Dolomitentrilogie, 1: Sellaronda, oder: Keiner trägt mehr Mützen

Würde ich extra 800 km weit Auto fahren, um mit ziemlich vielen Leuten ein paar Stunden Rad zu fahren? Eher nicht.

Würde ich mit ziemlich vielen Leuten 800 km weit entfernt Rad fahren, wenn ich dort ohnehin Urlaub mache? Ja… nein… ich mein’… jein.

In diesem Fall: Auf jeden Fall.

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Grandios. Famos. Atemberaubend. Jede einzelne Minute, jeder einzelne Meter bringt einen Ausblick, wie er beeindruckender nicht sein kann. Wahrscheinlich gibt es keinen Ort, an dem es sich euphorisierter in die Pedale treten lässt, als diesen. Allerdings gibt es wohl auch keinen Ort, an dem man mit mehr Begeisterung Sportwagen fahren kann. Und Oldtimer. Und vor allem Motorrad. Exakt das ist der Grund, weshalb ich mit ziemlich vielen Leuten auf die Piste gehe, was ich sonst widerwillig bis gar nicht tue.

Einfach einen Tag zu warten, bis die vielen andere Radfahrer wieder weg sind, würde die Sache nämlich nicht besser machen. An die Stelle jener, die die Pässe mit Muskelkraft erklimmen und die Abfahren mit Wagemut nehmen, treten dann in gleicher Anzahl die motorisierten Verkehrsteilnehmer. Dort, in Südtirol, in den Dolomiten, um die Sellagruppe herum, diskutieren sie immer wieder, ob man da was machen müsste und was man da machen müsste. Das reicht von der Idee, eine Maut zu erheben bis hin zur Sperrung der Pässe für Kraftfahrzeuge von 10:00 bis 16:00 Uhr. Letzteres soll, so die Überlegung, dazu führen, dass die werktätige Bevölkerung Wohn- und Arbeitsort erreichen kann, der sonst stete Strom an Lärm- und Abgaserzeugern aber eingedämmt wird.

Sella Joch

Sella Joch

Aber ich will unsere Erlebnisse nicht mit Verkehrspolitik zerreden, die mir dort in diesen Tagen so fern ist wie jede andere Politik, wie Großstadtsorgen und Großstadtmoden überhaupt. Während ich zwischen 250 Millionen Jahre alten Bergen mit meinem Rennrad klettere, juckt es mich nicht die Bohne, ob Griechenland noch drei Jahre lang gerettet wird oder ob irgendwer vielleicht das Internet abschaltet.

Einstieg zur Sellaronda in Corvara

Einstieg zur Sellaronda in Corvara

Sellaronda. Eine Tag lang ist der Rundkurs um das Herz der Dolomiten, Weltkulturerbe der Unesco, für alle Kraftfahrzeuge gesperrt. Wer hinauf will und hinab, und hinauf und hinab, und hinauf und hinab, und hinauf und hinab, der muss das leise tun.

Gut, nicht ganz so leise. Die Italiener erkennt man sofort. Ein heiteres Geschnatter ist zu vernehmen, wann immer man sich einer der italienischsprachigen Gruppen nähert, und hin und wieder kommt eine Gesangseinlage dazu. Diese Leute sind noch etwas besser gelaunt, als es ohnehin alle zu sein scheinen.

Immer am Puls der Zeit gewinne ich anhand der immens großen Vergleichsgruppe die erste Erkenntnis: Kaum einer trägt mehr Radmützen, obwohl wir im Herzen des Radsports sind und man Mützen in allen Läden kaufen kann. Wichtiger ist, zumindest unter den Italienern, die richtige Sonnenbrille. Ebenso schnell bin in einem weiteren Punkt im Bilde: Niemand außer Italienern trägt weiße Radhosen mit weißen Beinlingen.

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Sellaronda Bikeday geht so: Die Runde über die vier Pässe ist ab 8:30 für den motorisierten Verkehr gesperrt und aus allen Richtungen strömen die Radfahrer zu einem der Einstiegspunkte, von denen aus man sich auf die Piste begibt.  Je nach dem, wo man wohnt, hat man sich bis dahin möglichst schon mindestens 10 km locker eingerollt, was bedeutet, dass man auf den 10 km flach unterwegs ist, was wiederum bedeutet, dass man nur läppische 250 bis 300 Höhenmeter hinter sich bringt. Kilometer zählen lohnt in den Dolomiten nicht, die Höhenmeter sind es, auf die es ankommt.

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Auf das Warmfahren bereiten wir uns mit einem Warmwandern mit den Hunden vor. Bis wir anschließend aufs Rad steigen, haben wir einen guten Teil der zur Verfügung stehenden Muskelkraft auf steilen Bergpfaden bereits eingebüßt. Bei der Sellaronda werden es später am Tag (nach wenig klingende) 75 km mit dem Rad gewesen sein, die aber etwa 2300 Höhenmeter mit sich brachten.  Hinterher frage ich mich, ob sich das mit dem Warmwandern nicht irgendwie vermeiden ließe und vor allem, ob ich die Vierbeiner auf die zweite Wanderung des Tages nicht allein schicken könnte.

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Wie gesagt, man fährt morgens einfach los. Es gibt keine Anmeldung, keine Startgebühren, keinerlei Vorgaben, keine Anforderungen ans Rad oder an irgendwas. 

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Es gibt nicht einmal eine erkennbare Organisation im Sinne einer Radsportveranstaltung. Die einen müssen den Straßen fern bleiben, die anderen haben sie für sich. Das ist alles.

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Man muss, darf, möchte den Pass hinauf und den Pass wieder hinunter. Viere an der Zahl sind es, das Grödner Joch, das Sella Joch, der Passo Pordoi und der Passo Campolongo. Die ersten drei liegen jeweils über 2000 Meter hoch, der Passo Campolongo ist der Kinderteller mit seinen 1850 m Höhe.

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Oben bieten die Gasthöfe Speise und Trank und die unglaublichen Ausblicke auf die Landschaft sättigen die Seele.

Auffahrt zum Grödner Joch

Auffahrt zum Grödner Joch

So einen Pass hinauf zu fahren, ist nicht so schwer. Die etwa 10 km lange Auffahrt zum Grödner Joch fällt mir leicht, ich könnte ständig laut jauchzen, wie das unsere Gastgeber, die Vermieter der Ferienwohnung, morgens mal tun, einfach so, weil gerade die Sonne den Kreuzkofel ins beste Licht rückt und die Welt in diesem Moment nur schön ist. 

Blick zum Kreuzkofel

Blick zum Kreuzkofel

Fast im Nu, so scheint es mir, sind wir oben, machen das, was alle machen: Sehen uns satt an diesem einzigartigen Gebirge, ziehen uns Windjacken an. 

Am Grödner Joch

Am Grödner Joch

Wir haben die Schafskälte erwischt, der Wind bläst und die Abfahrt würde sehr, sehr frostig werden.

wetter sellaronda

So frostig, dass ich mir nach ein paar Kehren schon wünsche, dass es endlich wieder bergauf gehen möge. Hauptsache klettern, Hauptsache warm werden.

Abfahrt vom Grödner Joch

Abfahrt vom Grödner Joch

Später, am Sella Joch, ist es schon etwas wärmer (ein Espresso tut oben seinen Teil dazu), am Passo Pordoi ebenfalls, auch am Passo Campolongo, und ich weiß jetzt gar nicht mehr, wo unterwegs der leichte Regen aufgekommen war. Alles verschwimmt zu berauschenden Bildern. 

Auffahrt zum Sella Joch

Auffahrt zum Sella Joch

Was mir noch in besonderer Erinnerung ist, ist die weggefräste Straße hintunter vom Passo Campolongo mit den typischen, vom Fräsen verbleibenden Spurrillen und splitähnlichen Asphaltbröckchen, auf denen man die engen Kurven nimmt.  Wo die Fräsmaschine immer mal abgesetzt hat, gibt’s Kanten, die mit einen dünnen Strich Sprühfarbe markiert sind, aber den sieht man natürlich bei dem Tempo erst, wenn man schon drüber knallt. Interessant, dass sich da keiner einen Kopf drum macht. Also mache ich mir den auch nicht. When in Rome do as the Romans do.

auffahrt passo campolongo

Auffahrt zum Passo Campolongo

Es gibt natürlich Nonkonformisten aus Prinzip. Unterwegs stehen überall Schilder mit der Empfehlung, gegen den Uhrzeigersinn zu fahren. Das machen auch alle. Fast alle. Denn es gibt auch solche. Klasse Sache, zwar selbst den ganzen Tag keinen Spaß gehabt, aber dafür das Wissen, in die andere Richtung als alle anderen gefahren zu sein.

Nur kein Abfahrtsspaß!

Nur kein Abfahrtsspaß!

Die vielen Leute stören mich gar nicht. Die Stimmung ist bei allen prächtig, bergauf ist es ohnehin kein Problem, es ist Platz genug und jeder fährt das Tempo, das für ihn passt.

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Weil es keinen gemeinsamen Startort für alle und auch keinen Startschuss gibt, kann ein Wettbewerbscharakter gar nicht aufkommen, womit wir die erste Anforderung von David Millars How to be a stylish cyclist schon erfüllen: Don’t race unless it’s a race. Aber auch passabwärts lässt sich das gut an, wer langsamer fährt, hält sich eher rechts, links sausen die Schnelleren vorbei.

Abfahrt vom Sella Joch

Abfahrt vom Sella Joch

Wo die einen schon beisammen sitzen, weil für sie der Start/Zielort erreicht ist, müssen die nächsten noch einen Pass weiter, um in „ihrem“ Tal anzugelangen.

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Das soll es für heute gewesen sein. Was ich sonst noch zu erzählen und zu zeigen habe, das bekommt ihr in den noch folgenden Fortsetzungen geboten.

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Alle Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern.

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19 Antworten zu Dolomitentrilogie, 1: Sellaronda, oder: Keiner trägt mehr Mützen

  1. Anja Keller schreibt:

    Neidisch!!!! Einfach nur neidisch – ok; nicht unbedingt auf die Quälerei bergauf, aber für ein solches Panorama in echt, würde ich mich sogar auch im Schneckentempo mit dem Rad hochhieven! 😉

  2. kreuzbube schreibt:

    Und auch das ist dort vor wenigen Tagen geschehen. Sabine Spitz (43!) holt bei ihrem 30. (!) WM-Start die 15. Medaille – Rund um die Sella-Gruppe.

    Olympiasiegerin Sabine Spitz hat in ihrer einzigartigen Karriere einen weiteren Meilenstein gesetzt. Auf der vielleicht schwersten und extremsten Marathonstrecke der Welt holte die 43-Jährige WM-Bronze nach einer extrem harten 60-km-Runde durch die Dolomiten. Damit erstürmte sie bei ihrem 30. WM-Start zum 15. Mal einen Platz auf dem Podium. … Zunächst galt es auch, den kühlen Bedingungen Rechnung zu tragen. Als einzige Starterin wählte sie Knielinge: auf den Pässen (Grödnerjoch, Campolongo, Pordoi, Sellajoch) in bis zu 2239 m Höhe sank die Temperatur auf 10 Grad, beim Ziel in Wolkenstein begann es zu tröpfeln.“

    Quelle: cx-sport.de

  3. cut schreibt:

    Boa. Klasse!

  4. Anneke schreibt:

    Toll! Ich hatte schon von der Sellaronda gehört, dachte es wäre eine Veranstaltung wie so viele andere auch, so mit Transponder, Startaufstellung und so…. So hört sich das ja herrlich unaufgeregt an. Die Dolomiten sind von uns aus allerdings lockere 1.055 km entfernt, mal schauen 😉
    Schönes Foto von Bubi und Bube!

    • kreuzbube schreibt:

      Du meinst den Dolomitenmarathon. Das ist eine Amateursportveranstaltung, Art Jedermannrennen, und findet immer am ersten Juliwochenende statt. 139 km. Klingt nicht viel? Die Höhenmeter machen es: 4230. Und das nicht auf ankommen, sondern auf Zeit.

      Das Foto zeigt unsere Hündin.

  5. carodame schreibt:

    Diese Landschaft ist einmalig, ich fahre einstellig und werde bisweilen einsilbig 😉 Eins A also!
    Mich hat diese Runde nach dem Erkältungshalbjahr schon ziemlich angestrengt. Aber der Ausblick, die frohe Stimmung und die sensationellen Abfahrten sind jede, wirklich jede Anstrengung wert. Die K*tzgrenze sollte noch kommen… Derart, dass ich da nochmal hin muss.
    Sensationelle Woche.
    Ich mache vor den Bergen, den Bewohnern dort und vor meinen Beinen einen Knicks.
    Gute Besserung an Herrn Mark.

  6. mark793 schreibt:

    Um es in einem Wort zu sagen: grandios!

    • kreuzbube schreibt:

      Ist es. Man kann die Kamera überall hin halten und fängt nie einen hässlichen Fleck ein. Anders als in manchen französischen und schweizer Skiorten fehlen Betonburgen dort völlig. In der Ferienzeit sollte man sich dort aber wohl nicht aufhalten. Im Juli und vor allem August wälzen sich wohl die Blechlawinen durch die Straßen.

      • mark793 schreibt:

        Für mich wirds gesundheitsbedingt dieses Jahr nicht mehr allzu alpin werden, fürchte ich. Aber so als ferneres Ziel könnte ich mir diese Runde schon irgendwann vorstellen. So eine schöne Umgebung mobilisiert ja nochmal deutlich mehr als der 200. Angriff auf die Abraumhalde.

      • kreuzbube schreibt:

        Es ist nicht so, dass sich das von selbst fährt. Am dritten Pass merkt man dann schon, dann man bereits ein paar Höhenmeter in den Beinen hat. Doch von den Fahrten in dieser Landschaft bleibt mir kaum die Anstrengung in Erinnerung, sondern wirklich fast nur die Umgebung, in die das Fahren eingebettet war. Das reißt einen wirklich sehr heraus aus den immer gleichen Runden, die ich ja auch zur Genüge kenne und deren ich zuletzt so überdrüssig war, dass wir zumindest an den Wochenenden fast nur noch nach neuen Zielen und Strecken gesucht haben.

        Kopf hoch, es kommen gesundheitlich auch wieder bessere Zeiten. In März und April wollte ich auch anders drauf sein, es hat nicht sollen sein. Verschiebt man die Pläne eben ein wenig.

  7. crispsanders schreibt:

    Nur der Deutsche trägt zu schwarzen Gamaschen ein schwarzes trikot und zieht sich eine ESK Mütze drüber !
    Mehr solcher Berge!

    • kreuzbube schreibt:

      Es gibt noch Fotos satt in den kommenden Tagen.

      Mein Kleiderschrank kann natürlich noch viel mehr. Alleine die Frage morgens, was ziehe ich zu welchem Rad an…? Das Gabba war perfekt für diesen Tag. Winddicht, wasserabweisend, atmungsaktiv und das Schwarz saugt jeden Sonnenstrahl wärmend auf den Leib. Leider ist es zu teuer, um es sich in allen drei Farben (und dann noch als SS und LS) zu kaufen.

      Mit der Mütze bin ich in der Pflicht. Twobeers erwähnte es ja schon, er hatte seine Mütze kurz vorher bereits präsentiert.

  8. Twobeers schreibt:

    Mein Lieber, nur wenige Tage vorher war ich ja auch in der Gegend. Traumhaft, allerdings hatten wir solche Kälte nur auch dem Penserjoch – dort allerdings mit Schnee, den ich bei Deinen Bildern vermisse.
    Apropos Bilder, wer nahm das letzte auf? Hast Du extra die Kamera einem wildfremdem Menschen in die Hand gedrückt, 50m zurück, umdrehen und in die Linse winken? Oder Selbstauslöser? Die Carodame hast Du ja extra hinter Dir gelassen….

    • kreuzbube schreibt:

      Schnee gab es bis auf kleinere Haufen nur noch auf den Gipfeln und Gletschern. Alles in allem wurde es dann ja auch deutlich wärmer, zuletzt gar bis 18°C… Das letzte Bild (hinauf zum Passo Campolongo) hat ein Fotodienst gemacht, die anderen habe ich geknipst. An jeder Auffahrt zu einem Pass steht einer und knipst. Man fährt an ihm vorbei und grapscht einem anderen einen Zettel aus der Hand, den man sich ins Trikot stopft. Darauf steht der jeweilige Pass und der Zeitraum von einer halben Stunden, in dem man dort fotografiert wurde. Wenn man möchte, kann man sich das Foto kaufen.

  9. traumradeln schreibt:

    Vor fünf Jahren sind wir die Runde fast komplett gefahren. Der Kinderteller 🙂 war nicht dabei. Es war genial. Danke für das Auffrischen der Erinnerung und den tollen Bericht.

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