Mein Gorilla hat ’ne Villa im Zoo

Besungen wurde er schon hin und wieder. Vor allem, und wer erinnert sich nicht daran, im Schlager „Mein Gorilla hat ne Villa im Zoo„, am schönsten dargeboten von den Weintraubs Syncopators, dem Bühnenorchester Nr. 1 im Berlin der 20er und 30er Jahre, bis sie als Nichtarier Auftrittsverbot erhielten.

Ein Gorilla auf den Rennrad ist natürlich auch eine Sensation,vor allem, wenn er gerade vier Etappen bei der Frankreichrundfahrt gewonnen hat. Gibt es ihn zu sehen, dann lässt sich der nach dem Karriereende abtrainierende kreuzbube ein halbwegs in der Nähe stattfindendes Rennen nicht entgehen. 

Denn in Leipzig gibt’s ja – nüscht. Die Neuseenclassics, einst „Rund um die Braunkohle“, vorbei. Nun hängen Sie große Plakate auf mit den Konterfeis der Größen aus den 60ern, überschrieben mit „Die Helden sind zurück!“, und was findet dann tatsächlich statt? Ein Jedermannrennen.

Also auf nach Gera. Dort haben sie was auf die Beine gestellt, haben die Beine aufgestellt, die von den deutschen Top-Fahrern, den deutschen Stars des internationalen Rennzirkus. Frischgebackene Tour-Etappensigeer wie Simon Geschke und André Greipel sind am Start.

alp_s

Auch John Degenkolb ist dabei, der sich mit seinen Siegen bei Mailand-San Remo und Paris-Roubaix dieses Jahr für alle Zeiten in den Radsportolymp gefahren hat – und in den Werbeolymp mit diesem Werbespot, der mich täglich gebannt und fassungslos an den Bildschirm gefesselt hat:

John Degenkolb, benutzen Sie Alpecin, weil die jetzt ihren Rennstall sponsern?  Überhaupt nicht! Kommt gut nach dem Training. Zwei Minuten einwirken lassen!

Jeden Tag habe ich während der Tour darauf gewartet, dass der Spot endlich läuft. Zunächst dachte ich, der Degenkolb, der ja sonst kein Dummer zu sein scheint, habe den Text völlig verhauen. Aber das muss Absicht gewesen sein, man bekommt das ja gar nicht mehr aus dem Ohr.

Von der Fahrt nach Gera gibt’s jedenfalls weniger zu berichten, spätestens nach Altenburg wird es langweilig. Grau-braune Rapsfelder links, abgeerntete Weizenfelder rechts. Mittendurch und geradeaus zieht sich der Asphalt. Das sind Strecken, die nur zum Kilometermachen taugen. Eigentlich wollte ich irgendwann auch ins Otto-Dix-Museum nach Gera. Entweder ich fahre da eine andere Route, nämlich über den Elsterradweg via Zeitz, oder ich nehme das Auto.

Zumindest aber komme ich auf dem kürzesten Weg pünktlich in Gera an, bevor das Rennen beginnt. 50 Runden, insgesamt 70 km, sind durch die Geraer Innenstadt zu fahren, die man kurzerhand für den ganzen Samstag gesperrt hat. In Leipzig ist das kaum denkbar, da legt man den Verkehr nur für Legida-Demos lahm.

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Am Samstagvormittag fahren in Gera Jugend und Junioren, ein Jedermanrennen findet statt, ein Zweikampf zwischen Sprinter-Ass Robert Försteman und einem Speed-Skater (Förstemann gewann zwei Läufe, der Skater einen).

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Abends gibt es noch ein Promi-Rennen, für das man jeden ausgegraben hat, der irgendwann im Laufe der Jahrzehnte mal irgendeinen Titel gewonnen hat. Mindestens die Hälfte davon kenne ich nicht. Da ich aber auch selbst Rad fahren will und noch die Rückfahrt vor mir habe, schaue ich mir nur die Profis an. 

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Ziemlich schnell sind sie, kaum sind sie an uns vorbei auf dem 1,4 km langen Rundkurs, da kommen sie auch schon wieder um die Ecke auf uns zu.

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Greipel und Degenkolb zunächst im Feld, wie auch Simon Geschke, der dann gegen Ende noch einmal Dampf macht und sich ein wenig absetzt. Doch dann läuft es auf das Duell hinaus, das alle sehen wollen.

Degenkolb-Degenkolb- Greipel, Greipel kommt!- Degenkolb-Greipel-Greipel-Greiiipellll!

apres_tour_gera_greipel

Siegerehrung. Absurd große Biergläser des Sponsors werden überreicht, Greipel spritzt die Menge mit Schampus nass, er und Degenkolb beantworten Fragen, geben anschließend Autogramme.

apres_tour_gera_siegerehrung_2

Da sitze ich jedoch schon wieder auf dem Rad, ich muss ja noch nach Leipzig zurück. Ich sage aus gutem Grund „muss“, denn die zwei Stunden Pause haben meine Motivation, in die Pedale zu treten, mächtig absacken lassen. Ein, zwei Stunden lang quäle ich mich dahin, grau-braun-vertrockneter Raps links, abgeerntete Weizenfelder rechts, Asphalt immer geradeaus mittendurch, von oben die erbarmungslose Sonne. Nicht einmal mehr sterben will dort noch jemand, lange Zeit findet sich kein Friedhof weit und breit, dessen Brunnen als Tränke für den verdorrten Gaumen dienen könnte. Irgendwo vor Altenburg muss ich fast mein treues Rad in der lebensfeindlichen Ödnis zurück lassen. Lange Jahre waren wir unzertrennlich, überallhin hat es mich klaglos gebracht. Nun setzt auch ihm die deprimierende Weite des ausgestorbenen Ostens zu.

verendetes rad

Fast schon sage ich ihm Adieu, dann bäumt es sich noch einmal auf. Stumm und einsam ziehen wir unsere Bahn, durch Brachland gelangen wir bei Frohburg an weitere Überreste einer Zivilisation, die es dort vormals gegeben haben muss; Überreste, deren einstige Bestimmung sich nicht erschließt.

turm_frohburg

Doch immerhin, die heimatlichen Gefilde sind nah und dies gibt den benötigten Schub für die letzten Kilometer nach Hause. Es ist selten der Fall, aber dieses Mal hätte ich die Hunde gerne alleine auf ihren Spaziergang geschickt. Nachts träume ich dann davon, dass genau das passiert: Sie ziehen los durch die Felder und werden auf einer Anhöhe von einem Bären (!) angegriffen. Das macht es mit mir, die Überalterung ganzer Landstriche, die immer stärker werdende Landflucht, die Entwicklung, dass alle nur noch in Leipzig und Dresden leben wollen und werden. In 3o Jahren ist hier Schicht im Schacht für die meisten Städte Sachsens. Dann wird es in Gera womöglich kein Radrennen mehr geben. Gut, dass ich nochmal da war, solange dort noch jemand ist.

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10 Antworten zu Mein Gorilla hat ’ne Villa im Zoo

  1. Torsten G. schreibt:

    Das rudimentäre blaue Türmchen ist der Zielturm der ehemaligen Autocrossstrecke in Frohburg. Zu Zonenzeiten gab es dort die spannendsten und staubigsten Rennen der Region! Bis zur Historica…. LG Locke

    • kreuzbube schreibt:

      Besten Dank für die ergänzende Info. Ich were gleich mal eine Bekannten ansprechen, der in Frohburg im Motorsportverein ist. Wir sehen uns am Samstag … falls ich vor Einbruch der Dunkelheit von meinem Verpflegungspunkt zurückkomme…

  2. carodame schreibt:

    Ach, es wird viel erzählt und prognostiziert … Wer weiß, vielleicht entdeckt irgendjemand, dass man vom Stadtleben einen ganz schlimmen, unheilbaren Pickel an zentraler Stelle bekommt…
    schwupps, und alle wollen wieder lieber auf dem Land leben und auf das ganze Stadttheater verzichten… Es muss nur gut eingefädelt werden.
    Unterwegs im ehemaligen Zonenrandgebiet sah ich ebensolche stillen Orte und abgeerntete Felder(das Zeug muss ja mal runter), aber sie waren auf vorteilhaften Hügeln. Da wollte mein Rad lieber auf der Straße rollen und meinen Beinen eine hervorragende Möglichkeit zur Ertüchtigung verschaffen. Am Ende gab es auch jubelnde Zuschauer…Und junge Fotografen, die niederknieten. In kurzen Hosen.
    … und einen Todesfall 😦

    • kreuzbube schreibt:

      Konrad Lorenz, der Urvater der Verhaltensforschung, meinte schon vor Jahrzehnten, der Mensch könne nicht auf Dauer in Großstädten eng aufeinander leben, ohne neurotisch zu werden. Sprach’s und zog mit Hund, Katze, Esel, Gänsen und Krähen im Schlepptau hinunter ans Ufer der Donau, um zu baden.

      Aber den Trend kehrt von uns keiner mehr um. Leipzig wächst jedes Jahr um 10.000 Einwohner und die 600.000 sind absehbar. Die Landwirtschaft erfordert heute kein Landbevölkerung mehr. Die Produktivität ist der Maschinen wegen so gestiegen, dass das relativ wenige Menschen bewältigen. Und so hat man eben halbwegs schmuck sanierte Städtchen, zumindest rund um den Marktplatz, die aber zunehmend nur eine schöne Kulisse abgeben.

      Nur wer das nötige Geld mitbringt, der kauft sich ganze Ländereien. Wie der Schockemöhle, dem ganze Dörfer gehören, die er für seine 4.000 Pferde braucht.

  3. prieditis schreibt:

    „In der Tat“…
    Vom Saitenbacher lernen, heißt Werbung lernen!
    Alleine von den 350 Euro pro Tag im gelben Trikot kommt man ja auch nicht durchs ganze Jahr.
    Und dann muss man die Prämien sicher noch in so ein Robert-Lembke-Schweinderl vom Weltspartag stecken, weil ja alle in der Mannschaft mitgefahren sind, zur Unterhaltung.
    Natürlich abzüglich der Kosten! Die Luft in den Reifen kommt ja auch nicht von alleine hinein. Und dann die Räder! Die sind ja nicht vom Quelle-Versand.
    Da müssen dann eben die Millionen in der Werbung verdient werden. Oder auf Landpartien.
    Was soll er auch sonst tun? Blut spenden?
    Ich gönne es ihm, völlig neidfrei.
    Ist ja nicht der Emig… hihi

    • kreuzbube schreibt:

      „Haribo macht Kinder froh“ – seit 1935!

      Heute las ich in einer Anzeige folgende Verbraucherinformation, nämlich dass Alpecin sich millionenfach verkauft, obwohl es teurer ist als andere Shampoos „und obwohl man es zwei Minuten einwirken lassen muss“.

      Die sind ganz schön clever.

  4. prieditis schreibt:

    Das ist eindeutig die Kommentatorenkanzel vom Hase-und-Igel-Rennen!

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