Dolomitentrilogie, 3: I muass am Berg und des no heit

Voda, Voda loß mi ziag´n,  da Berg i muass eam unterkriag´n.  Wolfgang Ambros, Aufi. Aufi!
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pralongià

Und keiner hat was gesagt. Neulich kündige ich noch an, die Dolomiten mit dem Mountainbike erkunden zu wollen und jetzt nehmen alle widerspruchslos hin, dass nur die Rennräder zu sehen sind. Dabei ist es doch so: Mit dem Rennrad kommt man auf den Pass, mit dem Mountainbike zum Gipfelkreuz. 

Das alles kam so: Die Mountainbikes waren noch nie auf dem Dach. Dort sind die Räder nur, wenn die Hunde mit an Bord sind, sonst fliegen sie hinten rein. Morgens vor der Abfahrt in den Urlaub belade ich den Wagen und stelle fest: Die Räder wollen partout nicht rauf, nicht in Wind und Wetter. Die (ungenutzten) Scheibensbremsaufnahmen der Gabeln verhindern die Mitfahrt. Die fett Bereiften kommen wieder in die Leipziger Abstellkammer statt nach Südtirol, haben sie eben Pech gehabt. 

Aufi, auf den Gipfel, muss i dennoch. Der Radladen hat nicht nur über ein Dutzend Rennräder vorrätig, sondern auch Mountainbikes in gleicher Zahl. Leiht man sich eben eins aus. Ich sitze zwar lieber auf meinen eigenen Rädern, wo alles passt, aber es wird schon gehen.

Hoch, höher Hochplateau! Ich weiß natürlich genau, was ihr jetzt denkt, wenn ich euch sage, dass wir 35 bis 40 km Rad fahren wollten. Indes, die ersten 15 km warten gleich mit 1000 Höhenmetern auf und die gilt es nicht relaxed auf Asphalt zu bewältigen, sondern über Schotter. Und noch über einiges mehr, was wir aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Auf den ungewohnten 29ern komme ich mir vor wie auf einem Elefanten, so ganz passt das alles doch nicht für mich, doch lange denke ich nicht darüber nach.

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Auf einem noch halbwegs zivilisiert ansteigenden Weg parallel am Bach entlang haben Künstlern Skulpturen aufgestellt.

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Das kann ich nur begrüßen. Die Natur ist unbeschreiblich schön und kommt durch die in sie eingebetten Reize aus schöpferischer Hand noch mehr zur Geltung.

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Der Mountainbikereiseführer beschreibt die Strecke mit einer Schwierigkeit von 3 von 5. Mittelschwer also. Haben die ne Meise? Ich muss denen schreiben und mich beschweren. Das ist Schwerstarbeit – zumindest ab dem Zeitpunkt, als ich Carodame rechts ab vom befestigten Schotterweg befehlige. In meinem Rücken kann ich das Murren fast greifen, aber er sieht doch hübsch aus, dieser durchaus zu erahnende Wanderweg/ Trampelpfad durch die Wiese? Ich räume ein, dass an ein Fahren recht bald nicht mehr zu denken ist, zudem kostet dieser Kilometer unendlich viel Zeit, denn eine Ziege müsste man sein, um dort zügig voranzukommen.

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Aber auch das vergeht, wir kommen wieder auf Schotter und der wartet dann erst einmal eine ganze Weile mit einer Steigung von 10-15 % auf. Die fetten Reifen finde ich nicht mal sonderlich hilfreich. Bisweilen schieben sich sich nicht nach vorne, sondern nur den Schotter nach links und rechts zur Seite. Wie wir uns freuen, dass es dann wieder flach wird, manchmal sogar nur 5 % Steigung vor uns liegen, gefühlt abschüssig, sozusagen.

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Für carodame ist das der Tag, an dem es um alles geht. Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich so etwas hätte. Aber ich verlange ja nichts, was ich nicht auch von mir selbst fordere. Also rauf!

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Und wenn das nicht alle Mühen lohnt? Ein Hochplateau, gute 2000 Meter hoch, inmitten der uns nun rundherum umkreisenden Dolomitengipfel.

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Übrigens, man muss sich nur an den Bäumen orientieren. Solange man noch welche um sich herum hat, egal ob dort oder auf dem Weg zu den Pässen, weiß man, dass man noch nicht oben ist. Alles unter 1500 Meter ist kein Berg, hat Rudi Altig mal gesagt. Danach dauert es nur noch ein paar hundert Höhenmeter, bis der Baumwuchs endet.

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Der Berggasthof Pralongià wartet mit leckeren Speisen auf, für die der Magen erst einmal tief durchatmen muss.

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Das Bier bleibt alkoholfrei, nach dieser Anstrengung kann ich Promille nicht gebrauchen und vor allem nicht angesichts dessen, was vor uns liegt. Runter kommen sie alle, nur wie, ist ja die Frage. Sturzfrei geht es für uns beide nicht ab. Gerne würde ich das jetzt auf die Räder schieben, die mir endgültig zu groß und zu hoch erscheinen. Auf den teils sehr schmalen Pfaden wären mir in Schulterbreite neben dem Abhang und in 180° Kehren die kleineren 26er deutlich lieber.

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Lieber hätten wir auch den vorgesehenen, regulären Weg eingeschlagen, einmal quer über das Plateau und dann etwas gemäßigter hinunter ins Tal. Irgendwie, ich weiß nicht mehr wie, vielleicht liegt es daran, dass ich immer der Nase nach fahre, begeben wir uns auf eine sehr steile Piste. Eine von der Sorte, wo man immer mal über eine Kante guckt und zwei Meter vorher noch nicht sehen kann, was dahinter kommt.

„Einfach laufen lassen“ sagen Schlaumeier gerne. Aber macht das mal, wenn es kilometerweit so weiter geht und nicht nach einem kurzen Stück schon Gelegenheit zum Ausrollen kommt.

Unterwegs stehen dann auf einmal so Schilder herum, „Enduro“ steht da drauf, da dämmert mir dann, welchen Schlamassel ich carodame auch bergab eingebrockt habe. Ich selbst bin auch nicht der geborene Abfahrer (so wenig wie ich der geborene Bergfex bin) und ehe ich es mich versehe, schmiert mir das Vorderrad auf dem Geröll auch schon weg.  Damit das Erlebnis einprägsamer wird, wiederhole ich es. Anschließend erzielt carodame den Anschlusstreffer zum 2:1 und legt sich ebenfalls auf die Nase bzw. gekonnt auf die Seite. Die Reflexe funktionieren. Nie abstützen. Arm an den Körper und selbigen als ganzen hinfallen lassen. Und wenn man es schafft, das Kinn auf die Brust. Weil carodames Schrammen an den Beinen großflächiger sind als meine, geht der Tagessieg an sie.  Irgendwann gelangen wir auf die Straße, die vom Passo Campolongo hinunter ins Tal führt und schwingen noch ein paar hundert Meter durch die Asphaltkurven, dem nächsten Espresso und dem unverzichtbaren Apfelstrudel entgegen.

Alles in allem war das eine tolle Sache. Mit den Blessuren muss und kann man leben, wenn man Rad fährt.  Wen juckt ein Jucken am Bein, wenn er solche Momente wie jene oben auf dem Gipfel erlebt?

Nach einer Ruhepause mit hochgelegten Beinen geht unser Duathlon weiter. Auch die Vierbeiner blühen in diesem Urlaub richtig auf, tollen begeistert herum, schmeißen sich mit Genuss ins Gras. Ihnen geht’s wie uns, immer die gleichen Wege werden auf Dauer fad. 

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Nun habt ihr von allem einen Eindruck bekommen und wenn euch das gefallen hat, dann gibt es noch einen Nachschlag. In einem kreuzbubensolo zeige ich euch, dass man auch mit dem Rennrad zum Gipfelkreuz kommt und weshalb ich damit mein Karriereende verkünden kann.

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