Barock ’n‘ Roll

Heute wollen wir aufs Podest. Dorthin kommen wir aber nicht nur mit geschmeidigen Muskeln, nein, auch der Geist will auf Zack sein. 60 Kilometer nördlich liegt Deutschlands ältester und größter Irrgarten aus dem Barock und in seinem Zentrum ist ein Podest, von dem aus man die Irrwege überschauen kann, sofern man sie denn überlistet hat.

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Doch bevor es soweit ist, muss der Kreuzbubenleib überlistet werden. Der stellt sich quer und jeder Teilnahme an einer zügigen, mehrstündigen Radrunde in den Weg. Die Rippen! Diesmal sind es die Rippen. Böse geprellt, einhergehend mit einem entsprechenden Hämatom, das ich aber nicht sehen kann, weil der tätliche Angriff von hinten erfolgte. Carodame meldete Bedenken gegen die Sonntagsausfahrt an, sie vermutete die Verletzung zunächst zu nahe an der Nierengegend.  Mit deutlicher sichtbar werdenden Prellmarken konnte diese Sorge jedoch ausgeräumt werden.

Wobei das passiert ist, wollt ihr wissen? Davon will ich nicht reden, es war eine eher unnötige, selbstverschuldete Ungeschicklichkeit und der Hergang ändert ja nichts am Ergebnis.

Nun ist es ja aber so, dass unsere Radhelden auch bei großen Rundfahrten hier und da Stürze hinlegen und sich ebenfalls entsprechende Verletzungen zuziehen. Manche von ihnen geben auf, andere fahren weiter.  Wie aber soll ich wissen, wie das ist, wenn ich es nicht ausprobiere? Drei Tage sind vergangen, jede Bewegung tut weh, doch erstaunlicherweise komme ich auf dem Rad noch am besten weg. Gehen ist schlimmer, jeder Schritt erschüttert mich. Das Aufstehen aus dem Liegen, ojeminee. Vor jedem Räuspern und Hüsteln habe ich die Gewissheit, dass es mich gleich wieder durchfahren wird als habe mir jemand ein Messer zwischen den Rippen gejagt. Autofahren kann ich nicht, denn ich kann das Lenkrad nicht drehen.

Das also ist die Situation vor dem Start. Doch sitze ich erst einmal im Sattel, geht es erstaunlich gut und auf dem Rennrad viel besser als auf dem Mountainbike. Wäre da nicht Kopfsteinpflaster. Wären da nicht Schlaglöcher. Wären da nicht geflickte Asphaltdecken und von Wurzeln aufgebrochene Radwege. Räuspern und Hüsteln: siehe oben. Das Leeren der Nase erfordert größte Konzentration. Fällt die Rotation im Oberkörper zu groß aus oder geschieht sie zu unbedacht: Messer zwischen die Rippen. Meine körperliche Verfassung mutet so marode an wie manch ein Bauwerk, das uns unterwegs begegnet.

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Abgesehen davon läuft es. Recht zügig sind wir in Altjessnitz im südöstlichen Sachsen-Anhalt angelangt und finden den schönen Park, in dessen Mitte sich der Irrgarten befindet. Ein Verein kümmert sich um Pflege und Erhaltung. Leider steht das Schloss nicht mehr, das sich einst gegenüber vom Park befand. 1946 wurde der Gutsbesitzer enteignet, dann brannte es im Schloss und dann ließ man es verfallen, bis von 1973 bis 1975 Abriss und Sprengung erfolgten. An der Kasse bekommen wir nicht nur zwei Chips für das Drehkreuz, sondern auch zwei Kaffee, die uns der freundliche Mitarbeiter ungefragt anbietet und mittels seines Wasserkochers zubereitet. Das erlebt man auch nicht alle Tage. Die Räder lassen wir vor seinen Augen stehen, sie dürfen nicht mit hinein.

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Spätestens in den schmalen Gängen des Irrgartens wird klar, dass es eine Schnapsidee war, auch nur daran zu denken, die Renner vor uns her zu schieben. Zum einen sind wir nicht die einzigen, die herumirren, zum anderen ist zwischen den über zwei Meter hohen Hainbuchen, die den Blick begrenzen, gar nicht genug Platz. Ich habe zunächst die Idee, dass man den Weg mit Steinen markieren müsste, um ihn dann zurückgehen zu können. Ein ganz schön dämlicher Gedanke ist das, denn ob’s der richtige Weg ist, den man markiert, weiß man ja nicht.

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400 Meter soll der kürzeste Weg ins Zentrum sein, mehr als 1300 Meter der längste. Und in der Tat dauert es eine ganze Weile, bis wir -mehr durch Zufall als durch systematische Erkundung des Labyrinths- plötzlich in der Mitte angelangen. Am pfiffigsten sind die Kinder, die dort mit großer Begeisterung die richtigen Wege finden. Ein noch etwas kleinerer Junge hingegen irrt tatsächlich tapsend hin und her, von den Eltern ist weit und breit keine Spur zu sehen. Ob sie ihn suchen? Oder wenigstens vermissen?

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Vom Podest in der Mitte aus haben wir einen schönen Blick über den Irrgarten, aber auch von dort vermag man nicht zu erkennen, welche Wege man nehmen müsste. So dauert die Suche nach dem Ausgang mindestens ebenso lange wie der Hinweg. Wir laufen noch ein wenig durch den Park, betrachten uns eine kleine Kirche aus dem 12. Jahrhundert, die schmuck hergerichtet ist, und währenddessen habe ich die peinigenden Rippen ganz vergessen.

Das wird anders, sobald wir wieder aufs Rad steigen. Alles in allem muss ich sagen, man kann das machen, aber es kann keine Rede davon sein, dass ich mich auf dem Rad wohl fühle. Spürbar besser als am Morgen ist es auf dem Rückweg in jedem Fall und zuhause angelangt zeigt sich, dass die Bewegung mir gut getan hat.

Während ich unter der Dusche das Alpecin zwei Minuten einwirken lasse, wird mir klar, dass ich eure Neugier nicht unbefriedigt lassen kann. Ich weiss doch genau, dass ihr euch die ganze Zeit über schon fragt, was der kreuzbube da angestellt hat. Also, das war so: Ich telefoniere, lese gleichzeitig einen Brief, sause um den Schreibtisch, weil ein pling eine email des Telefongesprächpartners angekündigt hat, deren Inhalt er mir gerade erzählt, weil’s so unglaublich eilig ist. Multitasking, nicht wahr? Während all dessen werfe ich mich dynamisch in den Sessel. Ich erwische nur seine Kante, der Sessel rollt seitlich weg, kippt dabei und ich knalle mit voller Wucht mit dem Rücken auf die Kante einer dort abgestellten Aluminiumkiste. Aua-Aua! Da liege ich nun, wie ein umgedrehter Käfer, fühle mich wie Gregor Samsa mit dem Apfel im Rücken und bekomme keine Luft. Es dauert Minuten, bis ich wieder irgendwie aufstehen kann. So und nicht anders war es.

Diese Radprofis sind jedenfalls zähe Hunde. Kommt mir nicht mit dem Einwand, dass sie ja auch genug Geld dafür bekommen. Auch für viel Geld tut es nicht weniger weh.

Der Gutspark mit Irrgarten in Altjessnitz ist vom 01. April. bis 31. Oktober geöffnet. Die Öffnungszeiten sind unter der Woche von 12:00 bis 20:00 Uhr, an den Wochenenden erlangt man ab 10:00 Zutritt. Der Ort liegt etwa 10 km nördlich von Bitterfeld-Wolfen und dem Großen Goitzschesee. Das Café im daneben gelegenen Gutshof hat allerdings erst ab 14:00 Uhr geöffnet.
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10 Antworten zu Barock ’n‘ Roll

  1. kelef schreibt:

    das geheimnis war beide male die ablenkung: beim ersten mal: am tag nach dem unfall war ein vorstellungsgespräch fällig, weil auf arbeitssuche. in linz – 200 km zugfahrt. das kind war keine acht jahre alt. blede g’schicht, übrigens, wenn man ein rippenbruchband bekommt als frau für brüche zweite, dritte, vierte rippe: entweder brust amputieren oder keine luft kriegen. man kann es sich aussuchen. die kombination mit einer eitrigen bronchitis war irgendwie suboptimal, aber nach drei tagen wusste ich genau, wie ich mit gezieltem daumendrücken die augäpfel wieder reponieren konnte. synchron. tramal als pausengetränk. das vorstellungsgespräch (das übelste meines lebens, ich brauchte am ende jemanden der mir aus dem sessel half) verschob ich um eine woche, den job hab ich gekriegt und begann vier wochen später in der ddr in der verwaltung des camps in eisenhüttenstadt zu arbeiten. vorsichtig, wie man sich vorstellen kann, sehr vorsichtig.

    beim zweiten mal: dritte, vierte, fünfte, sechste rippe (weil ausgeschlagene kellerstiege und hinuntergedonnert weil schnell-schnell …) war ich schon klüger und ging gar nicht erst zum arzt, sondern lieber ins büro. umringt von ärzten (kann ja nix sein wenn was ist), ich war schon bald 50, medizinisch gebildet, atmen kann man auch vorsichtig. der arsch, der dann sagte, ich solle doch ein fröhliches gesicht machen wenn mir was wehtut, sonst belaste das die anderen, hat diese bemerkung auch gebüsst. lange und ausdauernd, auch ein firmenwechsel hat ihm nix genützt, die mähr eilte ihm voraus, kwasi.

    man wächst an seinen aufgaben. und es wird von tag zu tag besser. tramal als pausengetränk ist, unter entsprechenden kautelen, übrigens durchaus eine lösung. am besten mit ein wenig hochprozentigem, wegen: entspannt die muskulatur und man braucht weniger chemie. seit ein paar jahren kann ich gut damit umgehen, dass ich manchmal die produkte einiger firmen, für die ich gearbeitet habe oder auch nicht, benötige. kostete einige überwindung, aber der zweck heiligt die mittel.

    auch empfehlenswert ist übrigens der bau einer bettstatt, in der man halb sitzend, möglicherweise auch entsprechend gepölzt, schlafen kann. das hilft beim niederlegen und aufstehen ungemein, weil man durch vorsichtiges kippen zur seite eine menge schmerz vermeiden kann. zusätzlich kriegt man besser luft und erspart sich so einiges an hustenschmerz.

    aber sie sind ja in guten händen, sie brauchen meine ezzes hoffentlich nicht. aber vielleicht jemand anders, der hier liest.

    prost, btw., …

  2. kelef schreibt:

    baldige besserung – ich kann den schmerz förmlich mitfühlen. hatte einmal das vergnügen mit drei gebrochenen rippen, einmal das mit vier. und natürlich jeweils eine ordentliche prellung dazu. mit hämatomen, die man eigentlich nicht einmal seinen feinden wünscht, obwohl, nun ja.

    jedenfalls: bessern sie sich ihnen!

    • kreuzbube schreibt:

      Herzlichen Dank für die Genesungswünsche. Ich hatte bereits Rippenbrüche und Prellungen und kann wohl sagen, dass sich beide nicht viel unterschiedlich anfühlen. So eine Rippenserienfraktur ist aber noch mal ein ganz anderes Kaliber, das wünsche ich keinem. Das ist doch kaum zum Aushalten? Schon ein, zwei Rippen reichen dass man verzweifeln könnte. Wie sitzen? Wie liegen? Wie atmen? Wie schlafen? Wie aufrichten?

      Vor ein paar Tagen hatte ich mich an einem Krümel verschluckt. Beim Versuch, den heraus zu husten hat es mich fast zerrissen. Doch abgesehen davon geht’s jetzt schon besser. Nicht gut, aber besser.

  3. carodame schreibt:

    … und ich konnte flockig mithalten, trotz Sonntagskopfschmerz. Nun, es gibt das Phänomen der Konkurrenz der Wahrnehmungen. Deshalb werden Schmerzen bei Verletzungen im Ausdauersport oft nicht so stark wahrgenommen. Ein Fußballer steht bei einer Rippenverletzung oder Schlüsselbeinfrsktur erst gar nicht mehr auf, während der Radsportler noch ins Ziel rollt…
    Die Chinesen wenden eine Begandlungsmethode an, bei der u.a. ein Schmerz ausgelöst wird, der erfolgreich mit dem Schmerz durch die Erkrankung konkurriert. Sie schlagen hierbei mit Stöcken auf bestimmte Körperbereiche ein… Hilft. Und gefällt mir 😉

  4. Anneke schreibt:

    Drei mal durfte ich mir die Rippen schon prellen. Einmal war ’ne Baumwurzel schuld, einmal die Konkurrenz im Crossrennen und beim letzten Mal gar 2 Schuldige: Die rutschigen Socken und die glatte Treppe….
    Ruhigen Schlaf und gute Besserung!

    • kreuzbube schreibt:

      Im Haushalt lauern die größten Gefahren. Viele Menschen sterben bei Unfällen daheim und sogar wichtiger als auf dem Rad wäre die Helmpflicht in Dusche und Badewanne.

      Auf der Treppe habe ich mir vor Jahren mal den Fuß gebrochen…

  5. tinotoni67 schreibt:

    Aua, aua. Das kann dauern. Braucht man nicht. Ich würde den Sesselhersteller verklagen!

    • kreuzbube schreibt:

      Ds Ding ist aus den 30er Jahren… Die Fa. Mauser existiert aber noch. Wenn ich mich beschwere, bekomme ich vielleicht einen neuen? Und darf künftig Testsitzer für deren Produkte sein?

      Ja, Rippen dauern. Ich hatte solche Sachen früher schon, nur Radfahren war ich damit noch nicht. Es macht übrigens kaum einen Unterschied, ob eine Rippe gebrochen oder nur geprellt ist. Tut beides mehr oder minder gleich weh.

  6. Twobeers schreibt:

    Lieber Kreuzbube, ich natürlich noch eine Frage. Konntest du das Telephonat zu Ende führen, trotz des Sturzes? Vielen Dank für den schönen Ausflug!

    • kreuzbube schreibt:

      Zunächst lag ich da und bekam keine Luft. Dann habe ich gejapst. Dann musste ich fluchen. Auf Gott und die Welt, denn ich bin nie selbst an etwas schuld, das ist eine Frage der Psychohygiene.

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