Der Spätleseleiter, 3

rausch wein

In ein paar Tagen ist es wieder so weit. Prieditis und ich, jedes Jahr wenigstens einmal gemeinsam auf Radkultour, brechen zu einem weiteren Aufenthalt ins Land von Fass und Fritteuse auf. Auch heuer wird es zweifellos wieder heißen: Wir fahren los, wir kommen an, dazwischen war’s schön. 

Wie schon berichtet, die Belgier frittieren bis aufs Bier alles, was man irgendwie in heißes Fett schmeißen kann. Das löschen sie dann mit … Bier. Ein paar frisch gezapfte Sorten und dann noch so ungefähr 50 von der Bierkarte (!) hält der gut sortierte Wirt parat. Und just bei diesem Thema fällt mir ein, dass der Spätlesereiter noch einiges zu berichten hat, womit sich, wie ihr sehen werdet, am Ende vieles zusammenfügt.

Die Germanen tranken einst Bier, doch bis zum Mittelalter setzte sich der Wein durch. Den brachten die Römer nach Germanien, als sie das römische Reich in die Region zwischen Rhein und Donau ausbreiteten und beide Flüsse mit dem Limes, ihrem Verteidigungswall gegen die wilden Stämme, verbanden. Die Römer hatten den Weinbau natürlich nicht selbst erfunden, sondern von den Griechen übernommen. Sie waren jedoch ziemlich verdattert, als sie feststellen mussten, was diese biertrinkenden germanischen Stämme da in sich hinein schütteten. Die Römer wussten gar nicht, was da los war und konnten sich das nur so erklären: Die Germanen hatten versucht, Wein zu machen und dabei ein völliges Fiasko erlitten. Das können wir besser, sagten sich die Römer, und so legten sie Weinberge an und sorgten für römische Lebensart. Weinbau und Weinkultur bereiteten sich unter römischen Herrschaft fortan entlang der Flüsse und Handelsrouten aus.

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Ende des fünften Jahrhunderts war das weströmische Reich dann Geschichte, nicht jedoch die Lust am Rebensaft. Unter den Merowingern und vor allem den Karolingern blühte der Weinbau weiter auf. Karl der Große erlies Anweisungen zur Anlage von Weinbergen, zur Züchtung von Reben, für den Bau von Kelteranlagen. Außerdem ordnete er an, dass auf jedem seiner Weingüter mindestens drei Ausschankstellen eingerichtet wurden.

Besondere Verdienste um den Wein erwarben sich ab dem Mittelalter die Mönche. Die Klöster wurde zu Wirtschaftszentren, häuften immer mehr Besitz an und die wertvollste Form des Landbesitzes wurde die Weinberge. Die Benediktiner, der älteste Mönchsorden, wandten sich ein wenig von der Askese ab und dem Wein zu. Damit hier keine falschen Vorstellungen aufkommen: Benedikt von Nursia billigte seinen Mönchen eine Tagesration von einem guten Viertelliter zu.

schloss johannisberg

Geschäftstüchtig waren sie, die Benediktiner, doch im Laufe der Zeit schienen sie vielen in der Kirche etwas zu sehr der Welt und Pracht und Prunk zugewandt. Der Aufstieg der Zisterzienser begann, etwa ab dem 12. Jahrhundert. Die Zisterzienser hatten sich der Rückbesinnung auf mönchische Traditionen verschrieben. Sie wollten wieder von ihrer eigenen Hände Arbeit leben und die Arbeit nicht, wie es die Benediktiner zunehmend getan hatten, durch Knechte erledigen lassen. Mit den Zisterziensern erhielt der Weinbau noch einmal einen ganz neuen Schub. Der Weinbau bescherte auch ihnen Wohlstand, die Gewinne schossen in die Höhe – und von ihrem Armutsideal waren sie bald so weit entfernt wie die Benediktiner.

Und nun wären wir auf den Spuren des Spätleseleiters wieder im Rheingau angelangt – und gleich auch an Saale, Unstrut und Elbe.

Das Zisterzienserkloster überhaupt ist Kloster Eberbach im Rheinbau. Dort wurde Im Namen der Rose gedreht, ich erwähnte es bereits. Wer Kloster Eberbach mal sehen möchte, bevor er mit dem Rad hinfährt, Phoenix hat eine etwa 30-minütige Doku darüber gemacht: Das Superkloster. Die Mönche machten richtig viel Geld, schufen ein ganzes Weinbauimperium und unterhielten eine Rheinflotte, die den Wein zollfrei in die Städte verschiffte.

vierweinDie Nachfrage stieg, die Gewinne sprudelten, und Ableger der Kloster mussten her, so auch im Osten. Ich habe bereits angedeutet, wo sie das taten: An Saale und Unstrut und zwischen Meißen und Dresden. Twobeers hatte also zur genau richtigen Tour durch die unterschätzten Weinbaugebiete aufgerufen. Die größte Klosteranlage der Zisterzienser in Mitteldeutschland entstand 1138 vor der Toren Naumburgs mit dem Kloster Pforta.

Auch heute gibt es wieder Winzer, die ihr Handwerk wie einst die Mönche im Rheingau erlernt haben und die es dann an Saale und Unstrut verschlug. Mit der Henne existiert gar die älteste Sektmanufaktur Deutschlands im Blütengrund an der Saale. Ganz so unterschätzt ist die Region in Sachen Wein also nicht einmal. Wenn sich irgendwann einmal japanische Touristen mit dem Selfiestick um die Gemäuerecken drücken, dann weiß man auch im Osten: Wir haben’s geschafft. Eifrig bewirbt man sich dort bereits darum, Weltkulturerbe zu werden.

meissen_marktSo viel für heute vom Wein. Diese kürzeste Kurzform war ja schon wieder ganz schön lang, einige Jahrhunderte fehlen dennoch, aber weil ich Mitte der Woche auf Reisen gehe, ist dafür gerade keine Zeit.

Wem neulich der Müller-Thurgau gemundet hat, der kann nun also rekapitulieren:

Römer – Weinbau – Rhein, Donau, Mosel und so weiter – Karl der Große, Benediktiner, Zisterzienser – Saale/Unstrut,  Naumburg – Elbe, Meißen.

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