Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

schneemannDie Unendliche Rundfahrt kann eine zähe Angelegenheit sein in hochsommerlichen Tagen wie diesen, wenn man lieber ins Hawaiihemd schlüpft und die einzige Anstrengung des Tages darin besteht, drei Knöpfe zu schließen und sich vor dem vierten zu überlegen, dass das eigentlich schon genug der Mühe für heute war und es ohnehin gescheiter wäre, sich mit einen Mojito oder Caipirinha in der Hand im Liegestuhl zurückzulehnen. „Bismarck, Eiserner Kanzler, 19 Jahrhundert, industrielle Revolution, Sozialversicherung“, das sind Vokabeln aus einer fremden Welt, die mit den 34 Grad auf dem Thermometer, dem blauen, wolkenlosen Himmel, so gar nicht in Verbindung zu bringen sind.

Theoretisch, führe man früh genug los, unterstellt, man ginge am Vorabend halbwegs früh in Bett und stünde auf, bevor die Sonne allzu weit gekommen ist beim Erklimmen des Firmaments, dann, ja dann könnte es was werden mit Leibesübungen bei erträglichen Wetterbedingungen.

Doch grau, teure Freunde, ist bekanntlich alle Theorie, und Grün des Lebens goldner Baum. So erwischt uns denn die goldene Sonne im Genick, der wir nur so ein Schnäppchen schlagen, indem wir zunächst das waldlose Leipzig mit dem Auto hinter uns lassen. Denn hier gibt es im Umkreis von 40 km keine nennenswerten Waldgebiete und wie es für uns dann auf den Landstraßen aussieht, das kann man sich ja denken: Ober- und Unterhitze garen den Pedaleur im eigenen Saft.

Ein Stück weiter nördlich sieht das schon ein wenig anders aus. Das stehen auch mal mehr als drei Bäume beieinander, auch wenn es genauso flach ist wie hier. Ein Sonderwertungspunkt sollte unter diesen Bedingungen drin sein.

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Wasserflächen; an Flussläufen oder um große Wasserflächen herum ist man kommod unterwegs. Ob wir tatsächlich von einem angenehmen Mikroklima erfrischt werden, ob das viele Nass linker Hand einfach nur tröstend wirkt oder ob die Gewissheit hilft, jederzeit hineinspringen zu können, das müssen wir nicht aufklären, denn wir sind beschwingt unterwegs. Der vermeintliche Radweg entlang der Mulde von Bad Düben aus in westlicher Richtung taugt zwar für den Rennradfahrer nichts, aber der aus dem 13. Jahrhundert stammende Rote Turm am Großen Goitzschesee wird zur Markierung auf der inneren Landkarte des kreuzbuben, auch wenn er keine Wertungspunkte bei der Unendlichen Rundfahrt bringt.

roter_turm

Ähnlich verhält es sich mit dem Pegelturm, der aus dem See … herausragt, hätte ich fast gesagt. Doch das stimmt nicht, denn der Turm schwimmt auf dem Wasser, wie auch die Pontonbrücke, die zu ihm führt. 

pegelturm

Für jene mit Höhenangst ist er aber nichts: Außen an den sich spiralförmig hinaufschraubenden Treppenstufen gibt es weder Geländer noch Handlauf. Stattdessen sorgt ein Metallnetz dafür, dass niemand hinabfallen kann. Das ist originell, aber auch gewöhnungsbedürftig.

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Der Blick schweift dann über den Großen Goitzschesee, um den herum man 30 km fahren kann, an der Bernsteinvilla vorbei, an Schiffen und an diesem Tag auch an einem Motorbootrennen vorbei, das die Menschen anzieht. Irgendwas muss man sich ja einfallen lassen, in Zeiten, in denen sonst alle weg ziehen.

motorbootrennen

Es wird dann nun doch ziemlich warm, und das Grün des Lebens lässt noch auf sich warten. Selbst schuld, man hätte ja sehr, sehr früh aufstehen können. Theoretisch.

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So kommt es, wie es kommen muss, wir müssen bis an die Schmerzgrenze gehen und darüber hinaus.

schmerz

Ohnehin taugt die Gegend zu Märchenerzählungen und für Kindergeschichten. Was es da für Namen gibt: Über den Ochsenkopf fahren wir, es gibt Eisenhammer, die Teufelsmühle, einen Süßen Berg, die Mark Schmelz, den Galgenberg und auch den Mutterlosen Berg.

Dem Mittelpunkt des einstigen Deutschen Reichs sind wir ganz, ganz nah. In Krina, wo wir nach ihm suchen, soll sich ein Stein befinden, der die geographische Mitte des deutschen Kaiserreiches im Jahre 1900 markiert. Der Stein mag zwar da sein, doch er verbirgt sich vor uns. Dreimal fahren wir auf den Katzenköppen rund ums Dorf und finden das vermaledeite Ding nicht. Ein Einheimischer weist uns zwar einen Weg und meint, wir könnten den Stein nicht übersehen, aber sie haben ihn wohl gut versteckt. Mir wird’s zu heiß, um ohne Fahrtwind  herumzubummeln, sollen sie ihren Mittelpunkt doch für sich behalten. Solche Mittelpunkte haben sie ohnehinan einigen Orten des Landes für sich reklamiert, heute liegt Deutschlands Mitte weiter westlich, wohl in etwa bei Eisenach.

Im Bad Schmiedeberg gelangen wir im Ambiente des 19. Jahrhundert an und erfreuen uns mit einem Eis in der Hand am schönen, schattigen Kurpark mit seinem hübschen Kurhaus aus vergangenen Tagen. Nur eine Stunde nach der letzten Befüllung ist die Trinkflasche schon wieder leer, wir speisen sie mit dem aus 136 Tiefe gewonnen Mineralwasser der Quelle auf der Kurpromenade und beschließen eingedenk der nun herrschenden Hitzegrade, die 150 km der Gesamtstrecke um 25 km abzukürzen. Zur Elbe wollten wir ursprünglich noch und ihr ein Stück weit folgen, aber die Bismarckeiche in Dahlenberg, unser Sonderwertungsziel, sollte auch noch gefunden werden. Eine Stunde hatten wir unterwegs bereits mit einer Rumpeltour über schlecht fahrbare Sandwege im Wald verplempert und auch gen Dahlenberg bescherten uns die Straßenbauer den gleichen Scherz: Der Asphalt endet unvermittelt, wird zu Schotter- und Sandpiste, in der die dünnen Reifen steckenbleiben. Ein paar Kilometer später folgt ein Ortseingangsschild, als sei das das normalste von der Welt, und ab da gibt es auch wieder Asphalt.

Aber wo ist die Bismarckeiche, die in der Karte vermerkt ist? Das Internet weiß über sie nichts und Menschen, die man fragen könnte, gibt’s nicht. Wir finden zwar ein imposantes Exemplar dieser Baumsorte, das zudem ziemlich exponiert steht, durchaus alt zu sein scheint und an dem einstmals ein (nun fehlendes) Schild angebracht war, aber Gewissheit gibt es nicht.

eiche dahlenberg

Vorsorglich mache ich ein Foto, für den Fall, dass carodame diesen Sonderwertungspunkt errungen haben sollte, doch bevor das nicht durch belastbare Angaben bestätigt ist, kann die Rennleitung keinen Punkt zuteilen. Denn auch das ist die Unendliche Rundfahrt, auf mancher Etappe geht man leer aus.

So bleibt nur der Nachtrag von Opis vier Bismarcktürmen zu Sorau, Schwiebus, Sagan und Grünberg, die er in Polen erkämpft hat. Was aus Opi geworden ist, ob er aus Polen zurückgefunden hat, ob er unterwegs Opfer von Räubern oder gar verschleppt wurde, wir wissen es nicht und hoffen, dass alle gut für ihn ausging.

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