Der Spätlesereiter, 2

Was bisher geschah: Der Spätlesereiter kreuzbube reitet von den Hängen des Taunus hinunter nach Mainz, den Rhein entlang und erobert den Bismarckturm Ingelheim. Er berichtet von der Entdeckung der Spätlese, entdeckt die Überreste der Hindenburgbrücke und schifft sich in Bingen gen Rüdesheim ein. 
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Wie schon gesagt, ich wollte dort rüber, des Sonderwertungspunkts bei der Unendlichen Rundfahrt wegen und weil’s die schönere Rheinseite ist.

mittelrhein

Die reklamieren sie natürlich an beiden Rheinufern für sich, besser gesagt, hüben wie drüben weiß man genau, dass die andere Seite die „ebsch Seit'“ ist. Ebsch (mit langem Vokal, „eebsch“) ist im Hessischen jemand, der schlecht drauf ist, der schlecht gelaunt ist und die ebsch Seit‘ ist einfach die „falsche“ Rheinseite. Der rechtsrheinisch geborene kreuzbube ist in Bingen somit auf der ebsch Seit‘ und es zieht ihn hinüber.

rüdesheim_5

In diesem Fall nach Rüdesheim und von dort hinauf zum Niederwalddenkmal. Dem Denkmal. Dem Denkmal für die Entstehung des geeinten Deutschland.

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Kurze Rekapitulation: Frankreich erklärt am 19. Juli 1870 Preußen und damit dem gesamten Norddeutschen Bund den Krieg.  Den verkacken die Franzosen allerdings, denn sie kommen nicht mal aus Frankreich raus und müssen alle Schlachten im eigenen Land schlagen. Reihum fallen die französischen Städte, und schließlich auch Paris. Die Deutschen setzen der Demütigung noch eins drauf, quartieren ihren Generalstab ausgegerechnet in Versailles ein und krönen dort Preußens König Wilhelm I, der eigentlich gar nicht will, zum deutschen Kaiser. Frankreich tritt Elsass-Lothringen an das Deutsche Reich ab und zahlt 5 Milliarden an Reparationen. Am 08. Mai 1871 wird der Friede zu Frankfurt am Main unterzeichnet.
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niederwalddenkmal

Ein Monument musste her. Den Erzfeind besiegt! Erstmals ein deutscher Nationalstaat! Ein deutscher Kaiser! Gleichwohl fühlten sich die Leute, so wie sie es gewohnt waren, noch als Bayern, Sachsen und Preußen und nicht als Deutsche. So konnte man sich nicht lumpen lassen und schuf das deutsche Nationalsymbol schlechthin. Auf dem Niederwald, bei Rüdesheim hoch über dem Rhein, thronte, nachdem man für Planung und Bau zwölf Jahre gebraucht hatte, ab 1883 die Germania als Verkörperung Deutschlands. So etwas war damals en vogue, die Briten hatte ihre Britannia, die Franzosen ihre Marianne, die Schweizer die Helvetia…  Das Schwert zum Zeichen des Waffenstillstands gesenkt, blickt die Germania nach Osten über den Rheingau und präsentiert dem deutschen Volke in der hoch erhobenen Rechten die Kaiserkrone. 

Germania

Germania

Den Weg zu ihr kann man sich leichter oder schwerer machen. Am kürzesten ist die (viel befahrene Straße). Sehr schön ist der Weg über die Wirtschaftswege durch die Weinberge.Am entspanntesten geht es mit der Seilbahn.

seilbahn rüdesheim

zum niederwalddenkmal Kopie

Ein wenig sportliche Anstrengung möchte sein, also fuhr der kreuzbube steil herauf.  Freimütig räume ich ein, mit der 50-36 Kompaktkurbel unterwegs gewesen zu sein. Der Anstieg ist nicht ohne, wenn PKW, Busse und LKW von oben entgegen kommen und von hinten überholen, denn eine 15 %ige Steigung fährt man nicht immer so schön schnurgeradeaus, wie sich das in diesem Fall der Tuchfühlung mit Automobilisten empfiehlt. Besser also, man wählt die Variante durch die Weinberge.

Die Belohnung ist ein Blick sondergleichen. Schriftsteller, Dichter, Komponisten, sie alle begeisterten sich über Jahrhunderte hinweg an dem, was der englische Schriftsteller Eduard George Bulger-Lytton als „das schönste Tal der Welt“ bezeichnete und das Emanuel Geibel so beschrieb: „Bei Rüdesheim, da funkelt der Mond in Wasser hinein und baut eine goldene Brücke über den grünen Rhein.“

Blick vom Tempel auf dem Niederwald auf den Rhein

Blick vom Tempel auf dem Niederwald auf den Rhein

Ums Denkmal herum Japaner, die versessen sind auf deutsche Geschichte. Mitten im  bronzenen Hauptrelief, dem größten des 19. Jahrhunderts, ergattere ich meinen Sonderwertungspunkt, denn da steht Bismarck (rechts neben Wilhelm I), die Reichsgründungsurkunde in der Hand.

wilhelm I bismarck

Darunter: Vater Rhein übergibt seiner Tochter Mosel das Wächterhorn. Elsass- und Lothringen gehörten nunmehr zum Deutschen Reich, der Rhein ist nicht mehr westlicher Grenzverlauf.

vater rhein tochter mosel

Die Wacht am Rhein findet sich (bis auf eine Strophe über den ehemaligen Feind Frankreich) im vollen Wortlaut unterhalb des Hauptreliefs. Wer nun ein mulmiges Gefühl hat, ob das nicht irgendsoein Nazigesang war: Der Text von Max Schneckenburger stammt aus dem Jahr 1840. Seinerzeit war der Franzose gerne mal expandiert, durchaus mit Hunderttausenden bis Moskau, um mit ganz wenigen zurückzukehren, anschließend wieder ein paar Hunderttausend zusammenzubringen und neuerlich mit ganz wenigen zurückzukehren. Lieb Vaterland magst ruhig sein entstand folglich aus einer gewissen Schissigkeit vor den Nachbarn.

Doch genug des Säbelgerassels, gottlob liegt es lange zurück. Der junge kreuzbube war drei, vier Male in Paris, bevor er das erste Mal nach Berlin gelangt ist. Französischen Crémant, Schampus und Pasteten haben wir regelmäßig über der Grenze im (seit 1945 wieder französischen) Elsass eingekauft und die absurde Vorstellung, französische Freunde könnten Feinde sein, auf so etwas kam schon lange keiner mehr. Im Sprachgebrauch der Großeltern und Urgroßeltern (bei jenen unter ihnen, die die Kriege überlebte hatten) war das Französisch bei uns allgegenwärtig. Man erhob sich vom Chaiselongue, öffnete das Rouleau um Licht ins Appartement zu lassen, schlenderte auf dem Trottoir die Chaussee entlang, griff ins Portemonnaie, löste an der Casse ein Billet fürs Varieté.

casse billet

Aber ich verplaudere mich gerade wieder, zurück aufs Rad. Richtung Wiesbaden sind es über den Radweg R3 direkte 25 Kilometer oder auch 35, falls man über den R3a lieber die Höhenlage der Weinberge erkundet.

weinbergswege

Verirren ist ausgeschlossen, man sieht ja stets rechter Hand den Rhein und das Wegenetz ist engmaschig. Der Weinbau ist allgegenwärtig und ebenso sind es Burgen und Schlösser, Kirchen und Abteien.

abtei

Was man sich vor Augen halten muss: Auf insgesamt 38 km gibt es im Rheingau rund 400 Weingüter. In Worten: Vierhundert. Für die Biertrinker unter den Lesern umgerechnet: 400 Brauereien zwischen Leipzig und Halle, zwischen Berlin und Potsdam, zwischen Düsseldorf und Mönchengladbach. 

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Angebaut wird in diesem kleinen Weinbaugebiet vor allem der berühmte Riesling, aber auch ein Spätburgunder, den ich jenen empfehlen möchte, denen französische und spanische Rotweine oft zu schwer sind. Der Rheingauer Spätburgunder kommt leichter, milder und samtiger daher – und haut einen nicht gleich um. Damit kommen wir abschließend zu den Auswirkungen der Region auf das Radfahren. Alles dort wirkt als Entschleuniger – und ständig lockt der Ausschank. Es ist gar nicht so leicht, dort eisern und diszipliniert die Tische und Bänke zu passieren, die überall am Fluss, ob vor den Mauern eines Schlosses oder unter den Platanen einer Allee, aufgebaut sind. So ganz ohne Schoppen geht’s kaum ab, und so endete auch diese Reise auf der sonnenbeschienenen Terrasse von Freunden, die mit Rennradfahren gar nichts, mit savoir vivre umso mehr am Hut haben.

eltville

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2 Antworten zu Der Spätlesereiter, 2

  1. luscheauftour schreibt:

    Ja, der Anstieg zum Niederwalddenkmal ist wirklich fies, daran habe ich mich im vergangenen Sommer versucht und bin kläglich gescheitert (trotz, ähm, 3-fach-Kurbel). Auf Höhe der Jugendherberge habe ich umgedreht, die Kombination aus Autoverkehr, steiler Steigung und der vorherigen Anfahrt aus Frankfurt hatte mich da echt schwer geschafft. Beim nächsten Anlauf werde ich den Tipp mit dem Weg durch die Weinberge beherzigen. Zum Ausgleich habe ich mir dann Rüdesheim angeschaut. Ein echt seltsamer Ort, die gut befahrene Bundesstraße mittendurch, ein Zug nach dem anderem rauscht vorbei und alle sitzen direkt daneben und essen Eis.

    • kreuzbube schreibt:

      Schade, denn an der Jugendherberge hat man das Schlimmste ja schon hinter sich – was man da allerdings noch nicht weiß. Man kann aber auch dort noch in die Wirtschaftswege einbiegen, die bringen einen sanft bis zum Tempel (1944 zerbombt, 2006 wiederaufgebaut). Ein paar Stufen muss man bis zum ihm nehmen und dann sind es nur noch 100 Meter nach links bis zum Denkmal. An der Touristeninformation unten in Rüdesheim bekommt man sicher auch Faltpläne mit allen Wegen.

      Wenn man den Rhein schon entlang gefahren ist, dann lohnt von Rüdesheim aus der Weg zurück über die Abtei St. Hildegard, Schloss Johannisburg und Kloster Eberbach, wo „Im Namen der Rose“ gedreht wurde. Bei Eltville gelangt man dann wieder an den Rhein.

      Tja, die Züge. Der Rheingau ist gerade einmal zwei Kilometer breit, drei, wenn es hoch kommt. Irgendwo müssen die Züge entlang fahren. Die haben aber auch einen Vorteil. Man kann seine Ausflüge ausdehnen, z. b. linksrheinisch bis Koblenz und fährt mit der Bahn zurück, zumindest ein Stück weit.

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