Vrrroooooommm…

…statt Froome hieß es für uns am Wochenende, und das nicht nur, weil der Froome bei der Radsport-WM verletzungsbedingt ausgefallen war.  Nein, die WM war weit weg, weil wir zwei Tage in einer anderen Welt unterwegs waren, einer bunten, einer lauten, einer spektakulären. Ich bekomme dort auch beim besten Willen keinen Bismarckturm unter und kann allenfalls darauf verweisen, dass prieditis sich dank des Etappensieges in Essen und zweier Sonderwertungspunkte ebendort im Gesamtklassement der Unendlichen Rundfahrt nach vorne geschoben hat.

53. Frohburger Dreieckrennen

53. Frohburger Dreieckrennen

Das Spektakel, von dem hier die Rede ist, fand in Frohburg statt, ca. 50 km südlich von Leipzig gelegen. Der Motorsport war zu Gast und 300 Starter aus 18 Nationen rieben mit Motorrädern und Seitenwagengespannen verschiedenster Klassen Gummi auf den Asphalt. Der erste Eindruck, wenn man da mit dem Rad und 10 Kilo Fotorucksack eintrudelt: Man kommt sich selbst ganz schön behäbig vor angesichts der PS-Monster, die mit brachialer Gewalt auf 250 km/h beschleunigen und dies mit entsprechender Geräuschkulisse untermalen.

53. Frohburger Dreieckrennen

Go!Go!Go!

Ich fand’s mal wieder klasse, nachdem viele, viele Jahre vergangen sind, seit ich das letzte Mal bei so etwas hautnah dabei war. Auch schon wieder etliche Jahre sind vergangen, seit ich zuletzt selbst am Gasgriff drehte und das zählt im Grunde noch nicht einmal, weil’s auf so einem bescheuerten Ostalgie-Rengdengdeng stattfand.

Wie auch immer, zur Zeit locken mich zwei Freunde, nennen wir sie mal A.  und C., mit Nachdruck, mich mal wieder aufs Motorrad zu wagen und sie locken auf ziemlich verlockende Weise, indem sie mir italienische Schönheiten zeigen. Zwei weitere Bekannte gingen in Frohburg mit ihrem Seitenwagengespann an den Start und so war klar, wie wir das Wochenende verbringen würden: An- und Abfahrt mit dem Querfeldeinrad, über die Äcker rund um die Rennstrecke rumpeln, um an die besten Stellen zum Fotografieren zu gelangen und zwischendurch mitten rein ins Fahrerlager.

DSC_4985

Da ist nichts abgesperrt und nichts abgetrennt, da haben die Rennfahrer ihre Wohnmobile und offenen Zelte stehen, überall kann man hin, alles kann man sich im Detail anschauen, mit jedem in Kontakt kommen. Barrierefreie Rennszene, sozusagen.

DSC_5123

Frohburg-78

DSC_4993

Knapp 5 Kilometer lang ist eine Runde um die Schikane, die Albert Richter Kurve, am Grauen Wolf entlang und über die Zielgerade. Die schnellsten brauchen dafür vor dem zahlreich erschienenen Publikum ca. eineinhalb Minuten, was einem Schnitt von etwa 180 km/h entspricht.

DSC_5918

Da fällt mir gerade ein, und ich bitte um Nachsicht wegen der abrupten Unterbrechung, Fahrradhersteller müssen vor Lachen nicht in den Schlaf kommen. An so einem Fahrrad ist nichts dran, es ist von der Technik her eine vergleichsweise sehr simple Sache. Wenn man sich mal anschaut, was in so einem Motorrad an Technik steckt, dann ist es ein schlechter Scherz, dass man für ein Rennrad 8.000.- EUR ausgeben kann, wofür man, nur um mal ein Beispiel zu nennen, eine Aprilia Dorsoduro 750 zum Spaß haben kaufen könnte, in deren Gitterrohrahmen ein 90 PS Motor nebst Getriebe hängt, die auf Rädern läuft, die von Doppelscheibenbremsen verzögert werden und wo nebenbei noch ABS und Traktionskontrolle das Handling verbessern. Mal Hand aufs Herz, auch wenn man rein gar nichts für Motorräder übrig hat, da stimmt doch was nicht in der Fahrradwelt? Ein Fahrradhelm mit etwas Styropor und buntem Plastik darüber, ausgelegt für einen Aufprall mit 20 km/h, für 350.- EUR? Geht’s noch? Dafür bekommt man einen Integralhelm, der bei vielfacher Geschwindigkeit das Leben rettet. Ich könnte mich gerade richtig in Rage reden… nicht zuletzt, weil ich selbst auch nicht davor gefeit bin, denen auf den Leim zu gehen.

DSC_5216 Kopie

Wo war ich? Zurück zum Sport. Die Gespanne fahren 10 Runden und danach sind vor allem die Beifahrer am Ende. Im Grunde haben sie schon nach vier, fünf Runden schwere Arme, denn sie kauern auf einer Plattform und krallen sich an einem Haltebügel fest, um den Fliehkräften bei 250 km/h zu trotzen.

Frohburg-28

In Linkskurven hängen sie zum Kurveninneren vom Beiwagen herunter, in Rechtskurven werfen sie sich über das Motorrad nach rechts, immer so, dass die Masse zur Kurveninnenseite gelangt. Ich habe gleich mal gefragt, ob ich als Ungeübter nicht wenigstens eine Runde durchhalten würde. „Keine Chance“, war die Antwort.

DSC_5836

Ein Durchschnaufen oder auch nur eine Sekunde ohne höchste Konzentration gibt es auch bei den Motorrädern nicht. Bei einem Leistungsgewicht im Extremfall von unter 1 kg/PS (bei heutigen Superbikes) kann man sich das Feuerwerk vorstellen, das man auf einer 170 kg schweren Maschine entfacht – und das kontrolliert werden will.

DSC_5951

Akrobatisch und mit vollem Körpereinsatz geht es zur Sache und wer glaubt, man drehe ja nur am Gasgriff, der hat keine Vorstellung davon, wie es bei hohen Geschwindigkeiten am Piloten zerrt und rüttelt. Die Physik scheint vor allem in den Kurven außer Kraft gesetzt und später auf dem Heimweg ermahne ich mich, mit dem Rad nicht einmal ansatzweise Schräglagen auszuprobieren.

Frohburg-55 Kopie

Alles in allem ist das dort auf der Piste eine Angelegenheit für Männer. Frauen sind keineswegs ausgeschlossen, aber es gibt für sie kein eigenes Fahrerfeld. Kräftemessen mit den Männern ist angesagt.

Frohburg-79

In der Klasse 3, den Supersportlern mit 600 ccm, war eine Frau dabei, beim Seitenwagenrennen waren es zwei, die als Beifahrerinnen starke Arme bewiesen und ebenfalls zwei Damen gingen bei der Twin Trophy an den Start.

DSC_6107

DSC_6141

Ein Wochenende ganz nach meinem Geschmack war das. Mal wieder neue, ganz andere Eindrücke, eine ganz andere Rennszene, alles freundlich und entspannt, das Wetter spätsommerlich schön.

Wenn ich nur nicht so langsam wäre…

Frohburg-68

…und damit meine ich auch meine Schreibe, die mit der Dynamik und der Rasanz des Renngeschehens diesmal nicht Schritt hält, wie mir scheint.

Alle Fotos werden per click größer. Noch mehr schöne Bilder gibt es bei carodame.

 

Dieser Beitrag wurde unter kreuzbube schaut zu abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Vrrroooooommm…

  1. donferrando schreibt:

    Oh wie toll.
    Hätte ich es gewußt und wäre ich nicht mit dem Motorrad in Böhmen und Schlesien gewesen, wäre ich glatt vorbeigekommen. Ich wollte ja eh mal wieder nach Leipzig.
    Hätte, hätte, Fahrradkette, wie es so schön heißt. Und die werde ich dieses Wochenende in Gaiole und Umgebung wieder trapazieren, wenn es zur Eroica geht!

  2. prieditis schreibt:

    stark! da werden erinnerungen wach. als kind war ich öfter am nahegelegenen stockcar-rennplatz. da durfte man den schraubern auch über die schulter gucken, bis lärmschutzverordnungen, naja, das übliche.
    seit ich nicht mehr in einer wg hause, habe ich eigentlich auch kein sonntägliches moto-gp mehr gesehen. curling übrigens auch nicht…

    • kreuzbube schreibt:

      In Frohburg wurde kurzerhand die Bundesstraße für zwei Tage gesperrt und zum Teil der Rennstrecke gemacht und es waren ziemlich viele Leute auf den Beinen. Keine Ahnung, ob sich da Leute über Lärm beschweren. Die Strecke liegt außerhalb der Stadt und und er Stadt selbst hört man kaum etwas. Das ändert sich erst, wenn man wirklich nahe dran ist. Aber auch dann ist es nicht ohrenbetäubend. Ohropax hat niemand gebracht und unterhalten konnte man sich auch. Dafür fiel der normale Durchgangsstraßenverkehr weg, der viel störender ist. Und zwei Tage im Jahr kann man ja auch mal offen für so etwas sein, statt zu meckern.

      Meine Mopeds waren immer zu laut. Als Jugendlicher fand ich das gut… immerhin brachte so ein „Rennauspuff“ immerhin gute 20 km/h am ansonsten auf 50 km/h begrenzten Moped…

      Hier bewegte Bilder vom Frohburger Dreieck:

  3. Pingback: Bike. Und wie! | G i p s r a u m

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s