Von Deutsch-Südwest nach Tsingtao

Toni ist ein Schuft! Viele Wochen, bevor ich selbst dazu komme, umkurvt er den Bodensee und raubt mir eins der schon fest ins Auge gefassten Reiseziele. Denn in Konstanz steht ein Bismarckturm und der ist nun in seiner Hand.

Bismarckturm Konstanz

Bismarckturm Konstanz

Aber ich will mal nicht so sein. Da die Unendlichen Rundfahrer seit geraumer Zeit sogar ihre Urlaubsziele danach ausmachen, ob sie dort einen Etappensieg erringen können, muss man mit so etwas ja rechnen. Der Turm sei ihm gegönnt, nicht zuletzt, weil er mir Gelegenheit bietet, mal wieder ein wenig zu plaudern. Von Deutsch-Südwestafrika war hier ja bereits zu lesen, nun drehen wir den Globus ein wenig nach links und rücken das Augenmerk ostwärts. Noch ein Stück, noch ein Stück, noch ein… Halt! China!

Wir befinden uns am Gelben Meer, Provinz Provinz Shandong, Ortschaft Tsingtao. Alle im Bilde? Gut.

Ich hatte es bereits mehrfach erwähnt, Kaiser Wilhelm der II. entwickelte nach Bismarcks erzwungenem Rücktritt zunehmend Kolonialgelüste. Eines davon war der Griff nach China. Das machte die Deutschen bei den Einheimischen zwar nicht beliebter, umso mehr aber eins der Überbleibsel der Kolonialherren. Das Bier. Genauer gesagt, das Tsingtao Bier.

Ds kam so. In China waren 1897 zwei deutsche Missionare ermordet worden und  Wilhelm II. hatte endlich einen willkommenen Anlass, seine Kriegsschiffe loszuschicken und den hoffnungslos unterlegenen Chinesen ein 500 km2 großes Gebiet mitsamt 30 Millionen Menschen abzuringen. Wie daheim sollte es dort fortan aussehen, und so bauten die Deutschen für 200 Millionen Reichsmark deutsche Villen, Straßen, selbstverständlich Kasernen, einen Hafen und sogar eine eigene Hochschule. Die bewies eine liberale Haltung, denn auch Chinesen durften dort studieren.

Nun könnt ihr euch denken, was in der Auflistung fehlt und in einer deutschen Musterkolonie selbstverständlich nicht fehlen durfte: Eine Brauerei. Die hieß Germania und braute ab 1903 Bier. 

1914 waren die Deutschen Tsingtao wieder los. Die japanische Belagerung endete, nachdem die Deutschen ihre gesamte Munition verschossen hatten. Die deutsche Kolonie war Vergangenheit, aber das Bier wurde unter dem Namen Tsingtao weiterhin gebraut. Weitere Kriegs- und Revolutionswirren folgten, doch vom Tsingtao-Bier wollten sie in China nicht mehr lassen: Tsingtao ist mittlerweile die zweitgrößte Brauerei Chinas und die Nummer 6 weltweit. 73 Millionen Hektoliter Bier werden dort im Jahr gebraut. Ich habe zwar keine Ahnung von so etwas, aber das hört sich nach ziemlich viel an. 

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Bei meinem nächsten Besuch im stets empfehlenswerten, aber leider auch stets vollen Chinabrenner in Leipzig werde ich mal überprüfen müssen, ob dort auch Tsingtao-Bier ausgeschenkt wird. (Über den Chinabrenner haben die Radsportkollegen von Ertzui Film, die auch für viele tolle Radsportvideos und -filme, von Critical Dirt über das Specialized AWOL/Transcontinental Race London-Istanbul bis hin zu Rapha Continental, verantwortlich zeichnen, ein paar Impressionen zusammengestellt)
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Im aktuellen Gesamtklassement der Unendlichen Rundfahrt festigt Toni mit nunmehr neun Etappensiegen den fünften Rang.  Wir harren unterdes der Rückkehr von Opi aus Polen, der dort zuletzt sage und schreibe vier Türme abgeräumt hatte.

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