz, die einen immer befällt.

    • kreuzbube schreibt:

      Das würde mir schon gefallen. Warme Sonne und der Radius mit dem Rad kaum größer als um die Schalen mit den Oliven und ums Weinglas. Abgesehen vom Besuch bei Gino.
      Immerhin gelangen wir dieses ja schon mal nach Italien, nur eben weit nach Norden. Aber wir üben damit schon mal…

  6. foster schreibt:

    Sehr schön geschrieben, sehr schöne Bilder.
    Und tolle Leistung. Ich bin schweinehundverseuchterweise nahe daran, nur vom Lesen schon nach Luft zu japsen.

    • kreuzbube schreibt:

      Ich kann die Runde dort nur empfehlen. Wenn man genug Zeit mitbringt und sich nicht hetzt, dann lässt sich das bewältigen. Aber ohne Anstrengung geht’s dort nicht. Tempo 3 km/h ist da schon mal das Maximum. Die Fotomotive lohnen es aber. Leider kommt das bei dem kleinen Blogformat von 640 Pixel Breite nicht so zum tragen. Bildschirmfüllend sehen die ganz anders aus, vor allem die, die carodame sonst noch gemacht hat. Ein Problem ist das Licht im Wald. Schleppt man mehr Objektive mit, dann schleppt man mehr…

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