Dolomitentrilogie, 2: Svetlana lässt den Strudel stehen

kreuzbube packt ein. So wenig brauche ich! Passt für acht Tage alles in den Weekender hinein. Wäre ja gelacht, wenn sich Carodames halbem Hausrat nicht demonstrativ entgegen stellen ließe, wie Mann das macht.

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Fünf Minuten früher…

Einen Tag später steht kreuzbube im Fahrradladen und kauft sich eine warme Hose. Und eine Regenjacke. Die heimischen Schubladen quellen zwar über mit solchen Klamotten, aber hier ging es um Prinzip. Sommerurlaub. Sommerkleidung. Mann bracht all das nicht, was Frau unverzichtbar findet. Immerhin ist als Zugeständnis das gute Trikot als Waffe gegen Wind und Regen dabei.

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… fünf Minuten später.

In einem Anflug von seltener und noch dazu kritischer Selbsthinterfragung räume ich ein, dass Frau recht hat: Sofern ihr mit dem Auto verreist, packt lieber alles ein, was ihr für wechselndes Wetter brauchen könntet. Das Wetter in den Bergen ändert sich häufig, im Laufe einer Woche sowieso, aber bisweilen auch binnen sehr kurzer Zeit sehr drastisch. Die Wetter-App ist der wesentliche Grund, das smartphone parat zu haben. Es gibt keine schnellen, kurzen Wege zurück. Einmal über den Pass hinaus gefahren, steht er auch nach dem Wetterumschwung auf dem Programm – und im Wege. Hatte ich je behauptet, im Urlaub ohne Internet auszukommen?

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Wer noch Kleidung braucht, muss allerdings nicht einen Tag vor der Abreise hektisch das Erstbeste einkaufen gehen. In den Dolomiten gibt es in Dörfern mit 1000 Einwohnern Radläden, die bieten auf kleinem Raum ein Angebot feil, das jeden Großstadtshop alt aussehen lässt. Mal eben von einem halben Dutzend Anbietern das gesamte aktuelle Sortiment in allen Farben und Größen? Kein Problem. Die gewünschten Armlinge fehlen dennoch in M? Auch kein Problem, morgen kommt ein Karton mit weiteren 100 Stück. Nicht, dass man sich darüber noch wundert, wenn man an den vor der Tür aufgebauten Rädern vorbei ist, die man zur Probe fahren kann.

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Ohnehin ist Team Sky und damit auch Pinarello sehr präsent. Viele Dogmatiker sind unterwegs und zunächst dachte ich an verkleidete Freizeitfahrer, bevor ich die zwei, drei in der Teamkleidung habe fahren sehen. Ob die wohl doch echt waren?

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Figurmäßig könnte es hinkommen. Für den Freizeitsportler gibt es zwei Möglichkeiten, den Berg leidlich zu bewältigen. Entweder er hat einen ordentlichen Bumms in den Beinen oder wenig Biopren, wie Twobeers das nennt, auf den Rippen.  Bei den Könnern kommt beides zusammen, die Daten sprechen Bände: Chris Froome: 186 cm, 69 kg, Alberto Contador, 176 cm, 62 kg, Vincenzo Nibali: 181 cm, 65 kg, um mal ein paar der diesjährigen Tour-Favoriten zu nennen. So ein Fettsack wie der mehrfache Zeitfahrweltmeister Tony Martin mit seinen 75 kg bei 185 cm hat da natürlich nichts zu melden. 

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Immer am ersten Juli-Wochenende findet der Dolomitenmarathon statt. 139 km, 4230 Höhenmeter. Nicht auf Ankommen, auf Zeit. Wer gewinnen will, muss 4:30 bis 4:45 fahren. Achtung, Altersdiskrimierung! Wer über 65 ist, hat da nichts zu suchen und darf nur eine kürzere Runde drehen. Der Veranstalter schützt sich vor den Teilnehmern und die Teilnehmer vor sich. Immer im Mai gastiert in den Dolomiten zudem der Giro d’Italia, den greife ich in den kommenden Tage noch auf.

In den Dolomiten: Ein Rennrad ist ein Rennrad ist ein Rennrad und somit ein Sportgerät. Es ist kein Komfortrad, es ist kein Tourenrad, es hat kein Schutzblech, es hat keinen Gepäckträger, es hat keine drei Kettenblätter. Statthaft ist, das zeigt der Blick ins Regal zweier Radläden, eine 30er Kassette. Außer 30er Kassetten gibt es im Regal vor allem eine weitere Produktkategorie: Bremsgummis. Damit ist im Grunde alles gesagt. 

Wer eine Einschätzung braucht, mich kennt und sich daher an meinem mäßigen Leistungsniveau orientieren kann: Ich war dankbar für das 36er Kettenblatt und bin die Sellaronda mit 36-26 gefahren. Das vorhandene Tabu- und Angstritzel (28) habe ich später in der Woche aber doch noch gebraucht, aber das ist ein anderes Thema, das noch ein wenig warten muss.

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Zurück zum Wetter. Greifen wir exemplarisch die Auffahrt zum Passo die Valparola auf, die uns hier von carodame präsentiert wird.

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Vom Gadertal aus kommend überquert man erst den einen Pass und dann noch den Passo di Falzárego, wenn man auf ein Eis nach Cortina d‘ Ampezzo radeln möchte. Das sind etwa 40 km und 40 km zurück, dazwischen das, worauf es ankommt. 

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Oben -selbstverständlich- berauschende Ausblicke und -selbstverständlich- ein Gasthof. Gasthöfe steuern wir und andere ohnehin zielstrebig an. Ein armer Tropf, der, Sport hin, Sport her, vor solcher Kulisse keine Spinatknödel, keinen Kaiserschmarrn, keinen Strudel genießen kann. 

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Der schon oben angekommene Teil des Radsportteams mit den großen Buchstaben RUS auf den Hosen hat die Wetter-App im Auge, wir nicht.  Svetlana, an die sich Carodame im Kampf mit dem Berg dran hängt, kommt nach ihren männlichen Teamkollegen oben an und bevor sie ihren Strudel auch nur zur Hälfte aufgegessen hat, drängt der Trainer zum Aufbruch. Draußen steht zudem der Teambus.

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Wir hingegen essen in aller Ruhe unsere Gemüsesuppe, denn ich denke mir zunächst, die Svetlana, die hat sich bestimmt so sehr verausgabt, dass sie den Strudel nicht runter bekommt. Das ist offenkundig ein Irrtum.

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Wir kommen raus und sehen, dass Sonnenschein binnen 15 Minuten fast vollends einer düsteren Wolkendecke gewichen ist, aus der es im Nu auf uns hinabzuprasseln beginnt. Meine Idee, nach Cortina zu fahren, lasse ich fallen, um mich hinab in Richtung Zuhause fallen zu lassen. 13 km Abfahrt im Regen sind kein ungetrübtes Vergnügen. Gut, wenn man man gute Klamotten hat, ob von daheim mitgebracht oder vor Ort eingekauft.

Passabfahrten gelingen besser, wenn es warm ist. Durchfroren und mit klammen Fingern ist das kein Fingerschlecken. Da erfordert vom Flachlandkreuzbuben mehr Mut als die Runde auf gesperrten Straßen. Denn was will man machen? Von unten kommt der Verkehr entgegen, gleichzeitig muss man endlich am Tanklaster vorbei, der dort nur recht langsam runter kommt, zumindest langsamer als wir auf der Schussfahrt. Man braucht wohl Übung, aber woher nehmen, wenn man in so einer landschaftlich scheißlangweilen wenig bietenden Tiefebene lebt? 

Wenn nicht gerade die Straßen gesperrt sind, kann man sich sehr verkehrsarm mit einer Feierabendrunde behelfen, wie sie dort von einigen gerne gefahren wird.  Gegen halb acht, acht klettert man noch einmal auf den Pass, genießt eine kurze Plauderei mit Gleichgesinnten und die Momente, in denen die sinkende Sonne die bleichen Felsen in unterschiedlichsten Farbtöne taucht, um dann in der einsetzenden Dunkelheit ins Tal zurückzukehren. Eine Klemmlampe hilft und vor allem ein Trikot oder eine Jacke in leuchtenden Farben, das man bis in Tal hinab sieht. Man muss das erlebt haben, da macht sich einer oben an die Rückkehr, lässt sich mit Schwung und Schräglage in die erste Kehre hineinfallen und schreit dabei seine Begeisterung aus voller Kehle in die Bergwelt.

Für heute gute Nacht mit einem Blick vom abendlichen Grödner Joch hinab Richtung Alta Badia.

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6 Antworten zu Dolomitentrilogie, 2: Svetlana lässt den Strudel stehen

  1. randonneurdidier schreibt:

    Es wird Zeit, in Meck-Pomm ein paar ordentliche Hügel aufschütten zu lassen. Wenn ich Deinen Bericht lese, bekomme ich sogleich Appetit auf Höhenmeter, Schmerzen, Lustgefühle, Erschöpfung, Leckeres Essen, Gute Getränke… Genießt die Zeit!

    • kreuzbube schreibt:

      Genau. Von Meck-Pomm die Ostseeküste mit 10, 20 km dahinter lassen wie es ist. Den Rest direkt angrenzend vertikal auffalten. Das wäre perfekt. Fischbrötchen auf dem Pass, das hätte was.

  2. prieditis schreibt:

    Natürlich schreien die… die haben ja auch keine River-Kwai-Mehrtonfanfare am Rad ;o)

  3. Twobeers schreibt:

    Jaja, eine Windjacke muss für alles reichen…wie sehr hab ich meine wärmenden Handschuhe vermisst, bei 2°C auf dem Penserjoch (während im Tal 28° waren).

    • kreuzbube schreibt:

      Eigentlich braucht man eine Windjacke für über die Windjacke…

      Armlinge und Knielinge ja sowieso. Die Hose aus dickerem Material musste her, weil es in den ersten zwei Tagen auch im Tal nicht wärmer als Tageshöchstemperatur 12 C wurde. Das zieht sehr unangenehm um die ohnehin zwickende Hüfte, wenn man nur die ganz leichte Sommerhose trägt.

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