Der Spätlesereiter, 1

1775 war’s, da wartete man auf Schloss Johannisberg auf den Kurier. Wie jedes Jahr im Herbst war er vom Schloss gen Fulda aufgebrochen, mit reifen Weintrauben im Gepäck, auf dass der Fürstbischof, dem Schloss Johannisberg damals gehörte, die Erlaubnis zur Weinlese erteilen möge. Im besagten Jahr 1775 jedoch kehrte der Reiter zunächst nicht und dann nur mit großer Verspätung zurück. 

johannisberg_1

Um die Gründe für seine Verspätung ranken sich Mutmaßungen. Mal soll er unter die Räuber gefallen sein, mal hat er den Fürstbischof nicht angetroffen, weil dieser gerade auf der Jagd war. Wie auch immer, die Mönche warteten auf dem Johannisberg darauf, dass der Kurier endlich mit der Erlaubnis für die Weinlese zurückkehrte.

Unterdessen gingen die Trauben an den Weinstöcken immer mehr in Fäulnis über und schrumpften. Die Vernichtung der gesamten Ernte schien gewiss. Gleichwohl holten die Mönche gewissenhaft die scheinbar verdorbenen Trauben ein und trennten sie auf Geheiß des Verwalters in grüne und faule Trauben. Und wie es der Zufall so will, entdeckte man die Edelfäule. Der aus den spät gelesenen Trauben gewonnene Wein übertraf an Güte alles, was man je hergestellt hatte. Die Spätlese war geboren. Fortan wurden mit System Auslesen gewonnen und 1858 wurde der erste Eiswein aus gefrorenen Trauben geerntet. So rühmt sich der Johannisberg im wunderschönen Rheingau als Wiege aller hohen Weinprädikate und dem verspäteten Spätlesereiter wurde ein Denkmal gesetzt.

Der Spätlesereiter

Der Spätlesereiter

Auf seinen Spuren also saß ich ebenfalls im Sattel, als ich dieser Tage auf Geschäftsreise war. Eine Karte oder Navigationsgeräte benötige ich dort nicht. Ich bin in der Region geboren und aufgewachsen, alle Ortsnamen sagen mir etwas und ein Verfahren ist mir mehr oder minder unmöglich. Wie lange man auch andernorts lebt, wie gut man den neuen Wohnort erkundet, nie mehr lernt man eine Stadt und ihr Umland so gut kennen wie in der Kindheit und Jugend.

niederwald

Zwischen zwei Termine passen immer auch 70, 80, 90 km auf dem Rad, so viel Zeit muss sein, vor allem, wenn es nebenbei eine Etappe bei der Unendlichen Rundfahrt zu gewinnen gibt. So wechsle ich morgens vom Anzug in die Radmontur und steuere von Wiesbadener Höhenlage aus zunächst einmal 12 km hinunter nach Mainz an den Rhein. Das geht flott über die Felder, denn anders als im Osten mit seinen von LPG-Bewirtschaftung geprägten großflächigen Landwirtschaften gab und gibt es dort traditionell kleine Parzellen der einzelnen Bauern. Sie alle müssen zu ihren Feldern gelangen und deshalb gibt es dort ein Gewirr an Feldwegen, die heute meist asphaltiert sind.

theodor heuss bruecke

Unten am Rhein rechen sie schon den Sand, damit die Menschen in ihrer Mittagspause sich im Liegestuhl mit Blick auf die vorüberziehenden Schiffe das eine oder andere Getränk und den einen anderen Happen servieren lassen können.

strand mainz

Strade Bianche gibt’s auch dort, man muss dafür nicht in Toskana. In diesem Falle ist das der linksrheinische Radweg, der an Mainz vorbeiführt. 

rheinufer mainz

Bis Bingen, wo ich mit der Fähre auf die andere Rheinseite übersetzen werde, sind es etwa 35 km, aber bevor ich dort über den linksrheinischen Radweg durch teils sehr malerische Flussauen angelangt bin, biege ich zur alten Kaiserpfalz nach Ingelheim ab.

kaiserpfalz ingelheim

Wusstet ihr, dass Deutschland, will meinen, das damals auf einem Teil des heutigen Deutschlands befindliche Herrschaftsgebiet, im Mittelalter keine Hauptstadt hatte? Umhergezogen sind sie, die Herrscher. Landauf-landab mit Hofstaat und Gefolge. Die deutschen Könige waren ständig auf Reisen, die Pfalzen waren zeitweilige Hauptstädte, in denen sie eine Weile Hof hielten, bevor sie zur nächsten weiterzogen. Eine davon war das linksrheinische Ingelheim, das heute für seine Rotweine bekannt ist.

kaiserpfalz ingelheim

Auch Karl der Große (747-814) weilte dort mehrfach, und schaut man sich die Informationstafeln an, die man an den freigelegten Gebäudenresten der Kaiserpfalz aufgestellt hat, dann entdeckt man erneut, was ich hier immer sage: Länder und Grenzen verändern sich in der Geschichte wieder und wieder und wieder und wieder. Das Reich Karls des Großen:

frankenreich

Die Kaiserpfalz nehme ich aber nur en passent mit, ebenso die allgegenwärtigen Zeugnisse unserer Geschichte, die in Wiesbaden und Mainz 2000 Jahre zurück reicht. Die Römer siedelten sich damals schon dort an, genossen in Wiesbaden die heißen Quellen und bauten unter Tiberius um 39 n. Chr. eine Brücke über den Rhein. Schon fast 100 Jahre zuvor hatte Julius Caesar Roms Macht demonstrieren lassen: Bei Koblenz errichteten römische Truppen eine 400 Meter lange Holzbrücke über den Rhein – in gerade einmal 10 Tagen! 

ingelheim_2

Mein eigentliches Ziel jedoch, eins von zweien an diesem Tag, war der Bismarckturm Ingelheim. Den sieht man schon von der Ferne immer wieder mal zwischen den Weinbergen hervortreten und auch die Bevölkerung ist hier auf Nachfrage nach dem besten Weg sofort im Bilde. Wie das dort so ist, wird gleich mal ein bisschen mehr erzählt und als ich meinerseits erzähle, dass ich schon lange nicht mehr da war, wird noch ein bisschen mehr erzählt, es dauert also ein wenig, aber ich erfahre so auch noch, dass es die Tiger noch gibt, oben am Turm, und dass sie irgendwann in den zurückliegenden 2o Jahren Junge bekommen haben.

Bismarckturm Ingelheim

Bismarckturm Ingelheim

In und um Leipzig herum findet bekanntlich keine Landschaft statt. Dort am Rhein gibt es Landschaft satt und vor allem auch Steigungen. Man muss nicht danach suchen; wenn man mag, fährt man dauernd im zweistelligen Bereich rauf und runter. So auch zum Bismarckturm. Gnädigerweise haben sie die Straße ein wenig in Serpentinen nach oben gelegt. Rein in den Turm und rauf auf ihn konnte ich nicht, es finden gerade Putz- und Malerarbeiten statt. Rundherum ist in der Gemeinde alles ziemlich herausgeputzt, da soll der Turm nicht aus der Rolle fallen, vor allem weil er zu Weihnachten weithin sichtbar illuminiert wird. Auch die Tiger im Tiger-Garten Waldeck bekomme ich nur durch drei Zäune hindurch zu Gesicht. Vormittags gibt’s noch keine Führung, so schwinge ich mich wieder in den Sattel, nehme die steile Abfahrt und erreiche kurz vor Bingen die Reste eines gigantischen Bauwerks.

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Die 1915 in Dienst genommene Hindenburgbrücke, eine Eisenbahnbrücke, war einst die zweitgrößte des Landes. Einen Kilometer lang erstreckte sie sich über den Rhein und nun könnt ihr euch auch in etwa ausmalen, welche Dimensionen der Strom dort hat. Nach Fliegerangriffen im Jahr 1945 beschädigt, machten die deutschen Truppen im Wahnsinn des zu Ende gehenden Krieges ihr selbst den Garaus. Lieber sollte das Land mit allem untergehen, bevor dem Feind etwas in die Hand spielte.

binnenschiffer

Die Fundamente der Brücke stehen noch immer im Rhein und riesige Teile der Brücke erstrecken sich noch vom Ufer ins Land. Immer wieder einmal wird darüber nachgedacht, die Brücke (diesmal für den Autoverkehr) wieder aufzubauen, denn die nächste Rheinbrücke flussabwärts ist erst im über 70 km entfernten Koblenz. Umweltschützer sind gegen den Bau der Brücke, Anwohner und Pendler wollen sie. Bis dahin bleibt wie in den zurückliegenden Jahrzehnten nur die Möglichkeit, den Rhein mit der Fähre zu überqueren. Und das mache ich als nächstes, denn ich will ja noch weiter zum Sonderwertungspunkt dort drüben.

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Fortsetzung: Spätlesereiter kreuzbube nimmt euch mit dahin, wo es so deutsch ist, wie etwas nur deutsch sein kann, denn deutscher geht’s nimmer, und das erkennt man sofort an ganz vielen Japanern, die sich dafür begeistern.

Das aktuelle Gesamtklassement bei der Unendlichen Rundfahrt

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5 Antworten zu Der Spätlesereiter, 1

  1. kreuzbube schreibt:

    Mit „Sturm am Bismarckturm“ gibt es einen lokal verankerten Krimi um den Ingelheimer Turm.

    http://www.amazon.de/Sturm-Bismarckturm-Krimi-Mainz-Rheinhessen/dp/3936929092

    Ähnliches ist mir auch früher schon begegnet, da ereignet sich am Bismarckturm in Naumburg ein Mord.

    http://www.myheimat.de/naumburg-saale/ratgeber/buchtipp-mord-in-heimatlicher-kulisse-d2520013.html

  2. kreuzbube schreibt:

    Einen Kilometer mit durchschnittlich 15 % habe ich mich hinauf gequält. Nachahmern sei der Weg durch die Weinberge empfohlen. Der ist zwar viel länger, aber vor allem wegen des fehlenden Autoverkehrs ans Herz gelegt. Auf der Straße kommen sie von oben und unten, Autos, Busse, LKW, und man hat bei dieser Steigung ordentlich zu tun, schnurgerade der rechten Fahrbahnbegrenzung zu folgen, ohne Schlenker zu machen.

    Und ja, das ist dort oben einer der schönsten Flecken, die man sich vorstellen kann.

    Neben dem Riesling sei der Spätburgunder empfohlen. Er ist nicht so schwer wie die französischen oder spanischen Rotweine, bei denen bisweilen ein Glas schon merklich ins Kontor schlägt. Zum Wohl!

  3. crispsanders schreibt:

    Jetzt aber rasch die zweistelligen Höhenmeter zur Germania hinauf! Die Aussicht von dort ist Phä-no-me-nal! 2 Sonderwertungspunkte wegen der Großartigkeit des Denkmals stelle ich hiermit zur Diskussion. darauf einen Riesling.

  4. Twobeers schreibt:

    Und kaum war der Herrscher wieder weg, begann wieder Chaos und Anarchie, die Fürsten und Herzöge machten, was sie wollten. Da hatte man als Kaiser schön zu tun, so ohne Air Force 1….

    • kreuzbube schreibt:

      30 km auseinander langen die Pfalzen damals. Das waren in etwas die Entfernung, die die Könige ritten. Und Berlin? War keine. Völlig unbedeutend. Jetzt müsste ich mal nachlesen, wie sich das sukzessive wandelte.

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