„Täve, Täve!“

„Das denkst Du gar nicht, wie die da auf einmal losstrampelt!“

Zwischen diesem Lob für carodames beherzten Antritt über eine Landstraßenkreuzung hinweg und jenem ersten damals für die junge Athletin im Sportclub liegt ein halbes Leben. Der es heute wie damals ausgesprochen hat und rechts neben mir fährt, hat seine Karriere 1964 beendet. Bis dahin, um nur einige seine Erfolge aufzuzählen: Zweifacher Weltmeister, zweifacher Friedensfahrtsieger, Silber- und Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen Spielen, etliche Male DDR-Meister und das auch, wie ich hervorheben möchte, im Querfeldeinfahren. „Das lag mir aber nicht so, ich konnte aber immer gut laufen“, meint er dazu. Dann fahren wir einen Stich hinauf, von der Mulde bei Sermuth hinauf Richtung Schönbach, und er lacht auf: Haha, das war aber steil jetzt, da wäre ich doch besser vom großen Blatt runtergegangen. Täve Schur, zum Jahrhundertsportler der DDR gewählt und 84 Jahre alt, macht mir vor, wie man Rad fährt.

Das geht bei ihm ganz flüssig und fließend, Täve fährt eine vorbildliche Trittfrequenz statt langsamem Gekurbel, lässt keinen Tritt aus und er fährt um jede Kurve besser als ich. Einen großen Spacerturm gibt es bei ihm nicht, ein einsamer Ring muss reichen und der Vorbau neigt sich mit 17 Grad nach unten. Handschuhe und Mütze braucht er nicht, auf den Helm legt er hingegen Wert.

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Täves Technik? Ostalgie? Altes Diamant von anno Tobak? Keineswegs. Täve ist up to date. Bis auf Lenker und Vorbau ist alles aus Carbon. Angetrieben, geschaltet, gebremst wird mit moderner Campa Record Gruppe.

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Da er aber auch Tüftler und gelernter technischer Zeichner und Feinmechaniker ist (sein getunter Trabi hatte einst 45 PS) hat er sich zuletzt für winterliche Ausflüge auf breiten Reifen kurzerhand (und unter Zuhilfenahme einer Feile) das alte Colnago-Rennrad seines Juniors umgebaut, das dieser damals zum Abschied von den Radsportkollegen geschenkt bekam. (Nicht, dass er sich einfach in Täves Radladen, betrieben von seinem Sohn Gus Erik, einen beliebigen Crosser hätte hinstellen lassen können…) So ausgerüstet ist er rüber übers Erzgebirge bis nach Prag gefahren.  Kurzum, wenn man wissen will, wie agil man mit 84 noch sein kann, dann ist Täve das Beispiel, das zu erreichen man froh sein könnte. Der Händedruck ist kräftig, der Geist wach und schlagfertig und Neuem gegenüber aufgeschlossen. Der Tag sollte sich abseits des Sattels in erinnerungswürdiger Weise fortsetzen, um andere Dinge kreisen als um kreisende Räder, aber die gehören hier nicht her, in unsere kleinen Blog-Plaudereien.

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Jedenfalls, und so kam das alles, vor uns fuhr Täves Sohn Jan, Olympiasieger, Weltmeister, Tour de France und Giro-Teilnehmer, mit einer ganzen Bande U17 Jugendlicher, die bei uns um die Ecke ihr Trainingslager aufgeschlagen hatten. Zwei Trainingseinheiten am Tag fuhren sie, Jan hatte seinen Vater mitgebracht, und wir waren kurzerhand eingeladen mitzufahren. Für mich war das ein gewaltiger Strich durch die Rechnung in Gestalt meiner Trainingsvorhaben, brachte aber auch Aha-Erlebnisse:  

1) kreuzbube, kauf Dir ein Trekkingrad mit nem Lenkerradio dran. Lass die Maskerade mit dem Rennrad.

2) Wenn Dich jemand fragt „schaffst Du das?“, dann sag einfach mal „nein“ statt reflexartig „ja“.

Während die Nachmittagseinheit ein lockeres Rollen mit leichtem Tritt und flüssiger Frequenz ist, bei der alle genau wissen, was sie machen und innerhalb welcher Belastungsgrenze sie diszipliniert bleiben, bei der sie viel langsamer fahren, als sie fahren könnten, ist die Vormittagseinheit von den Anstrengungen her ein ganz anderes Kaliber. Eins, bei dem man aufgezeigt bekommt, dass es wenig aussagt, wie viele Kilometer man fährt, solange man nicht auch weiß, wie die Kilometer gefahren werden.

„Immer 30 klingt erst einmal langweilig. Ist es aber nicht: Wir lassen es heute in der Ebene laufen, nicht viel schneller als 30. Dafür fahren wir aber in jeden Anstieg richtig mit Tempo rein und drücken den weg. 90-120 Kilometer, wir teilen uns nach 65 km auf. kreuzbube, schafft Du das?“

Tja, und was sage ich da? Einmal dürft ihr raten. Und jeder zweistellige Anstieg in unserer Region wird angesteuert… Ob wir dafür von der eigentlichen Route runter müssen: Hauptsache rauf. An den beiden ersten kann ich dran bleiben, am dritten, der einen Kilometer lang bergauf führt, war’s das schon für mich. Aber schön sieht es aus, wie diese 14, 15-Jährigen vor mir von dannen ziehen, in eng geschlossener Gruppe beisammen bleiben, ruhig auf dem Rad sitzend, gleichmäßig tretend. Auch für sie ist das anstrengend, aber ihr Trainer und auch die Jungs selbst wissen genau, was sie da machen. Das gibt es keine schmerzverzerrten Gesichter, keine gequälten, hochroten Köpfe. Ich bin ziemlich perplex, wie gut die schon selbst einzuschätzen wissen, worauf es ankommt, was Qualität bringt und nicht nur unnütze Qual ist.

Man kann es sich auch ganz simpel ausrechnen, was mir widerfährt. Wenn der Puls der Jungs bei 160 ist, ist meiner schon irgendwo jenseits der 180 und wie von einem Drehzahlbegrenzer wird mein armes Herz abgeregelt. Das ist keine Frage des Willens mehr und der Bereitschaft zur Anstrengung, physisch ist einfach nicht mehr drin. Also kämpfe ich mich irgendwie rauf und fahre wieder ran, zum Glück sausen sie mir nicht mit Macht davon. Und dann kommt ja die schöne, lange Abfahrt – denkste! Die nehmen wir nicht, stattdessen einen weiteren Stich, noch steiler, noch mal 200 Meter. Die Jungs waren an der Abzweigung zunächst vorbeigefahren, wir hingegen biegen rechtzeitig ab. Jan feuert mich an: „Los, kreuzbube, wir haben Vorsprung, das schaffen wir.“ Während ich zu lachen versuche, aber nicht die Luft dafür habe, federn 50 Kilo Jugend an mir vorbei.

So geht das weiter, rauf und runter. Nicht nur, dass die natürlich alle mehr drauf haben als ich, auch ich selbst habe zum jetzigen Zeitpunkt viel weniger drauf als Mitte des vergangenen Jahres. Deshalb hatte ich ja einen Plan…

Der schönste Klassiker? Am meisten lag mir die Flandernrundfahrt, da bin ich in meinem ersten Profijahr Sechster worden. An der Zielgeraden sind der N. und ich falsch abgebogen, da standen welche mit Flaggen und winkten nach rechts. Das war aber die Einfahrt für die Autos. In der Zeit sind die anderen drei uns auf dem richtigen Zieleinlauf davon gefahren.“

Auf dem Oberrohr des Rahmens sitzend, nach links gedreht eine kurze Pinkelpause am Straßenrand, das Feld fährt zügig weiter. Jan ruft ihnen nach, „Fahrt weiter, ich brauche dann etwa 3 Kilometer, um den kreuzbuben ranzufahren“. Er hat den Blick für das Terrain und den Abstand und timed punktgenau, wie wir fahren müssen. „So, jetzt machen wir Dich mal zum Sprinter. Bis zu der Kuppe da vorne fahre ich für Dich an, damit Du Dich nicht kaputt machst. Wenn wir drüber sind, packen wir den Hammer aus.“ Ich schaffe es bis über die Kuppe, mit meinem filigranen Hämmerchen allerdings könnte man eine Armbanduhr reparieren.

Schnell sind wir irgendwie dennoch, rechts abbiegen müssen wir, wie das Auto vor uns, das aber erschreckend langsam ist, weshalb bei dem Tempo nur eins bleibt: in der Kurve dran vorbei. Waghalsigkeiten gibt’s ansonsten aber keine: Die Jugend hält an roten Ampeln an.

„Mailand-San Remo bin ich auch sehr gerne gefahren und die Lombardeirundfahrt hat eine wunderschöne Strecke. Paris-Roubaix hingegen, daran ist nichts schön, das tut einfach nur weh.“

Anschließend könnten wir schön an der Mulde entlang rollen, aber wir müssen ja wieder, richtig: bergauf. Leisnig. Steil, steil, steil, und Kopftsteinpflaster, wo’s am steilsten wird. „Mit Tempo rein und drücken.“ kreuzbube hat Druck, doch er drückt nicht. Irgendwie kommt er oben an.

Die Abfahrten… die fahren auch bergab viel schneller als ich, auch wenn ich mich daran gewöhne, mit Gottvertrauen der Linie der anderen zu folgen. Auch in jeder Kurve verliere ich an diesem Tag drei, vier Meter und weil die Jungs in jedem Kurvenausgang beherzt ein paar Meter antreten, kostet mich das stetig Körner.

Schon nach einer Stunde war mir klar, dass die Glykogenspeicher heute nach weiteren 30-60 Minuten leer sein würden, denn ich verbrenne nicht zu knapp Kohlenhydrate. Irgendwo angehalten wird auf dieser Distanz natürlich nicht, die getrockneten Feigen in der Trikottasche fangen die ärgsten Nöte ab, damit ich nicht zu sehr an der Substanz zehre. Dennoch ist auf den letzten 10 km der Tank leer und ab da kann ich mich nur noch ziehen lassen.  An dieser Stelle muss ich einwerfen, dass meine jugendlichen Begleiter in jeder Hinsicht klasse sind. Auf der Nachmittagsrunde fallen zwei von ihnen kurz zurück, austreten, und wir biegen ab. Ich kehre um, denn zumindest kenne ich die Gegend, damit sie die Abzweigung nicht verpassen. Und mit einer völligen Selbstverständlichkeit beordern mich die beiden Teenager nach hinten: „Vielen Dank, und jetzt bitte mal hinten einreihen.“ Für die beiden ist es keine Frage, dass sie den alten Mann ranfahren müssen und auch nicht, dass sie das Ruder in die Hand nehmen. Die gefallen mir.

Woher der Wind weht, kriegen sie sowieso binnen einer Sekunde mit und ebenso schnell haben sich zu einer entsprechenden Staffel formiert. Von den Wechseln gar nicht zu reden, die mustergültig vollzogen werden.

Vorher und hinterher wird auf alles geachtet. Haben alle die richtige Kleidung für das Wetter an? Steckt etwas zu essen hinten im Trikot? Sobald die Räder wieder still stehen, wird sofort geduscht und in warme, trockene Kleidung geschlüpft. Dann wird sofort gegessen.

Ein Beispiel gefällig für das, was der dergestalt vorbereitete Nachwuchs unter 17 Jahren auf den Asphalt bringen kann?:

Deutsche Meisterschaften der U17 im Mannschaftszeitfahren: 40,8 km in 54 Minuten.

Abschließende Anekdote: Wir sitzen am Samstag nach dem Training so beisammen, da sagt mein Gegenüber in die Runde: Ihr müsst euch das mal anschauen, im Internet setzt einer Sprechblasen in Fotos von Bernard Hinault, der immer wieder vergeblich versucht, bei der Eroica mitzufahren…

Anekdote 2: Im Sportclub, da gab’s eine, die hat mit einem Arm Klimmzug gemacht.

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7 Antworten zu „Täve, Täve!“

  1. Pingback: "Täve, Täve!" - EISENSCHWEINKADER EISENSCHWEINKADER

  2. randonneurdidier schreibt:

    diesen Beitrag hast Du schon im März geschrieben – heute erst habe ich ihn gelesen, nachdem ein Freund von einem Amateurrennen berichtete, das „sein Bruno“ als fünfter beendete und dann danach auch noch die Ehre hatte, Täves erfahrene, anerkennende Hand auf der Schulter zu spüren. Ich habe ihm Deinen Artikel geschickt, und so wurde sein Erlebnis noch ein wenig nachhaltiger.
    all the best
    Dietmar

  3. ritzelflitzer schreibt:

    Da wäre ich gerne live dabei gewesen. Aber irgendwie war ich ja dabei, bin auf einmal so erschöpft und mein Glykogenspeicher ist auch alle…

    • kreuzbube schreibt:

      Du wirst es nicht glauben, was mir noch passiert ist. Nachdem wir Samstag und Sonntag unterwegs waren, darunter auch Peter vom RC Kleinmachnow mit Sohn, da ziehe ich mich Sonntags um. Statt der durchgeschwitzten Mütze landet die trockene ESK-Mütze auf meinem Kopf.

      Peter guckt mich an: Wo hast Du denn die Mütze her?
      Ich: Da gibt’s in Berlin eine Truppe, die…
      Peter: Das habe ich damals entworfen!

      Nach zwei Tagen offenbart sich mir Eisenschweinkader-Urgestein Husten

  4. crispsanders schreibt:

    sehr ehrlicher Sport: danke für die Teilhabe. Kann man (auch mental) von zehren.

    • kreuzbube schreibt:

      Alle solche Begebenheiten, auf die ich mich -bisweilen voreilig- eingelassen habe, bleiben in meiner steten Erinnerung. Nicht immer weiß ich, was mich erwartet, aber anschließend stets, was ich verpasst hätte. Das heißt nicht, dass ich alles Erlebte wiederholen müsste, aber missen möchte ich es bislang in keinem Fall. Es geht dabei nicht einmal nur um äußere Dinge, wie Sport und Training und diesbezügliche Erkenntnisse. Ich bin immer gespannt auf des innere Erlebnis: Wie empfinde ich das? Was macht es mit mir? Das ist bisweilen sehr überraschend,

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