Ho-Ho-Holzspielzeug!

carodame hatte sich genau die richtige Renntaktik zurechtgelegt. Nach mehrwöchigem Kampf gegen Viren war klar, dass sie nicht an beiden Etappenzielen um den Sieg würde mitfahren können. Alles auf eine Karte zu setzen hieß es für sie, und zuvor möglichst die Kräfte zu schonen. Nach 35 Kilometern gegen den Wind und an meinem Hinterrad kommt am Anstieg zur Säule auf der „Keule“ der entscheidende Moment.

bismarckturm remda 2

Auf etwa 2000 Meter taxiere ich den letzten Abschnitt, der sich wohl um den Berg herumwinden würde. Weit entfernt geht ein Spaziergänger mit Hund, so lässt sich das halbwegs einschätzen. Während ich die Kamera heraus hole, was auf dem Schotter nicht freihändig geht, tritt carodame beherzt an und setzt sich ab.

bismarckturm remda 1

In einem Moment des Entsetzens entdecke ich, dass es weiter vorne einen direkten Pfad scharf links abbiegend hinauf zur Bismarcksäule gibt. Aus den erwarteten 2000 Metern werden schlagartig nur deren 1000, und carodame hat mittlerweile 400 Meter Vorsprung, bis ich mich an die Aufholjagd mache. Viel zu schnell versuche ich, verlorenes Terrain zu gewinnen, das Tempo halte ich bergauf auf diesem Untergrund nicht durch. Erst als sie die letzten 100 Meter Grashang zu Fuß schon zur Hälfte bezwungen hat, biege ich unten ein, schultere, laufe los.

(Bild nachgestellt)

(Bild nachgestellt)

Vergeblich. Der Bismarckturm Remda, der eine Säule ist, gehört ihr.

Bismarckturm Remda

Bismarckturm Remda

Ausblick von der Bismacksäule Remda

Ausblick von der Bismacksäule Remda

Bis dahin hielten sich die Höhenmeter in überschaubaren Grenzen und wir erfreuten uns daran, wie viele Radwege im Thüringen mittlerweile angelegt worden sind und wie viele Radrouten die Orte überwiegend abseits des Autoverkehrs verbinden.

orlamuende - rudolstadt 1

Mal sind sie asphaltiert, bisweilen nur befestigt, aber immer wird der Radfahrer mit den schönsten Streckenführungen belohnt.

richtung remda 1

Das gefällt mir so gut, dass mir die Geschichten über Bismarck und die Zeit seines Wirkens, von denen ich erzählen wollte, völlig aus dem Kopf gingen. Das ist heute nicht der Tag, Geschichte zu befragen, die sonnendurchfluteten Bilder des Hier und Jetzt verdrängen das völlig.

remda abfahrt

Vom Remda aus gibt’s dann gar keine Kilometer mehr, sondern nur noch Höhenmeter. Rauf und runter geht’s im tiefen Tann, es duftet nach frisch geschlagenem Holz, und auch wenn wir nicht immer ganz auf dem richtigen Weg sind, so sind wir doch auch nicht falsch.

thaelendorf 2

Selbstverständlich, wir könnten alles akribisch vorbereiten, uns exakt des Weges geleiten lassen und diesen nie verlassen, aber damit entgingen uns die Dinge, die mit den Unwägbarkeiten einhergehen, die man ungewollt und beiläufig entdeckt, weil gerade etwas vermeintlich schief gegangen ist.

rettungspunkt 1

Wir stoßen auf den Fröbel-Rundwanderweg, folgen diesem kurzentschlossen und ahnen, weshalb man den Wanderern im Thüringer Wald, vor allem für widrigere Witterungsbedingungen, Notfallpunkte an die Seite stellt. Wir gelangen zum Friedrich-Fröbel-Denkmal, das aus einem Würfel, einem Zylinder und einer Kugel besteht, den Elementen des Holzspielzeugs, das dieser Reformer der Kindererziehung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Erziehern und Kindern zur Hand gab. Spielerisch sollte die Entwicklung der kleinen Menschen erfolgen, und genau so sind wir an diesem Tag als Erwachsene mit dem Rad unterwegs. An dieser Stelle mit ihrem phantastischen Ausblick saß einst Fröbel nach einer Wanderung und erfand 1840 den Begriff „Kindergarten“. Den ersten Kindergarten überhaupt errichtete er noch im selben Jahr in Bad Blankenburg.

froebel denkmal

Wen stören da ein paar Extrakilometer, noch dazu, wenn sich der nächste Spaß auf einer kilometerlangen Abfahrt ins Tal einstellt, auf der man ein wenig mit Geschicklichkeitsübungen herumspielen darf? 

bismarckturm sitzendorf aufstieg

40 km oder 1000 Höhenmeter nach dem Sieg am Bismarckturm in Remda hat carodame am Bismarckturm in Sitzendorf dem kreuzbuben nichts mehr entgegenzusetzen. Der Bismarckturm Sitzendorf, der älteste aller erhaltenen Bismarcktürme, sollte sich als der Mont Ventoux der Unendlichen Rundfahrt entpuppen. Zwischen den Ufern der Schwarza drunten im Tal und dem 490 Meter hoch gelegenen Turm liegen nur 3 km, aber die sind die schwersten 3 km aller bisher gefahrenen Etappen. Ab und an lassen sich 50 Meter fahren, die meiste Zeit aber versuche ich nur herauszufinden, was über die Wurzeln und Steine und durch das tiefe Laub des eher imaginären Pfades am kraftsparendsten ist.  

bismarckturm sitzendorf aufstieg 2Am besten und „schnellsten“, wenn man von schnell reden möchte, klappt es mit dem geschulterten Rad, die Atmung fällt leichter als beim Schieben. Dann, und das werdet ihr kaum glauben, in direkter Sichtweite des Turms, vielleicht 250 Meter unterhalb von ihm, habe ich fast die Schnauze voll, denke tatsächlich eine Sekunde darüber nach, das Unterfangen aufzugeben und unverrichteter Dinge umzukehren. Das mache ich natürlich nicht, aber ganz oben zittern mir kurz die Beine, als ich die letzten Meter zum Turm erklimme.  

Bismarckturm Sitzendorf

Bismarckturm Sitzendorf

Bismarckturm Sitzendorf

Bismarckturm Sitzendorf

Der Blick vom Turm aus reicht weit, weit zu all den Bergen, zwischen denen wir uns zuvor herumgetrieben haben.

Blick vom Bismarckturm auf Sitzendorf

Blick vom Bismarckturm auf Sitzendorf

Die Abfahrt ins Tal ist kaum leichter als der Aufstieg, die Kräfte und damit auch die Konzentration sind geschwunden, doch die Oberschenkel müssen Stoßdämpfer spielen, weil sich das alles nicht im Sitzen fahren lässt, soweit es sich überhaupt fahren lässt.

Der Weg ist im Bild versteckt!

Der Weg ist im Bild versteckt!

Eine Heidelbeertorte mit Sahne später freuen wir uns auf das letzte Drittel unserer Tour. Durch das schöne Schwarzatal schlängeln sich die ersten 12 Kilometer des Rückwegs und auch dort hat man einen wunderbaren Radweg angelegt, direkt zwischen Flussufer und Waldrand. Kurzum, es wurde für uns mit wiederentdeckten Kräften ein schöner Rückflug nach Bad Blankenburg und von dort aus (mit wieder nachlassenden Kräften…) via Rudolstadt bis zum Auto in Orlamünde. 

Bis zum Auto in Orlamünde. Hätten wir uns mal gemerkt, wo wir das geparkt haben. Wie die Straße hieß. Denn nun wird es dunkel, wir kommen aus einer ganz anderen Richtung rein, erkennen nichts wieder und finden das Auto nicht mehr. Mit moderner Technik ließe sich das von Anfang an verhindern, aber damit sind wie wieder bei den Unwägbarkeiten und den Wendungen, die diese mit sich bringen.

Vor einer Pizza- und Dönerbude steht Flo und trinkt ein Bier. Ihm beschreibe ich, wie es aussieht, dort wo das Auto steht. „Eine Straße, die leicht bergauf führt und in der Parkbuchten eingezeichnet sind. Fährt man nach links und auf den Radweg, dann kommt man ein Stück weiter zu einer Brücke mit Holzbohlen. Mehr weiß ich nicht.“ Flo weiß Bescheid. Er schildert uns den Weg und wir finden erleichtert das Auto. Statt nach Hause steuere ich kurzerhand zurück zur Pizza- und Dönerbude. Flo steht noch da und wir gehen erst mal zusammen ein Bier trinken und etwas essen. Währenddessen erzählt er uns von Türmen und historischen Gebäuden in der Region, vom ehemaligen Kloster, in dem er als Kind wohnte und das er gerne kaufen und sanieren würde, sollte er mal im Lotto gewinnen. Er erzählt von den REIMAHG (Abk. für REIchsMArschall Hermann Göring) Flugzeugwerken, die es einst dort gab und wie die Amerikaner sie entdeckten, und er erzählt von der Weißen Frau, der Witwe des Grafen von Orlamünde, die der Sage nach ihre beiden Kinder ermordete, indem sie ihnen Nadeln in den Kopf stach, obwohl sie eigentlich ihre Schwiegereltern hätte ermorden sollen, und die nun angeblich als Gespenst umgeht. 

Wir hätten was verpasst, hätten wir alles perfekt geplant.

***

Das aktuelle Gesamtklassement der Unendlichen Rundfahrt

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7 Antworten zu Ho-Ho-Holzspielzeug!

  1. Anneke schreibt:

    Ich liebe dieses Gefühl von Freiheit, dass ich auf dem Rad empfinde. Abtauchen im Gelände, „fern“ der Zivilisation. Das knistern der Reifen über langezogene Schotterwege, die zur rauschenden Fahrt einladen. Buckelige verwurzelte Trails die zum Spiel auffordern. Dies zusammen mit nette Mitmenschen, oder sich zufällig ergebende Begegnungen, machen solche Ausflüge rund. Gratulation zu dieser schönen Bismarcktürmetour!

    • kreuzbube schreibt:

      Mir sind solche Touren wie die hier die liebsten. Abwechslungsreich, kurzweilig, und man entdeckt fernab der Straßen Punkte, die sich die Menschen auch vor Jahrhunderten nur erwandern konnten. So wie die Stelle mit dem Fröbeldenkmal. Da hat sich nicht viel geändert in 200 Jahren, außer dass ein paar Holzschilder im Wald hinzugekommen sind.

  2. carodame schreibt:

    Also, ich habe mich mit Thüringen wieder sowas von versöhnt. Und: Ich habe mir wohl die letzten Reste widerlicher Befindlichkeiten aus dem Leib gefahren. Da sind doch ein wenig schwer Beine eine ungeheure Labsal gegen die monatelange Belagerung von Heerscharen mit Minischmarotzern.
    Den schönsten Satz des Tages sagte jener Flo mit Wicküler in der Hand, als wir in der Finsternis der Kleinstadt nach dem Auto suchten (ist wohl irgendwie peinlich), nach unserer Beschreibung:
    „Klar kenn` ich, ich wohne nämlich da!“ Tsss.

  3. prieditis schreibt:

    Ich schließe mich an, mit der Begeisterung!
    „Schnauze voll…“ – kenn ich…

    • kreuzbube schreibt:

      Fast noch spannender als das äußere Erleben ist für mich das innere Empfinden. Was einem da unvermittelt durch den Kopf schießt… Warum mache ich das überhaupt, was ist an so einem Turm schon so wichtig, sich so abzuplacken? Warum überhaupt Rad fahren? Warum gehe ich nicht angeln oder Boule spielen? Erlebe ich demnächst noch den Termin beim Kardiologen?

  4. randonneurdidier schreibt:

    Ich bin begeistert! Danke für diesen wunderbaren Beitrag. Die Fotos, die Landschaft, die Stimmung…literarisch wertvoll!

    • kreuzbube schreibt:

      Vielen dank für das Lob. Wir hatten uns kurzentschlossen den Samstag ausgesucht und trafen damit die richtige Wahl. Sonnenschein den ganzen Tag, dann ist Thüringen so schön, wie es auf den Fotos zu sehen ist. Bei Regen, Kälte und Schnee hingegen kann das schnell ganz fies werden, carodame hat es erst vor zwei Wochen erlebt…

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