Have a break, have a Bismarck

„Zonenrandgebiet“ hieß das früher, und wenn wir, die wir damals ganz selbstverständlich nach Paris und Barcelona und Rom reisten, aber nicht ein einziges Mal nach Berlin, wenn wir also nicht in die Zone reisten, dann noch nicht einmal ins Zonenrandgebiet. Hätte man vielleicht immer noch ’nen Ausschlag von kriegen können, auch wenn es noch diesseits des Eisernen Vorhangs war. Denn dahinter war, so hatten wir das eingeimpft bekommen, Mordor, und da hausten die Orks. Da wollten freundliche Hobbits, die gemütlich an den Flussauen der westlichen Lande beim Schoppen saßen, nicht hin. Das ist längst anders, aber nach wie vor ist es für mich ein weißer Fleck auf der Landschaft, dieses Gebiet im Norden Hessens, wo nur ein winziges Stück weiter östlich Thüringen beginnt, wo sich oben drüber schon Niedersachsen breit macht und wo etliche Käffer heute ein Grenzmuseum ihr eigen nennen, weil sie der Grenze verlustig gegangen sind. Eschwege oder Entebbe, das gibt sich für den hessischen Landeshauptstädter nicht viel.

Großer Leuchtberg

Ich hatte es ja schon erwähnt, auf einer Geschäftsreise bekommt man mit etwas gutem Willen auch ein paar Stunden auf dem Rad und einen Bismarckturm unter. Diesmal hatte ich mir den in Eschwege ausgeguckt. Verlässt man in der Gegend um Herleshausen und Eisenach die Autobahn und parkt das Auto, um das vorsorglich eingepackte Rad aus dem Kofferraum zu holen, dann liegt Eschwege etwa 35 km entfernt und damit nicht ganz auf halbem Wege nach Kassel, so man denn der Kompassnadel strikt nach Norden folgt.

Den Mantel des Schweigens hängen wir über die B400 im Feierabendverkehr und ebenso über die B27 (oder war’s irgendeine andere B?) Über diesen gesamten Abschnitt gibt es nichts zu sagen, außer dass es unentwegt „wuschhhhh“ macht. 10 km vor dem Ziel finde ich dann aber doch noch den Einstieg in einen schönen, regionalen Radweg, der zwar länger ist, den ich aber an diesem Nachmittag völlig für mich alleine habe. Geboten bekomme ich grüne Hügel, rote Felder, die Blaue Kuppe, wo sich das Regierungspräsidium Kassel, seines Zeichens verantwortlich für die Informationstafeln, am Genitiv versucht.

blaue kuppe

Die Orte unterwegs sind erstaunlich belebt und die Einheimischen überwiegend ortskundig.

„Zum Bismarckturm wollen sie heute noch rauf? Da hinten donnert es schon.“

„Ich muss da trotzdem hin. Ich sammle die. Gibt ziemlich viele davon. Gibt ’nen Punkt.“

Premiumweg

Dann stoße ich auf den „Premiumradweg“, der natürlich mehr als angemessen ist für Unendliche Rundfahrer. Auf eine Abkürzung habe ich aber keine Lust, es fährt sich gerade so schön.

Eschwege_Turm_1

Ich bleibe auf meiner Piste und liege damit goldrichtig, denn das glaubt man ja nicht: An der ersten Abzweigung in die Stadt hängt bereits ein Hinweisschild zum Bismarckturm. Ein Kreisverkehr schließt sich an und auch dort: ein Hinweisschild zum Bismarckturm. 150 m weiter folgt das nächste und so kann ich den Einstieg am Fuße des Großen Leuchtbergs gar nicht verfehlen.

bismarckturm_wegweiser

Ein großes Lob geht an dieser Stelle an die Stadt Eschwege für eine vorbildliche permanente Beschilderung unserer unendlichen Radsportveranstaltung.

Schäferhalle

Schäferhalle

Der Bismarckturm Eschwege gehört zu denen, die erklettert werden wollen. Er liegt auf dem Großen Leuchtberg und der Weg dort hinauf führt über steile Pfade durch den Wald. Seit ich auf dem Kronplatz war, fahre ich ja alles, was ich bisher mit dem Crosser machte, zur Not auch mit dem Rennrad. Das bringt mich 400 m weit und steil hinauf bis zur Schäferhalle. Die wurde zu Ehren eines Unternehmers errichtet, der seiner Heimatstadt Eschwege in seinem Testament 280.000 Mark hinterließ. Ich empfinde das als zivilisierte Weise des Umgangs miteinander. Für ein fettes Erbe darf man sich ruhig mit einem kleinen Tempel als Dankeschön erkenntlich zeigen.

Mittlerweile schüttet es wie aus Eimern und die weiteren 700 Meter über Stufen werden mit dem geschulterten Rad zu einer Rutschpartie, die aber nix ist ist gegen das, was mich später auf der Abfahrt erwarten sollte. Im Donnergrollen stehe ich dann 6 Meter vor dem Turm vor einer folgenträchtige Entscheidung. Muss ich die Expedition abbrechen, weil es einfach zu gefährlich ist, noch bis zum Gipfel vorzudringen? Ich nehme das Risiko auf mich und flüchte mich in den Turm. Über eine stählerne Wendeltreppe erklimme ich das sturmumtoste Gemäuer. Durch jede Ritze, durch jede Scharte, durch jedes Fenster bläst der Wind, je höher ich komme, umso wütender.

B-Turm Eschwege 5

Der Blick von oben ist -wie von der Hinweistafel am Fuße des Berges versprochen- grandios, gerade auch im sich soeben darbietenden Naturschauspiel. Das Telefon kann das leider nicht einfangen, der Regen klatscht drauf, das Wasser verwischt das „Objektiv-Guckloch“ und wische ich das Wasser weg, dann beschlägt das Glas. Für eine halbwegs brauchbare Aufnahmequalität reicht zudem das Tageslicht unter der Wolkendecke nicht mehr aus.

werratal

Die Welt ist dort oben wie ausgestorben und merkwürdige Gedanken schießen mir durch den Kopf. Wenn ich nun mit den Radschuhen auf der Stahltreppetreppe ausrutsche, stürze, mir dabei das Telefon aus der nassen Hand in die Tiefe fällt und am Boden zerschellt, dann hört mich im Sturm keiner rufen und wenn dann erst im Frühjahr wieder jemand dort hinauf kommt…

Der Turm selbst wirkt absolut vertrauenswürdig, steht festgemauert in der Erde und ragt in einem makellosen Erhaltungszustand in den Himmel.

Bismarckturm Eschwege

Bismarckturm Eschwege

So bleibe ich erst mal ein Weile drin, bis es draußen nur noch regnet und nicht mehr gewittert, bevor ich die Beweisfotos mache. Ich muss schon sagen, der Förderverein hat dort ganze Arbeit geleistet und weil man gerne zeigt, was man hat, ist auch die kleine Grünlage gemäht und mit mehreren Tischen und Bänken bestückt. Der Turm wartet mit dem Familienwappen der Bismarcks auf, einer Bronzeplatte mit Ottos Kopp im Profil und mit Inschriften auf allen vier Seiten. „Bismarck zur Ehre“ steht da, „Vergangenen zum Gedächtnis“, „Lebenden zur Freude“ und „Zukünftigen zur Mahnung“. 

Bismarck zur Ehre

Die Ehre des Etappensiegs habe ich bereits, den Hinweg im Gedächtnis mahnt mich die tiefer sinkende Sonne zur Rückfahrt, auf der ich mich zu meiner großen Freude trotz des Regens quicklebendig fühle.

Den Berg hinab schliddere ich über nasse Wurzeln und ebenso nasses Laub in einem Mix aus leichtem Laufschritt und einem sich bei leichtester Betätigung der Bremse schräg stellenden Hinterrad. Laufen geht schneller, das merke ich im Nu, also laufe ich.

Unten treffe ich eine weitere, einsame Menschenseele. Eine junge Frau kommt aus anderer Richtung den Berg hinunter gelaufen, den Ipod am Oberarm, und ist grüßend guter Dinge. Ihren wohlgeformten Waden sieht man an, dass sie häufig läuft, und ihrem unbekümmerten Gesichtsausdruck, dass sie das auch bei Wind und Wetter tut.

Heimweg Eschwege

Unbekümmert bin auch ich. Es ist noch etwa 18 °C warm und ohnehin ist nichts so wasserdicht wie Haut. Der Regen klatscht mir ins Gesicht, von der bereits untergegangenen Sonne ist nur noch ein Glimmen hinter den Hügelketten zu sehen, keine Menschenseele begegnet mir weit und breit und ich rolle durch eine Landschaft, in der ich noch nie war. Eine Karte habe ich nicht dabei und auch keine Lust, aufs Display zu gucken. Ich finde das gerade richtig gut, so wie es ist, und irgendwie werde ich schon zum Auto zurück finden.

Heimweg Eschwege 2

Das gelingt mir, und mit all dem Wasser unterwegs habe ich mir auch den ganzen Arbeitstag von Leib und Seele geschüttelt. Die Unendliche Rundfahrt, ein toller Ausgleich für den autobahngenervten Reisenden. Gäbe es sie noch nicht, man müsste sie erfinden.

Das aktuelle Gesamtklassement der Unendlichen Rundfahrt

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5 Antworten zu Have a break, have a Bismarck

  1. carodame schreibt:

    … es sollte wie ein Unfall aussehen, wegen der Versicherung…

  2. Anneke schreibt:

    Stählerne Wendeltreppe, höchster Punkt, Gewitter……hai-jai-jai…..
    Aber schöne Tour, ebenso Bericht und Bilder!

  3. wiycc schreibt:

    Grandioser Bericht. Die Stimmung, die über die Bilder rüberkommt, ist auch einzigartig.

    • kreuzbube schreibt:

      Mir hat das gestern viel Spaß gemacht, was man angesichts der äußeren Umstände als Unbeteiligter vielleicht nicht unbedingt nachvollziehen kann. Umso schöner ist es, wenn ich transportieren konnte, wie ich das empfand.

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