Welkom Natasja, Jerom und Agent 212

Was bisher geschah: Willkommen bei den Sch’tis

fietsparadijsVom fietsparadijs kann man mit Fug und Recht sprechen. In Flandern gibt etwa 15 Flüsse und 20 größere Kanäle. Die sind wiederum verbunden durch kleine Kanäle. An jedem Fluss und an jedem Kanal gibt es selbstverständlich Radwege, die wiederum selbstverständlich als Teil des spinnennetzartigen, das ganze Land durchziehenden Systems durchnummeriert sind. Selbstverständlich gibt es auch an jeder ganz normalen Straße Radwege und hätte jemand gezweifelt, dass man sie auch links und rechts jeder großen Nationalstraße findet? Eine viersspurige Schnellstraße mit Radweg? Rot markiert und quer über die Auffahrt/Abfahrt? Und wenn man sich als Pedaleur nähert, hält sofort das erste Auto an? So ist das dort. Alles ganz selbstverständlich.

Eine hübsche Idee ist es auch, die Radroute durch eine Allee zu bereichern, die einen Kilometer lang von Rhododendren gesäumt wird. Man glaubt gar nicht, wie schnell die Zeit dann vergeht.

rhododendronallee

fietsroute_c

Kein Radweg endet im Nichts und Autofahrer saugen mit der Muttermilch auf, dass man auf Radfahrer zu achten hat. Ist mal kein Radweg vorhanden, dann wird allen mit Farbe klargemacht, was Sache ist. 

radwege 2

Als wäre das schon alles. Was macht man, wenn der Radweg auf der einen Seite des Flusses verläuft, man aber auf dem Radweg auf der anderen Seite weiterfahren möchte und es gerade keine Brücke gibt? Flanderns Löwe geht in diesem Falle aufs Wasser. Fähren stehen an Rupel und Schelde bereit und die kosten: nichts. Noch einmal: nichts.

fähre

Doch das ist keine Einbahnstraße: Radfahrer wiederum sehen es nicht als unter ihrer Würde an, auf dem Radweg zu fahren und das gilt auch für die Sportler und Trainingsgruppen, ob sie zu zweit oder zu zehnt oder mit zwanzig ihrer Kollegen trainieren. Die deutsche Grundeinstellung „Und wenn hier ein Radweg ist. Und wenn der zweieinhalb Meter breit ist. Und wenn der aus Flüsterasphalt besteht. ICH fahre auf der Straße und sonst nirgends!“ ist den Radsportlern Belgiens offenkundig fremd.

Wenn man’s nicht ohnehin wüsste, der Blick ins Kühlfach des Supermarkts verrät’s erneut: Radsportler kennt dort jeder.

sven's favorite

tom's favorite

So eine Radsportgruppe ist eine gute Gelegenheit, sich mal zu verfahren, wo man sonst gar nicht vom Weg abweichen kann. Da hat man gerade wieder Gegenwind für die nächsten geschätzten 145 km in Aussicht und sechs, sieben Zweierreihen rauschen heran und vorbei. Da heißt es anzutreten und sich dranzuhängen. Perfekt, sie folgen exakt den Schildern, denen wir auch folgen wollen. Irgendwann aber nicht mehr. Den Gedanken, dass da was nicht stimmt, weise ich mit Macht von mir, es rollt sich gerade so schön mit 35 bis 40 km/h. Ich will das gar nicht wissen, ob wir richtig oder falsch sind. Irgendwann reißen wir uns aber zusammen, lassen abreißen und stellen fest, dass wir eine halbe Stunde lang zurück fahren müssen. Macht aber nichts, hat ja Spaß gemacht.

gruppetto

Wir laufen in Gent ein, im Mittelalter eine der größten Städte Europas und durch den Tuchhandel wohlhabend geworden. Mittelalter. Sehr sehenswert, aber ziemlich überlaufen. Doch was nützt es, sich an Touristen zu stören, wenn man selber einer ist?

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In der Sint Baafskathedral herrscht ein ständiges Kommen und Gehen, selten habe ich so eine unruhige Atmosphäre in einem Gotteshaus erlebt. Das Kirchenschiff ist überwältigend und hebt sich weit hinauf in den Himmel. Gerne wäre ich dort einmal halbwegs alleine, so jedoch herrscht ein irrer Trubel und das Fotografierverbot wird eifrig ignoriert.

Gent ist, wie auch Brügge, am Wochenende nach Himmelfahrt so voll,  dass alle Quartiere schon Wochen vorher zu 95 % ausgebucht sind. Auf gut Glück loszufahren hätte nachts zu viel Pech geführt. Nach dem zehnten Versuch hatte ich die Anfragen nach einem Zimmer im Zentrum aufgegeben, jedoch ein vielversprechendes Bed & Breakfast in einer Gemeinde fünf Kilometer südlich der Stadt ausgemacht. Um es kurz zu machen, nach 160 km waren wir an diesem Tag in Gent angelangt, haben uns das angeschaut – und dann sind wir noch 30 km in und um die Stadt herum gekreist, besser gesagt: mäandert. Keine Orientierungssonne am Himmel, Akkus leer, keine Papierkarte. Navigation wie früher, wir fragen uns durch.

B & B

Unsere Gastgeberin stört unsere arg späte Ankunft nicht. Von einem Snack spricht sie, den wir jetzt doch ob unserer Odyssee sicher benötigten. Sie platziert uns im jazzdurchfluteten Wintergarten neben den Kühlschrank mit dem Bier und verspricht, in zehn Minuten aus ihrer Küche mit besagtem Snack zurückzukehren. Et voilà, da ist sie auch schon, mit zwei großen Tellern dampfender Spaghetti Bolognaise, perfekt al dente, nebst frisch aufgebackenen Brötchen und Butter, die dort zu den Nudeln immer dazu gehören.

***

Sind die Flamen alle reich? Antiquitäten und Kunst an den Wänden und auf den Anrichten in einem B&B mit drei vermieteten Zimmern? Ganz gleich, wo wir bisher eintrudelten, immer waren die Unterkünfte picobello und von einem hierzulande von Pensionen so nicht gekannten Sinn für Inneneinrichtung und Kunst geprägt.

Ein opulentes Frühstück, Nieselregen und ein vor uns liegender zweistündiger Steckenabschnitt -richtig: am Kanal entlang- machen uns am nächsten Morgen die Entscheidung leicht. Wir fahren mit der Bahn statt mit dem Rad ans Meer. An diesem Tag wird es viel zu sehen geben, da ist nicht so viel Zeit für viele Kilometer, zudem wir diesen Streckabschnitt vom vergangenen Jahr ohnehin schon kennen. 120 km müssen reichen, 10 bis 20 % mehr muss man sowieso immer einkalkulieren.

Bahnhof Oostende

Bahnhof Oostende

Nordsee ist Mordsee. Ein tolles Jugendfilmdrama von Hark Bohm aus den 70ern kommt mir in den Sinn. „Aber lieber nächstes Mal ’n Arsch voll kriegen als jetzt gleich.“ Da lernte man mehr fürs Leben als in der Schule. Nach zwei Tagen Gegenwind fahren wir die Küste runter und der Wind kommt diesmal -mit Macht- aus Südwest, das heißt von schräg vorne. Sand und Salz knallen uns ins Gesicht, gegen den Atlantik ist die Ostsee eine beschauliche Badewanne.

Nordsee ist Mordsee. Ein großes Denkmal ehrt die Seeleute, die ihre letzte Ruhestätte im Meer fanden.

seemannsdenkmal

Eine knallrote Installation ist selbsterklärend, sie muss da einfach stehen vor diesem grauen Meer und dem grauen Himmel und den grauen Bettenburgen, die sich zehngeschossig an der gesamten Küsten aneinanderreihen.

rote installation oostende

Nordsee ist Mordsee. Wo keine Betonbehausungen stehen, stehen Betonbunker. Der auf zwei Kilometern Länge erhalten gebliebene Atlantikwall, Überbleibsel einer mörderischen Vergangenheit, die Flanderns Boden mit maßgeblicher deutscher Beteiligung mehr als einmal rot getränkt hat. Davon werden wir an diesem Tag noch viel mehr zu sehen bekommen.

atlantikwall_1

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Die Flamen halten dagegen und wir haben in Middelkerke unseren Spaß an den lebensgroßen Figuren, die den franko-belgischen Comics entnommen sind, die ich von kleinauf zu schätzen wusste. Alle da, Natasja, die immer mal leicht bekleidete Stewardess, Jerome und auch Agent 212. Dazu noch viele mehr, die wir aus unerfindlichen Gründen nicht entdeckt haben.

Natasja

Jerom

Agent 212

Es gilt, die Augen auf zu halten, auch im Sand sind Figuren und Installationen zu sehen, von denen uns leider welche entgangen sind.

strandinstallation

Mit fünf Jahren braucht man kein Puky-Rad, da kann man Unterlenker fahren.

fünf

Dieser zweite und vorletzte Teil endet erneut mit einer Verbraucherberatung für den Radreisenden. Drauf gebracht hat mich unlängst Toni. Apidura ist ein Hersteller von Packtaschen fürs Rad. Das Sortiment umfasst ein halbes Dutzend Taschen für Lenker, Rahmen und Sattel und ist unter anderem bei fatbikes.at zu haben. Die Österreicher sind ziemlich schnell, binnen zwei Tagen ist der Kram da. Während prieditis auch in diesem Jahr konsequent auf Stauraum setzt und erneut dem Monsterrucksack vertraut, bleibt mein Rücken diesmal frei. Mit zwei breiten Klettbändern um die Sattelstütze und zwei Bändern mit Schnallen um die Sattelstreben wird die leichte und wasserdichte Tasche schnell befestigt.

apidura satteltasche

Meine Ausführung fasst 14 Liter und wird einfach auf die Größe zusammengerollt, die man benötigt. Groß genug war sie für meine Belange, es fanden Platz: Eine lange Freizeithose, ein Merinopulli für den Abend, zwei Paar Socken und Unterwäsche, Schuhüberzieher für den Regen, Handschuhe, Regenjacke, Kleinkram. Voll war sie damit längst nicht, etwa drei Liter waren noch übrig. Hinten dran sind zwei Schlaufen, in die man bequem ein Rücklicht einhängen kann. Die Tasche hat nur Vorzüge, man merkt eigentlich gar nicht, dass man sie hinter sich hat, denn auch an den Oberschenkeln gibt es keine Berührung beim Treten. Ich werde wohl noch einen weiteren Griff in den geschundenen Geldbeutel tätigen und eine Lenkertasche ordern. Nicht zuletzt fürs vélo tout terrain, denn ich habe schon wieder etwas Abwechslung im Hinterkopf.

Abwechslung gibt’s morgen im letzten Tal dieser kleinen Reiseerzählung, denn auch Flandern hat sein Völkerschlachtdenkmal. Dranbleiben!

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8 Antworten zu Welkom Natasja, Jerom und Agent 212

  1. tinotoni67 schreibt:

    Wann geht’s los?

  2. Twobeers schreibt:

    Der Wunsch nach Belgien zu fahren wird immer größer….

    • prieditis schreibt:

      Allein der Drei-Sterne-Küche (TK) wegen… und des Bieres wegen eine Reise wert 😉

    • kreuzbube schreibt:

      Ich kann das nur empfehlen und habe jede Menge Tipps parat. Wenn ich es auf eine zentrale Aussage herunterbrechen müsste:

      Fünf Tage reisen. Zwei Tage in westlicher Richtung hin zum Meer, zwei Tage östlich zurück, unbedingt einen Tag in Brügge bleiben.

      Immer schön auf der Piste bleiben und die Gastronomie am Wegesrand aufsuchen. Nicht in jede Stadt hineinfahren, denn ins Zentrum findet man immer, die Zirkelei zum Einstieg auf die Route zurück dauert länger. Stattdessen alles Städte zusammenfassen: Einen Tag fahrradfrei in Brügge verweilen (B&B Empfehlung gibt’s von mir) und zu Fuß und mit dem Boot erkunden und genießen. Dort nur mal schnell hindurchzurollen wäre fahrlässig.

      Für Radsportler unverzichtbar: Abstecher nach Oudenaarde mit dem Zentrum der Flandernrundfahrt, all den Hellingen rund herum und Geraardsbergen mit der Muur.

      Wichtigstes Hilfsmittel für Vorbereitung (außer dem kreuzbubenblog) und Reise:

      bikeline Flandern-Route Radtourenbuch. Das bringt einem mehr als jedes Navi. Oder mich mitnehmen … 🙂 Aber wir haben ja auch noch eine Hollandrundfahrt vor Augen…

      • mark793 schreibt:

        Nur Holland oder auch die restlichen Niederlande? 😉 Klingt jedenfalls nach einem weiteren interessanten Projekt.

    • kreuzbube schreibt:

      Das muss ich mir erst einmal anschauen und ein paar Gedanken dazu machen. Die Hürde ist hoch gelegt für die nächste Landeserkundung.

    • kreuzbube schreibt:

      1300 km? Ich habe gerade 2004 km ermittelt… Wir werden das schon passend machen. Ich meine, wir müssen ja nicht jeden Kanal anfahren, den wir so auch schon von Nordflandern her kennen. Der Kuh-Kultur-Koeffizient sollte schon stimmen.

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