Dolomitenepilog: Das Karriereende

„Nein, ich bleibe bei einem Stück Kuchen. Ich fliege demnächst nach Mallorca, da muss ich die Berge rauf. Das fällt mir leichter, wenn ich nicht so schwer bin.“ Täve Schur, 84, nach einer gemeinsamen Ausfahrt kurz vor seinem Urlaub.
***

Das war’s. Nun kann ich aufhören. Alles erreicht, was soll noch kommen? Das Karierreende des kreuzbuben.

kronplatz_gipfelkreuz

Hatte ich je behauptet, dann man mit dem Rennrad nur bis auf den Pass und nicht zum Gipfelkreuz kommt? Ihr dürft das nicht so ernst nehmen. Ich schreibe mal das eine, mal das andere. Das hier ist kein Baedeker und kein Marco Polo Reiseführer, für den man mich an harten Fakten festnageln könnte. Um Unterhaltung geht’s, nicht zuletzt um meine.

Zum Kronplatz führt die Königsetappe des Giro d’Italia, in meinen unmaßgeblichen Augen die Königsetappe der großen Rundfahrten überhaupt. Nach einer Woche in den Dolomiten sind meine Beine trotz eines klugerweise eingestreuten Ruhetages zwar noch leistungsbereit und leistungswillig, aber doch auch etwas schwer geworfen. Die Einheimischen würden an dieser Stelle wahrscheinlich müde abwinken. Wenn wir morgens aus dem Haus gehen, stehen sie an den steilen Berghängen, mähen das Gras und wenden das Heu und wenn wir zurückkommen, tun sie das immer noch, bis in den Abend hinein. 

P1000375 Kopie

Kein Grund also, sich vermeintlicher Heldentaten zu rühmen. Grund genug, die Erschwernisse leicht zu nehmen. Carodame fällt am letzten Tag aus, da am Vortag gefallen, und ich suche mir eine Runde, die vielleicht nicht ganz so schwer wird.

speckmuseum bruneck

Nach Bruneck will ich und von dort aus einmal rund um den Kronplatz. Bruneck-Bruneck sind etwa 50 km und etwa 1500 Höhenmeter, peile ich über den Daumen. Ich schaue mir das am Frühstückstisch auf der Karte an, lege sie beiseite, fahre einfach los. Das sollte selbsterklärend sein. Von Bruneck aus einfach immer bergauf fahren und dann müsste nach spätestens 25 km der Furkelpass erreicht sein.

An dieser Stelle sei ein Blick auf die harte Realität inmitten der bislang präsentierten Bergpanoramen geworfen. Die Kamera lügt, je nachdem, worauf man sie hält. Auf den Talstraßen, die die Orte miteinander verbinden, sieht das so aus: 

ss244

Ob es Freude bereitet, dort mit dem Rad unterwegs zu sein, sei jedem selbst überlassen. Ein halbes Dutzend Tunnel gibt es zudem auf der Strecke und die Rennradfahrer fahren da selbstverständlich durch, am verbleibenden Rand neben Wohnmobilen, LKW und Bussen.

Ein Rundkurs mit einem Pass auf halbem Wege bringt es selbstredend mit sich, dass die Höhenmeter auf der Hälfte der Strecke anfallen. Es geht also von Bruneck aus rauf und rauf und rauf, erst sachte, dann etwas mehr und zwischendurch mal ordentlich steil. Das zieht sich, ist aber eher eine mentale Sache. Wenn ich meinen eigenen Rhythmus fahren kann, komme ich überall hin und überall rauf. Verlangt mir jedoch zwei km/h im Schnitt mehr ab, und ich muss mich sehr strecken, um mitzuhalten. Soll heißen, eigentlich ist es egal, wie lange die Strecke ist oder wie weit es rauf geht, der Kopf entscheidet, ob ich Lust darauf habe. Beim kreuzbuben ist alles eine Frage der Anregung des Geistes. Impression, Inspiration, Motivation. So geht einiges bei mir. Nehmt mir die ersten beiden Faktoren weg, dann fehlt automatisch der dritte und ich bleibe Minderleister. Anderen ergeht es ganz anders, sie haben eher einen Zugang über Zahlen, der sie motiviert und ich finde das komplett in Ordnung. Jeder nach seinem Gusto.

In stetem Tritt kurbele ich hinauf Richtung Furkelpass. Die Straße verläuft etwas oberhalb und parallel zur strada statale und ich habe sie für mich alleine. Drei, vier Rennradfahrer kommen mir im Laufe der Zeit entgegen, ansonsten ermuntert mich die Tierwelt mit ihrem Zwitschern und Muhen und Mähen.

ziegen

Nicht nur Kühe sind in der Verfolgung des kreuzbuben wilde Bestien. Eins der kleinen Zicklein hat Angst vor mir und meinem Rad und läuft davon. Immer vor mir her, die Straße immer weiter hinauf. Mit jedem Meter, den es sich von den anderen entfernt, werden seine Klagelaute kläglicher. Hinter mir wiederholt sich das Bild von neulich, nur dass mir statt der Kuh diesmal eine behörnte Ziege hinterher läuft. So erlitt ein Freund einst einen Kreuzbandriss, ein Ziegenbock rannte ihm mit voller Wucht in die Kniekehle, bevor er es über den rettenden Zaun geschafft hatte. Auch ich schaffe es bergauf nicht schnell genug, mich ins Pedal zu clicken, aber rechtzeitig traut sich das Zicklein umzudrehen und sich bei Mama in Sicherheit zu bringen.

muehle

Die Schweißperlen wische ich mir an einem Gebirgsbach von der Stirn, dann bin ich auch schon recht bald am eigentlichen Anstieg zum Furkelpass. Der macht nicht viel her. Ein Schild markiert die höchste Stelle, sonst sieht man nichts außer Bäumen ringsherum. Es gibt keinen Ausblick und das Berghotel hat geschlossen, was eine Frechheit ist, weil ich mich für jede Anstrengung stets zu belohnen pflege.

furkelpass

Was also sollte ich tun? Was bleibt mir, als den Weg nach oben fortzusetzen? Rauf auf den Kronplatz, den Plan de Corones, für dessen Bezwingung ich cojón brauchen würde. Denn so stehen sie beschrieben, die 5,3 km mit 520 Höhenmetern, die ausschließlich über Schotter führen:

Nachdem der Furkelsattel entweder mit Auto oder schon mit Rad bestritten wurde, geht es neben dem Wirtshaus an der Passhöhe sofort auf den Schotterweg hinauf zum Kronplatz. Die Auffahrt beginnt mit einem Steilstück mit bis zu 20 % Steigung. Nun wird der Weg mit 10 % Durchschnittssteigung auf den nächsten 1,5 km etwas flacher. Danach kommt sogar ein ca. 500 m langes Stück, das nur ungefähr 4 % hat, und man kann sich somit ein wenig erholen. Das sollte man auch, da nun der berüchtigte letzte Kilometer mit sagenhaften 14 % Durchschnittssteigung wartet! Dieser Sektor beginnt mit einer 22 %-igen Kehre gefolgt von einem maximal 24 % steilen geraden Stück.

Oder kürzer auf den Punkt gebracht von Twobeers: „Kronplatz? Über Schotter? Da haben schon Profis geschoben…“

kronplatz_auffahrt_1

Das lasse sich mir nicht zweimal sagen, das mit dem Schieben. Ich muss ja immerhin Fotos machen… 😉  Doch Hand aufs Herz, ohne zwischendurch zu schieben, komme ich da im Leben nicht hoch. Zwar haben wir in Mai und Juni einige Wochen gezielt Krafttraining gemacht, was uns in den Bergen sehr zu pass kommt, aber das, also das hier, das ist nicht zu überbieten. Kann man das glauben? Die echten Radsportler, die Italienrundfahrer, machen dort sogar ein Berg(!)zeit(!)fahren(!).

kronplatz_auffahrt_2

Die Steigungen sind die eine Sache, sie ließen sich vielleicht nach bewältigen. Doch der Tritt auf dem großen 28er Ritzel (ich brauche mit 36-28 längst die kleinstmögliche Übersetzung) lässt das Rad weniger nach vorne rollen, als den Schotter in Zeitlupe zur Seite drücken. Eingangs der Auffahrt haben sie wohl für den Giro vor Jahren mal ein Stück zementiert, damit eine rudimentäre Befestigung gegeben ist, aber auf der gesamten Strecke ist der Schotter verteilt. Befindet sich Zement oder Gestein darunter, fehlt der Grip. Die Schotterbetten in den Kurven sind es, die mich drei-, viermal zum Absteigen zwingen. Das ist für mich unfahrbahr.

kronplatz_auffahrt_3

180° Grad Kehren, die mitten in der Kurve steiler werden und in denen sich das Vorderrad tief in die scharfkantigen Steine drückt, bevor es wegrutscht, geben mir den Rest. Wer denkt es sich aus, dort ein Rennen fahren zu lassen? Das Anhalten und wieder Anfahren im Schotter macht die Sache nicht besser und ist daher eigentlich auch keine Option. 

gino bartali kronplatz

Dann tauchen ein paar Gesellen auf, die meinen anfänglichen Gedanken an eine sofortige, bedingungslose Kapitulation beiseite wischen. Gino und Fausto muntern mich auf, machen mir Mut, ich grüße sie zurück, Salve Gino! Salve Fausto! Come stai? und die fast schon in den Augenwinkeln aufgekommenen kleinen Tränen der Anstrengung und Verzweiflung und des Trotzes weichen jenen der Rührung.

fausto coppi kronplatz

Auch die anderen jubeln mir zu, Alfredo Binda, Hugo Koblet, Charly Gaul, und schließlich, in der letzten Kurve, ist es Marco Pantani, der mich anschieben möchte.

marco pantani kronplatz

„Alle gedopt.“ … Fahrt dort hinauf, erlebt, was diese Kilometer mit euch machen, und ihr entwickelt nicht unbedingt Verständnis, aber einen von mir nicht zu beschreibenden Anflug von Ahnung, welches Leiden diesen Männer widerfährt und was es mit ihnen macht. 

kronplatz_auffahrt_4

Ich selbst kann nicht mehr. Ein weiteres Stück muss ich schieben, 20 % steil stapfe ich hinauf, bis ich den letzten Abschnitt doch noch im Sattel hinauffahre, mit ein wenig Wut, mit letzten Reserven und einem Aufflackern von Begeisterung, an Bauarbeitern und Wanderern vorbei direkt vor die große Glocke, die dort mitten auf dem Gipfel steht. 

kronplatz concordia 2000

18 Tonnen ist sie schwer und von einem 500 Kilo schweren Klöppel wird sie jeden Tag um 12:00 Uhr zum Läuten gebracht und immer auch dann, wenn irgendwo ein Krieg beendet ist oder in einem Land die Todesstrafe aufgehoben wurde.

P1000427 Kopie

Niemand ist dort außer mir mit dem Rennrad. Auf der Terrasse des Gasthofs liegen sie in Liegestühlen in der Sonne, ich will das auch und bin so erschöpft, dass mein Magen das Essen nicht will. Nicht gleich, aber nach einer Viertelstunde geht’s dann doch.

kronplatz berggasthof

Wie komme ich da nun wieder runter? Ein kurzer Versuch über 100 Meter offenbart, dass der Weg bergab nicht fahrbar ist mit dem Rennrad und auch, dass ich in meinem Zustand gut daran tue, es gar nicht erst zu versuchen. Nie und nimmer käme ich heil hinunter, alle Kraft und Konzentration haben mich verlassen. Die letzten fünf Kilometer hinauf waren wohl das Anstrengendste, was ich in meinem ganzen Leben gemacht habe.

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Mag sein, dass ich Blessuren insofern in Kauf nehme, dass ich nicht von vornherein auf alles verzichte, was Spaß macht, aber ich lege es nicht gezielt darauf an, dass mir etwas zustößt. Die Kollegen von der Funsportfraktion nehmen das mit Schwung, aber die fahren ja auch mit der Seilbahn rauf. Respekt bekunden sie mir, ich erwidere ihn, denn was sie da abwärts zeigen, könnte ich nicht.

kronplatz_2

kronplatz_3

An diesem Mittag bin ich Sicherheitsspieler und wähle den einzigen Weg, der mir bleibt, die Gondel.

kronplatz_gondel

Das war’s aus den Dolomiten, den für Reinhold Messner schönsten Bergen der Welt. Dort gibt’s noch ein paar Pässe, die mir in der Sammlung fehlen, ich muss wohl ein Comeback in Erwägung ziehen.

hochabtei

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11 Antworten zu Dolomitenepilog: Das Karriereende

  1. carodame schreibt:

    Die Bilder gleichen sich dauernd, weil diese „Gruß aus…“- Karten einfach abgeknipst und als Eigenerlebnis ins Netz kopiert werden. Überall. Ersatzerlebniskultur. Nichts anderes. Derweil sitzt man beim Hugo oder Aperol Spritz auf dem Hof…

  2. mitstreiter schreibt:

    Hallo lieber Herr Kreuzbube,

    das Bild des fleißigen Bergbauern hat mich verdammt an meines:
    http://www.t-kaubisch.de/kaubi.de/3.html erinnert.
    Man könnte meinen, dass bestimmte Mensch-Landschafts-Konstellationen, bestimmte Fotos geradezu erzwingen. Verrückt!

    Man sieht sich.

    • kreuzbube schreibt:

      Die haben das schon gemacht, als es noch gar keine Fotos gab. Und, ganz verrückt, die twittern abends nicht mal selfies von sich am Berghang…

      Sobald einen Tag lang die Sonne scheint, sind sie plötzlich alle da und klotzen richtig an. Sie müssen die trockene und warme Zeit ja nutzen. Ob ich das überhaupt könnte, zehn Stunden lang mit der Forke unablässig das Heu wenden? Ich habe da meine Zweifel.

  3. randonneurdidier schreibt:

    herrlich eingefangen: die Landschaft, die Stimmung… Das lustvolle Quälen. Wenn ich Fotos sehe, möchte ich augenblicklich auch dort rauf. Aber gaaaanz langsam. Und vorher ein kleiner Kniefall vor Coppi und Co.

    • kreuzbube schreibt:

      Ich könnte sofort wieder losziehen. Nach dem Studium wäre ich fast mal Bergbewohner geworden. Damals wollte ich jedoch auch weiterhin lieber mitten in der Stadt leben. Viele Jahr später hatte ich schlagartig die Nase voll davon, dass ich morgens aus der Tür trat und der endlose Verkehrsstrom an mir vorbeizog,

  4. Texas-Jim schreibt:

    Haben Sie vielen Dank für die Touren, für die Bilder und für Ihre Ansichten. Und um es mit einem bekannten Österreicher zu sagen: Es war sehr schön. Es hat mich sehr gefreut.

  5. Anja Keller schreibt:

    Nicht aufhören! Weder mit dem Radeln noch mit dem Schreiben! 😏 Wo kriege ich denn sonst solche tollen Berichte her? Denn das mit dem ’selbst fahren‘ ist sehr weit weg 😀 In diesem Sinne … Fang ruhig schon mal an das ‚go back‘ zu planen!

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