Ostern mit Otto und Willy

Geschichte wiederholt sich und zu Ostern legen wir euch, wenn ihr die Muße dafür aufbringt, ein paar Geschichten, einen Turm und ein Denkmal ins Nest.

Es ist immer nur eine Frage der Zeit, bis etwas von vorne losgeht. Banken etwa gingen auch zu Bismarcks Zeiten pleite. 1873, 1874 erwischte es sie gleich im Dutzend. 61 Banken, 116 Industrieunternehmen, 4 Eisenbahngesellschaften, alle hatten ausgewirtschaftet. Sogar die Krupp Stahlwerke überlebten nur, weil eine staatliche preussische Bank sie rettete.

Beim kreuzbuben wiederholen sich die Geschehnisse und Niederlagen auch, sogar im Wochenrhythmus. Diesmal waren Betrachtungen über Herz und Seele einer Region schuld. Rund ums Steigerwaldstadion in Erfurt wurde nämlich versichert, alles sei rot-weiß im sehr grün daher kommenden Thüringen.

RWE

Würden sie mal mehr Rad fahren, die Fussballfans, dann wüssten sie, dass die Herzen in der Region wahlweise schwarz-gelb und blau-weiss sind…

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Während ich ob dessen noch vor mich hin sinniere, zieht carodame an, die derweil die Auffahrt zum Turm entdeckt hat. Ich sage ja, Geschichte wiederholt sich. Bis ich schließlich das Telefon weggesteckt habe, haben wir genau die Situation, die wir in der Vorwoche am Bismarckturm Remda erlebten: carodame hat 400 Meter Vorsprung und der Weg zum Turm ist etwa 1000 Meter lang – und die führen steil durch den Steigerwald nach oben.

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Das wird knapp für den kreuzbuben. carodame kann 39-28 fahren, ich hingegen habe 39-25 gekettet. Es bleibt auch knapp und noch knapper ist der Zieleinlauf. Die Straße endet, geht es links oder rechts? Wie entscheiden? carodame fährt links, ruft jemandem zu „Bismarckturm?“, die winken sie sofort seitlich rein und ich komme nicht mehr an ihr vorbei. Die Etappe zum Bismarckturm in Erfurt geht an sie.

Bismarckturm Erfurt

Bismarckturm Erfurt

what_would_jens_do_2Einige Zeit zuvor: Verflixt, kann man denn so viel Pech haben? Die Handschuhe vergessen! Und das, wo wir einige Stunden Fahrt vor uns haben und weit weg von zu Hause sind. Da wird keineswegs umgekehrt, da brauche ich den Jens diesmal gar nicht zu fragen. In Naumburg sind wir und erkunden den ersten Streckenabschnitt für unsere Fahrt von Dom zu Dom demnächst. Bei der Gelegenheit denken wir uns, steuern wir doch einmal einen Dom in der anderen Richtung an, den in Erfurt. Es ist wohl so etwa sechs Grad kühl und ohne die Handschuhe ist das erst etwas unangenehm. Nun ist der Täve neulich auch ohne gefahren, aber da war es etwas wärmer und er ist ohnehin aus einem anderen Holz geschnitzt. Ich mühe mich also, eine Stunde lang nicht dran zu denken, dann wird’s langsam sonnige 9° und damit ist alles in Butter.

kunstwerk

Die Route ist eine Empfehlung wert. Mein Faible für Thüringen wächst. Ob Saaleradweg, Illmtalradweg bis Apolda und Weimar, schließlich die Thüringer Städtekette bis Erfurt, die gesamte Strecke ist tadellos beschildert und lässt keine Zweifel über den einzuschlagenden Weg. Landschaftlich schön gelegen ist sie und nahezu autofrei. Wir passieren Weinberge, folgen Flusslandschaften, durchfahren herausgeputzte kleine Dörfer. Wen kurze Pavé-Abschnitte und mal hier und da hundert Meter Waldweg nicht schrecken, der ist auch mit dem Rennrad gut unterwegs.

fahrradnixen

Wir staunen, dass die Qualität der Beschilderung in Weimar nicht nachlässt. Von der Einfahrt in die Stadt an werden wir zuverlässig mit Fernziel Erfurt mitten durch Weimar hindurch gelotst. Um uns zu verfahren, müssten wir auf beiden Augen blind sein. Als wäre die Landschaft um uns herum noch nicht genug, gibt man sich alle Mühe, für zusätzliche Zerstreuung der Radreisenden zu sorgen.

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Unterwegs lockt vor Weimar die soziale Hängematte zum Hineinplumpsen und Ausspannen für Jedermann.

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Erfurt wartet zunächst mit dem Sonderwertungspunkt am Anger 33 auf. Dort steht das Bismarckhaus mit der Statue des Kanzlers über der Fußgängerzone.

Bismarckdenkmal Erfurt

Bismarckdenkmal Erfurt

1948 hatte man das Denkmal zerstört, wollte unter dem Eindruck des erst überstandene Krieges jegliche „militaristische und nationalsozialistische Denkmäler“ aus den Städten tilgen. Mit dem Nazivorwurf kommt man beim 1898 gestorbenen Bismarck hingegen nicht weit, seine Reichsverfassung von 1871 brachte den Menschen jüdischen Glaubens die volle Gleichberechtigung. Schwarz-weiß Betrachtungen bringen auch im Hinblick auf den Militarismus nicht weiter. Selbstredend verkörpert Bismarck Preussen über Jahrzehnte hinweg wie kaum ein anderer und das deutsche Reich entsteht 1871 auch erst mit dem deutsch-französischen Krieg 1870/1871 nach der Niederlage Frankreichs, das 1870 unter Kaiser Napoleon III. dem Norddeutschen Bund unter Führung Preussens den Krieg erklärt hatte. Auf der anderen Seite sah Bismarck das nun entstandene Deutschland als „saturiert“, das Reich sollte fortan in keine Kriege mehr verwickelt werden. Bismarcks verwickelte Bündnispolitik führte dazu, dass das Deutsche Reich schließlich mit mehr oder minder jeder anderen Macht in Europas verbündet war, sieht man von Frankreich ab.

Juri-Gagarin-Ring Erfurt

Juri-Gagarin-Ring Erfurt

Am Juri-Gagarin-Ring sehen wir den ersten Menschen im Weltall verewigt. Ganz ohne Navi und ganz analog umkreiste er 1961 die Erde und fand auch wieder zu dieser zurück. Auch Neil Armstrong steuerte zielsicher mit einem Datenspeicher von gerade einmal 4 Kilobyte, die für keine einzige App gereicht hätten, bis zum Mond. 

Willy Brandt ans Fenster

„Willy Brandt ans Fenster“ ist gegenüber vom Bahnhof nicht zu übersehen. 1970, es gab bis dahin wegen der westdeutschen Hallstein-Doktrin keine diplomatischen Beziehungen zwischen BRD und DDR, war es Willy Brandt, der im Rahmen seiner Ostpolitik in die DDR reiste und dort erstmals mit einem DDR-Ministerpräsidenten zusammentraf. Draußen stürmten tausende von DDR-Bürgern an Polizei und Stasi vorbei vor den Erfurter Hof und skandierten „Willy Brandt ans Fenster!“, und der kam den Rufen zum Jubel der Menge nach. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der deutsche Kanzler, der das Ende des kalten Krieges einleitete, verlor sein Amt, nachdem die DDR ihm mit Günther Guillaume einen Spion untergejubelt hat.

Auch Ostpolitik gab’s 100 Jahr zuvor schon. Bismarck schmiedete 1881 das Dreikaiserbündnis mit Österreich-Ungarn und Russland, war der festen Überzeugung, dass Deutschland stets mit Russland verbündet sein müsse. Besorgt stellte er später fest, dass der neue Herrscher Wilhelm II. davon nichts mehr wissen wollte: „Der junge Herr will Krieg mit Russland. Wehe meinen Enkeln.“ resignierte der alte Bismarck.

dom erfurt

Der Erfurter Dom. Das Erklimmen der Domtreppe lohnt sich, drinnen gibt es einen atemberaubenden Anblick auf die Glasfenster im Kirchenschiff über dem Hauptaltar. Den Atem raubt es dem Besucher auch, wenn er am Ostersonntag den Dom wieder verlässt, denn direkt davor…

vorm dom

Nach einer Stunde Stadtrundfahrt durch das sehr schöne Erfurt steht für uns die Rückreise an. Doch droben am Himmel ziehen dunkle Wolken auf und es wird merklich kühler. Erst am Tag zuvor war ich beim Osterbrunch bei der Osterausfahrt des Hallzig Express mit vielen Kilometern im Wind und abschließender Durchnässung bedacht worden. Will ich mehrere Stunden durch den Regen fahren? Ohne Handschuhe? Wir retten uns in den Bahnhof. Unterwegs im Zug warte ich auf den Regen. Mist, Mist, Mist, der kommt nicht. Doch dann, endlich, als wir aussteigen, fallen die ersten Tropfen. Glück gehabt…

schulpforta

Wir halten in Schulpforta, einem wirklich schönen Ort um -wie einst Friedrich Nietzsche- zur Schule zu gehen. Vorausgesetzt, die Noten sind gut genug und man schafft die Aufnahmeprüfung und ergattert ein Stipendium, denn sie nehmen dort am Internat für Begabte nicht jeden. In einem Gebäude des ehemaligen Klosters wird Wein aus der Region verkauft und auch deshalb sei jedem, der mal dort vorbeikommt, ein Besuch empfohlen.

Unser nächster Besuch steht am Ende des Tages auch schon fest: Wir werden mal auf jede Burg hinauffahren, die im Burgenlandkreis an Saale-Unstrut auf uns warten.

Das aktuelle Gesamtklassement der Unendlichen Rundfahrt

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6 Antworten zu Ostern mit Otto und Willy

  1. tinotoni67 schreibt:

    Haben ja alle mal klein angefangen. Wir fanden es lecker, hatten Zeit und Nachsicht mit dem Personal. Es wird übrigens weiter fähiges Personal gesucht, aber so geht es allen selbstständigen Unternehmern. Ina kann da auch nette Geschichten erzählen! 😉

  2. carodame schreibt:

    „…sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden…“
    An den Domstufen in Erfurt.
    Übrigens macht es mir der Kreuzbube immer recht leicht, vor ihm am Turm zu sein, weil er einfach anfängt zu Trödeln, sich für andere Dinge zu interessieren und absichtlich die Schneise zu Turm verpasst… 😉 Hätte er das bei allen Türmen, bei deren Eroberung ich anwesend war so gehandhabt, hätte ich jetzt schon 23 ! :)).

  3. tinotoni67 schreibt:

    Da wären wir uns ja fast begegnet! Ich war mit der Familie in Eisenach auf der Suche nach den Resten auf dem Wartenberg! Zur Übernachtung oder zum Speisen kann ich uneingeschränkt das Stiftsgut Wilhelmsglücksbrunn empfehlen.(http://www.wilhelmsgluecksbrunn.de/gaestehaus-restaurant-und-cafe.html)

    • kreuzbube schreibt:

      Sieht gut aus, das Gästehaus. Das könnte was sein, wenn man den Rennsteig fährt und abends nicht mehr weiter muss/will.

      • Twobeers schreibt:

        In Wilhelmsglücksbrunn kehrte ich nach unserer Rennsteigbefahrung 2012 ein. Damals schrieb ich „Am Wegesrand lag wunderschön idyllisch das alte Gut Wilhelmsglücksbrunn. Tische vor dem Haus und am Teich, scheinbar zufriedene Gäste. Auf Nachfrage bot man uns Zimmer, eine abschließbare Unterkunft für die Räder und Bio-Verköstigung. Küchenschluß wäre 20:30, also noch 2 Stunden Zeit. Nach Körperreinigung und dem Anlegen wärmender Trikotagen setzten wir uns an den Tisch, bekamen auch alsbald die Karte, ich bestellte 2 Weizen für mich und wir harrten der dinge, die da kommen würden. Nach einer guten halben Stunde, die Kinder ringsum waren schon lange über den Punkt und unser Durst langsam unerträglich, verlieh Boerge unserer Bestellung Nachdruck. Und nach einer weiteren Viertelstunde gabs dann auch ein erstes Getränk. Die überforderte Servicekraft war den Tränen nah, selten brachte sie Essen zum einem Tisch, an dem diese auch bestellt worden waren, Chaos komplett, welches wir wohlwollend betrachteten. Der Koch mußte nach Küchenschluss noch weitermachen, aktuell wird eine Servicekraft gesucht (http://www.wilhelmsgluecksbrunn.de/fileadmin/wgb/files/Stellenanzeige_Pauschalkraft.pdf).“

        http://eisenschweinkader.org/archives/2012/08/21/das-blaue-andreaskreuz-kreditkartentour-auf-dem-kammweg/

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