Non omnis moriar

„Ick hab sechs Schrippen, eene Pulle Milch und zwee Pfund Weintrauben mitjebracht. Ick fahr los, und wenn det alle is, dann höre ick uff.“ Willy Techmer, Teilnehmer des ersten Berliner Sechstagerennens und Sieger 1919.
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friedhof-8

„Hallo, ich bin Egon“ begrüßt er uns auf dem ersten der von uns angesteuerten Friedhöfe und weist uns den freundlich den Weg zur gesuchten Grablage. Eine Minute zuvor war uns ein Kollege von ihm nachgeeilt, „Hey, Radsportler, wo wollt ihr denn hin? Ich bin auch Radsportler…“. Dann hat er uns zu Egon geschickt. Und der uns zu einer weiteren Kollegin von der Friedhofsgärtnerei. Und die uns zur Grablage, der ersten, die wir an diesem Tag ansteuern.

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Tagesfreizeit in der Mitte der Woche. Es trifft sich gut, dass auch andere nicht auf sonntägliche Exkursionen festgenagelt sind. Noch besser trifft es sich, dass ich zu einer Sache eingeladen bin, die mich nicht zuletzt deshalb lockt, weil sie an unseren Concours des Corbeaux erinnert, der uns seinerzeit auf den Spuren der Völkerschlacht zu den 50 Apelsteinen geführt hatte, die kreuz und quer im Leipziger Stadtgebiet verteilt liegen.

Nun also Berlin. Eine Erinnerungsreise. Friedhöfe wollen gefunden werden und Gräber berühmter Radrennfahrer wollen gefunden werden. Toni und Twobeers sind stadtkundig, Twobeers hat zudem im Vorfeld die Grablagen ermittelt, denn ohne die wäre die Suche auf den Friedhöfen die Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.

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Am Hüttenweg/Ecke Kronprinzessinnenweg parke ich morgens im Nieselregen und bis ein paar Minuten später meine beiden Begleiter erscheinen, sind schon etliche Rennradfahrer an mir vorbeigezogen. Ich befinde mich offenkundig in einem beliebten Auslaufgebiet und erfahre später, dass dort Sonntags im 5-Minuten-Takt die Radgruppen zu ihren Ausfahrten starten. Ich schwinge mich in den Sattel und schalte das Kulturradio ein: In den kommenden Stunden bekomme ich von meinen Begleitern eine Stadtrundfahrt par excellence geboten und vor allem Twobeers hat einen unerschöpflichen Fundus an Geschichten parat.

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Erster Halt: Die Giro D’Espresso Bar. Ohne Espresso geht am Morgen nichts. In der in schönem Altrosa gehaltenen Bar schmeckt er sensationell gut und wird von einem Pistazienkuchen begleitet, der dem Kaffee in nichts nachsteht. 

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Franz Krupkat, genannt Der lustige Franz, fuhr mit Richard Huschke den Weltrekord für die Ewigkeit. Beim Sechstagerennen 1924 absolvierten sie unglaubliche und bis heute unerreichte 4544,2 km. 1927 starb Franz Krupkat nach einem schweren Sturz auf der Leipziger Radrennbahn.

franz krupkat

Huschkes Rezept für den Weltrekord: 12 Stunden Schlaf reichen für sechs Tage und Nächte – nimmt man sechs Hechte: passiert und in Thermosflaschen gefüllt macht der Phosphorgehalt „dein Gehirn hellwach“, davon war Huschke, ein begeisterter Angler, überzeugt.

huschke

Zweiter Halt: Auf dem ältesten Markt Berlins, dessen Name und Lage ich schon wieder vergessen habe, stärken wir uns mit Fischbrötchen. Geistesgegenwärtig greift Toni, anders als Twobeers und ich, nicht zum Matjes, sondern bestellt Bismarck, womit er sich schon auf die beiden Sonderwertungspunkte einstimmt, die er ein paar Stunden später einheimsen wird.

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Kurt Stöpel gelang die bis heute beste Platzierung, die je ein Deutscher in ein und demselben Jahr bei der Tour de France und beim Giro D’Italia erzielte. Zweiter der Tour wurde er 1932 und beim Giro kam er als Gesamtfünfter ins Ziel. Drei Wochen vor der Tour de France 1997, die Jan Ullrich als erster und bis heute einziger Deutscher gewinnen sollte, nahm sich Kurt Stöpel im Altersheim etwas zu trinken. Angeblich versehentlich griff er zu einer Flasche Reinigungsmittel und trank dieses, woraufhin er verstarb.

kurt_stöpel

Reinhold „Krücke“ Habisch (1889-1964) war kein Radrennfahrer, nach einem schweren Verkehrsunfall musste er an Krücken gehen. Er ist aber untrennbar mit dem Berliner Sechstagerennen verbunden. Krücke war das Sprachrohr des Publikums auf den billigeren Plätzen, auf dem „Heuboden“, und er war es, der beim Sportpalastwalzer auf den Fingern in daraufhin berühmt gewordener Weise mitpfiff. Krücke war es auch, der 1929 den als Besucher anwesenden Startenor Richard Tauber dazu brachte, im Sportpalast zu singen, während das Rennen neutralisiert wurde. Anschließend gab Tauber eine Freibierlage. Twobeers hat von Krücke bereits in sehr schöner Weise erzählt, wie man hier lesen kann.

kruecke habisch

cigago bude 2Dritter Halt ist Robs Cikago Bude. Ein wirklich schöner Laden mit noch schönerem Hinterzimmer für die Eisenschweinkader. Ich kann hier ein gut gehütetes Geheimnis enthüllen: Die Eisenschweinkader trinken nicht von morgens bis abends Schultheiß, Rob wollte gerade Milch einkaufen gehen, als wir eintrudeln. Wir sitzen vor dem Laden, verlegen uns auf Berliner Kindl, quatschen mit Rob und Kollegen Bob, mit Passanten, und auch mit dem friedlich herumlaufendem freundlichen Vizla-Rüden, bevor ich noch eine Cikago-Bude-Mütze für carodame als Geschenk mitnehme.

Die Cikago Bude

Die Cikago Bude

Das Bismarckdenkmal vis à vis der Siegessäule muss ich den Unendlichen Rundfahrern noch einmal zeigen, auch wenn der Sonderwertungspunkt schon vergeben ist. Anhand der Räder am Zaun sieht man, wie riesig die Bronzen sind, ich hatte sie mir viel kleiner vorgestellt.

Bismarckdenkmal Berlin

Bismarckdenkmal Berlin

Twobeers erläutert die Figuren, ich habe es leider schon wieder vergessen, zu viel prasselt an diesem Tag auch mich ein.

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Fredy Budzinsky, Journalist und Autor und Verkörperung des Radsportfachwissens schlechthin, ist aus dem Radsportgeschehen des 20. Jahrhunderts nicht wegzudenken. Budzinski war das Sprachrohr des Radsports, verlor seine Anstellungen  unter den Nazis wegen seiner „nicht-arischen“ Ehefrau, wurde 1936 aber gleichwohl stellvertretender Pressechef der olympischen Spiele in Berlin. Ab 1920 organisierte er die bis in die 50er Jahre ausgerichtete „Meisterschaft der Zeitungsfahrer“, vor allem aber geht er in die Geschichte der Sechstagerennen ein, weil er die Punktwertung für das Bahnfahren erfunden hatte, die weltweit übernommen wurde. Denn zuvor wurde einfach „nur“ auf Dauer gefahren, Budzinskys Wertungssystem machte das Geschehen fortan ungleich interesannter.

budzinski

Leider konnten wir die alte Rennbahn Weißensee nicht besichtigen, ein Zaun ist drum herum gebaut und alle Tore waren verschlossen. Dort gab’s 1988 das größte Konzert, das in der DDR je stattfand. Bruce Springsteen spielte vor offiziell 160.000 Zuschauern, inoffiziell wird von bis zu 300.000 Menschen berichtet, denen sich die Ordnungskräfte nicht mehr entgegenstellen konnten.

rennbahn weissensee

Tempelhof. War ich schon früher, von außen, von dem riesigen Gebäudekomplex beeindruckt, bin ich es vom nun offenen Flugfeld nicht minder. Skater, Kite-Surfer auf Rollen, Radfahrer, für alle ist viel, viel Platz, und nach ein wenig Überlegen denke ich mir: Man sollte das nicht bebauen. Klar, man macht es keinem recht. Zu wenige Wohnungen, zu hohe Mieten, das ist wenig beliebt. Baut man dann, ist es auch wieder nicht recht, zumindest nicht denen, vor deren Nase gebaut wird ganz zu schweigen von anderen, die sowieso immer dagegen sind. Das ist schon tricky. Aber wie auch immer, wenn es mich als Berliner etwas anginge, dann wollte ich dieses riesige Areal nicht den Bauträgern überlassen. Eine solche Freifläche mitten in der Großstadt empfinde ich als erhaltenswert, und einmal bebaut, führt kein Weg mehr zurück. Brachflächen scheint es rund um Tempelhof noch zur Genüge zu geben und auch sonst im Stadtgebiet, denke ich angesichts der riesigen Güterbahnshofsareale, die wir passiert haben.

tempelhof

Auf dem Flugfeld Tempelhof wäre fast meine Radsaison beendet worden. Während ich beide Hände voll zu tun habe, nach links und rechts zu fotografieren und mit Twobeers zu quatschen, steuere ich auf der 50 Meter breiten Rollbahn auf einen Betonblock zu. Einen guten Meter vorher ruft Twobeers noch „Achtung!“ und ich komme gerade so daran vorbei.

twobeers tempelhof

(Die Bremshebel von Tektro, die Twobeers hier verbaut hat, kann auch ich empfehlen. Sie bauen deutlicher breiter als Vintage Hebel. Die Hand liegt locker auf und man entgeht damit dem typischen Einschneiden zwischen Daumen und Zeigefinger, wenn man auf den alten Dingern nach unten rutscht.)

Ich weiß gar nicht mehr, wo wir noch überall entlang kamen, ich kann mir das unterwegs gar nicht alles merken, doch meine aus den bisherigen zehn Berlinbesuchen gewonnen Einzelbilder beginnen, sich ein wenig zu einem Netz zu verweben.

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Walter Rütt war der Superstar unter den deutschen Rennfahrern des beginnenden 20. Jahrhunderts, als die Massen zu Zehntausenden auf die Rennbahnen drängten, als sie vom Spektakel der schnellen Männer auf schmalen Reifen magisch angezogen wurden, als im Kaiserreich auch der Kronprinz sich bestens unterhalten fühlte und dafür sorgte, dass Walter Rütt auch in Deutschland wieder an den Start ging. Denn Rütt war eine große Nummer bei den Rennen im New Yorker Madison Square Garden und hatte sich dem Militärdienst entzogen, weshalb er nicht mehr ins Deutsche Reich einreisen konnte. Doch alle wollten Rütt sehen, nur Rütt konnte es richten, nach der Schmach als ein Amerikaner 1909 das erste Sechstagerennen in Berlin gewonnen hatte. Auch Kronprinz Ferdinand wollte Rütt, weshalb es denn auch klappte mit dessen Begnadigung. Rütt gewann das Sechstagerennen gleich mehrfach und auch in Leipzig triumphierte er, wurde dort 1913 Sprintweltmeister. 

Walter Rütt beschrieb 1929 die Verdienstmöglichkeiten: „[wobei sich die Tagesgagen zwischen 400 und 1200 Mark bewegen. Dazu kommen noch die besonders ausgesetzten Preise für die Sieger und Platzierten, Überrundungsprämien [] nicht gerechnet die zahlreichen Publikumsprämien, deren Wert in manchen Rennen 30.000 Mark übersteigt. Gerade in den Publikumsprämien, seien es Bargeldpreise oder Sachwerte, liegt eine große Verdienstmöglichkeit für tüchtige Prämienspurter [] Mein schönster Preis ist eine vom ehemaligen Kronprinz für einen Spurt ausgesetzte Brillantnadel.“

walter rütt 2

Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich nehme weder wahr, wie lange wir unterwegs sind noch wie weit wir gefahren sind. Nach etwa 90 km im Berliner Stadtverkehr, so erfahre ich, und einigen Fußmärschen über die Friedhöfe, beenden wir die Rundfahrt kreuz und quer durch die Hauptstadt. Toni und Twobeers sollten am Schluss 50 km mehr auf der Uhr haben, einmal durch die Stadt und zurück ist für Berliner schon das, was für unsereinen die Feierabendrunde ist. Etwa einen Kilometer nördlich vom Parkplatz kehren wir in einer Gaststätte ein, die anhand der dort feilgebotenen Utensilien für Rennradfahrer unschwer als Treffpunkt selbiger zu erkennen ist. Die Gulaschsuppe ist hausgemacht und sehr lecker und ich werde kurzerhand eingeladen, im April bei einem Fahrradflohmarkt Teile zu verkaufen. Ein toller Tag, tolle Begleitung, tolle Geschichten.

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6 Antworten zu Non omnis moriar

  1. crispsanders schreibt:

    Erstaunliche Ortskunde! Besten Dank.

  2. twobeers schreibt:

    Ich möchte noch an das Grab von Bruno Demke auf dem Garnisonsfriedhof erinnern, das wir auch besucht haben.

    • kreuzbube schreibt:

      Selbstverständlich soll er nicht in Vergessenheit geraten. Seine Abwesenheit war dem durch Tee zerstörten trackpad geschuldet, was hier zum Textverlust geführt hatte. Nun also:

      Bruno Demke war, bevor er sich auf Steherrennen verlegte, ein Flieger, wie man die Sprinter damals nannte. Das Fliegen war auch sonst sein Hobby. Er hatte einen Pilotenschein und arbeitete als Fluglehrer. Als solcher stürzte er 1916 ab. Die Radsportkameraden errichteten ihm in der Hasenheide, durch die Toni uns mit einem Schlenker geleitetet hat und wo einst Turnvater Jahn die Berliner für das Turnen begeisterte, einen Gedenkstein.

      Heute erinnert ein Stein auf dem Garnisonsfriedhof an ihn, doch irgendwer hat irgendwann aus Bruno Demke einen Bruno Domke gemacht. Darauf muss man erst einmal kommen und das muss man bei der Suche nach dem Grab erst einmal herausfinden.

  3. twobeers schreibt:

    Wieder ein sehr schöner Bericht aus Deiner Feder, den ich gerade in Leipzig lese. Der Carodame gefällt hoffentlich das Mitbringsel.

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