David Beckham und ich

Ich sehe gar nüscht! Zwei Meter! So ein Scheiß! Nüscht sehe ich! Da kann ich es auch lassen! Zwei Meter! Hier sieht man einfach nüscht! Kein Wunder, das die Gisela immer die Panik kriegt! Zwei Meter, und dann nüscht! Ich geh gleich raus! Nüscht! Zwei Meter! Die Gisela! Kann ich gleich wieder nach Hause fahren!
Zweiminütiger Tauchermonolog, einsetzend zehn Sekunden nach Beginn des Tauchgangs. Bis dahin erkundeter Bereich des Sees: 10 Meter.
***
Westbruch Brandis

Westbruch Brandis

Wie schnell das damals ging, dass unsere Rennräder in der finstersten und muffigsten Ecke des Kellers landeten.

Alles hatten sie von heute auf morgen verändert, die Mountainbikes. Die ersten, noch aus Stahl, waren zwar noch so schwer wie ein Sack Schrauben, aber das änderte sich recht bald mit den Alurahmen. Sogar von Titan wurde damals gemunkelt und die Namen GT und Serotta in den Raum geworfen. Das Breezer Lightning war so schick, dass der US-Import, den ein Freund in prä-Internet-Zeiten irgendwie bewerkstelligt hatte, nach ein paar Tagen schon geklaut war. Marin, Cannondale und dann die ersten Stumpjumper von Specialized waren das, was wir Ende der 80er, Anfang der 90er alle haben wollten. Hauptsache aus den USA und Hauptsache nichts von dem Opa-Zeug der ollen Franzosen und Italiener, diesen Schnarchnasen, die die neuen Zeiten völlig verpennt hatten und die einer nach dem anderen aus den Schaufenstern verschwanden. Plötzlich konnten wir über alles drüber rumpeln, was uns in die Quere kam. Wir hatten nicht mehr dauernd Platten und die Felgen hatten nicht mehr ständig Seiten- und Höhenschlag. Die Bremsen bremsten und für den präzisen Gangwechsel genügte ein kleiner Daumendruck am Lenker. Deore XT! Schwarzer Karton, die zwei goldenen Buchstaben darauf. Must have! Und wahrscheinlich verantwortlich dafür, dass Shimano den Markt der Komponenten fast ohne Widerstand vollends an sich reißen konnte.

motor XL 500

Es passte einfach alles. Unsere Motorräder wiesen zuvor schon erstaunliche Parallelen auf. XT 500 hießen sie oder, XL 500, alles aus den späten 70ern bis Mitte der 80er, mit groben Stollenreifen, langen Federwegen und in dem Maße geländetauglich, wie man sich das damals eben vorstellte. Mitsamt der entsprechenden Klamotten sahen wir aus, als wollten wir gerade nach Dakar aufbrechen, wenn wir vorm Szenencafé vorfuhren. Das Sehnsuchtsobjekt schlechthin war die Ducati Scrambler (damals schon Vintage, aus den späten 60ern), aber diesen Coolnessfaktor hat von uns keiner erreicht.

Jedenfalls war mit den Mountainbikes auf einmal auch das Radfahren wieder eine coole Sache. Magazine, Klamotten, Komponenten kamen auf, mit denen wir uns den ganzen Tag lang beschäftigen konnten und endlich konnten wir überall hin, woran zuvor gar nicht zu denken war. Mein drittes oder viertes, ich kaufte damals in schneller Abfolge, hatte dann sogar eine Rockshox-Federgabel, ein schönes, kupfermetallicfarbenes Diamond Back war es. Fotos habe ich von allem dem Plunder nicht, das war damals nicht so angesagt.

Im Rückblick verwischt bei mir stets vieles, ob Zeit, ob Geschehnisse. Irgendwie war es ein paar Jahre lang nur Sommer, es schien immer die Sonne, wie waren nur draußen, stets unterwegs, wenig zuhause. Die Jobs während des Semesters und dazwischen spülten gar nicht so wenig Geld in die Taschen. Junge Frauen und junge Männer, hübsch, sportlich, wenig Dioptrien und wenig Pfunde, mit wenigen Ausnahmen wenig neurotisch. Als hätten wir jahrelang Ferien gehabt, so scheint es mir im Nachhinein.  Those were the days.

Ich weiß jetzt auch nicht, wie ich so ausufernd auf diese ollen Kamellen komme. Ach ja, auf den Urlaub hatte ich mich vorbereitet. Gewissenhaft, wie immer: Ist das Rad dem Anlass entsprechend vorbereitet? Check! Die farbliche Umgestaltung ist erledigt – und dann darf es nicht mit, in die Dolomiten.

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Denn ich lasse die Gedanken fliegen, siehe oben, und entscheide mich, das Mountainbike einzupacken. So ganz überzeugt bin ich von meinem Vorhaben zunächst noch nicht, vorsorglich lese ich mal ein wenig nach, was mich auf den Bergtrails erwartet und meist steht da was von „Fahrtechnik“. So etwas habe ich natürlich nicht, Fahrtechnik. Mit zunehmendem Alter gleicht man das auch nicht mehr so ohne weiteres mit Unbekümmertheit aus (oder Schiss, vor den Kumpels -oder den anwesenden jungen Damen- einen Rückzieher zu machen). Auch die Radtechnik ist hier nicht up to date, aber ich komme damit gut zurecht und so bleibt es beim wendigen 26er Hardtail, das -mon Dieu!- nicht einmal Scheibenbremsen hat.

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Gleichwohl, die Entscheidung steht. Auf die Schnelle muss ein wenig Übung her in Sachen Steine, Fels und Wurzeln. Doch woher nehmen, hier in der Tiefebene? Das nächstgelegene Waldgebiet, in dem es ein wenig rauf und runter geht, liegt 20 Kilometer östlich von Leipzig. Der Kohlenberg bei Brandis ist zwar nur 180 Meter hoch, aber man kann sich ihm auf einer Umkreisung durch die mit vielen Wegen und Pfaden aufwartenden Waldgebiete zwischen Naunhof, Bennewitz und Machern annähern. Das wird zu einer lohnenden Anfahrt mit Passagen, die mir bis dato unbekannt waren.

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Mehr als ein halbes Dutzend ehemaliger Steinbrüche warten auf uns, die wahlweise über Waldautobahnen wie auch über lediglich 30, 40 cm schmale Pfade am Abhang entlang erreichbar sind. „Man darf einfach gar nicht runtergucken, dann geht’s“, meint Carodame und fährt voran.

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Nicht immer, bzw. eher selten wissen wir, welchen Weg wir einschlagen müssen. Das ist uns auch gar nicht wichtig, Wir fahren einfach drauf los, mal da einen Feldrand entlang, mal dort einen steilen Wurzelweg hinauf und wieder hinab.

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Dann schauen wir, wohin wir ungefähr gelangt sind und probieren den nächsten Weg aus oder etwas, was einst einmal ein Weg gewesen sein mag.

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Unvermittelt patscht man durch Pfützen und streift Brennnesseln enger, als man sich das wünschen würde, während ringsherum ein ziemlich lautes Vogelgezwitscher herrscht. Das macht Spaß, nicht immer sind wir da, wo wir uns vermutet hätten, aber die grobe Richtung stimmt und Steinbruch nach Steinbruch wird von uns entdeckt.

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In dem einen blubbern Taucher herum, den nächsten hat eine Clique Jugendlicher ganz für sich. Sonst ist da niemand, wie das eben so ist, wenn Autofahrer nicht mal ansatzweise heranfahren können und wenn es den normalen Radfahrern zu beschwerlich ist.

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Am Ostbruch sind die Kletterer aktiv und hängen in den sonnererwärmten Felswänden, wo sie auf ihrem Weg nach oben minutenlang über den nächsten Handgriff, den nächsten Tritt grübeln. Im schönem Westbruch wird ebenfalls geklettert und eine Handvoll junger Leute sucht den umgekehrten Weg, sie springen die Felsen hinunter.

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Der Heimweg führt an zwei Badeseen entlang, an denen sich der Eisverkäufer um die charakterliche Festigung der Jugend verdient macht. „Nicht so leise. Nicht nach unten gucken. Nicht weggucken. Mit mir sprechen! Laut! Laut und bestimmt! Musst Du auch mit Mama und Papa so machen. Aufrecht halten. Immer deutlich ja und nein sagen!“ Für jeden Kunden hat er etwas parat, erst für Signora Carodame, dann erzählt er mir von seiner Tochter, die Pianistin sei, aber in Frankreich studiere und weil er nicht viel Geld habe, sie zu unterstützen, sammle er jedes 10, 20 oder 50 Cent Stück, das er mal als Trinkgeld bekomme. Da hatte ich ihm das Wechselgeld schon längst zurückgeschoben. Ob das alles wahr ist, ist gar nicht wichtig. Wie jede gute Geschichte kommt es auch bei dieser nicht darauf an, ob sie stimmt. Das gilt auch für nicht so tolle Geschichten, solange sie nur gut erzählt sind.

Aufgewärmt hingegen schmecken sie bisweilen fad und lau. Die Hersteller und Käufer von Namensrechten bringen die Namen der ersten Mountainbikes wieder auf den Markt. Sogar ein Breezer Lightning gibt’s als 29er und Ducati verkauft wieder eine Scrambler, um junge Käufer zu gewinnen, wie es heißt. David Beckham erlebt derweil am Amazonas „Abenteuer“ auf einer Retro-Triumph. Passend dazu lese ich neulich irgendwo, alte Motorräder seien das neue, hippe Ding. Wird ja auch Zeit, jetzt, da alte Rennräder „sowas von 2009“ sind. 

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Demnächst: Warum man sich in der Tat einen Storch auch braten könnte und warum auch er, wie das Lamm, dem menschlichen Neugeborenen um Längen voraus ist.
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8 Antworten zu David Beckham und ich

  1. prieditis schreibt:

    oh nein! olle moppeds sind jetzt hip?!?
    immer diese moden… da hat ich als schüler ne dkw rt 175 vs, der traum war allerdings eine kawasaki h1 (klingt im stand wie drei mz).
    vor 3 jahren hat sich ein vertreter des bdr auf die frage nach mountain bikes folgendermaßen geäussert:
    „es kommen ja jährlich, ich sag mal, sogenannte funsportarten, hinzu…“

    • kreuzbube schreibt:

      Meine Honda aus den 70ern habe ich vor Jahren in Einzelteile zerlegt und verkauft… Und mein Yamaha bekam der Sohn einer Freundin. Das hätte mich hellhörig machen müssen. Was will der Jungspund mit dem alten Eintopf? Der fand das Ding cool.

      Das wäre aber jetzt sowieso nicht mehr so ganz mein Ding. Viel zu schnell… und dann im Hochsommer mit Helm, Lederjacke, schweren Stiefeln, da rinnt der Schweiß an jeder Ampel.

  2. Anneke schreibt:

    Von so einer Klippe würde ich auch gerne mal runterspringen ins Wasser….
    Schöne Tour und Bilder. Viel Spass in den Dolomiten!

    • kreuzbube schreibt:

      Danke. Es kamen mir noch 1000 berufliche Autobahnkilometer in die Quere, von denen ich aber einen Turm mitbringe. Wart’s mal ab, geht gleich los.

  3. Anja Kellerj schreibt:

    Viel Spaß in den Dolomiten und ganz viel Stoff für noch mehr schöne Geschichten und Bilder. Ich lese immer mit einem Schmunzeln 😉

  4. kreuzbube schreibt:

    Oh, ins Gewitter kam ich nach dem Fiasko am EC-Automaten auch noch…

  5. Twobeers schreibt:

    Auch das wieder erbauliche Zeilen, die mir den Montag versüßen. Ich selbst erlebte am letzten Wochenende nichts, was zu einer ordentlichen Erzählung taugen würde. Nichtmal das Gewitter war wie erhofft.

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