Der Schläfer

Er liegt im Fels und schläft. Viele Jahrhunderte lang, von besseren Zeiten, von einem Deutschland träumend. Keine Frage, wie aus der Pistole geschossen entfährt es euch vor dem Bildschirm gerade:“Barbarossa!“ Friedrich I., genannt Barbarossa, 35 Jahre lang, von 1155 bis 1190 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das 1250 unter Friedrich II. zerfiel.

Nach Barbarossas Tod durch Ertrinken während des dritten Kreuzzuges kamen Gerüchte auf, dass der Kaiser gar nicht tot sei. Es entstand die deutsche Nationalsage. Der Kaiser werde dereinst wiederkommen. Mit seinem gesamten Hofstaat sitze er verzaubert in den Bergen des Kyffhäusers. Wenn die Zeit reif ist, werde er aus dem Berg herauskommen und sein Reich wiedererrichten. Ein Zwerg wird alle 100 Jahre hinausgeschickt, nachzuschauen, ob die Raben noch immer um den Berg herumfliegen. Solange dies der Fall, ist die Zeit für des Kaisers Erwachen noch nicht gekommen und er fällt für weitere 100 Jahre in den Schlaf. Nächster Zwerg, Raben, weitere 100 Jahre, usw.

Wohin also könnte ein Ausflug am Tag der Einheit führen, wenn nicht in den Kyffhäuser? Wo das Kyffhäuserdenkmal aus weiter Entfernung auf dem Berggipfel zu sehen ist, wo der in Stein gehauene Barbarossa erwacht, weil Wilhelm I. das Reich wieder geeint hat.

Dorthin also steuern wir, zu einer letzten, langen Ausfahrt, denn der Tag ist sonnig, gegen Mittag wird die 20° C Marke geknackt wird. Die Rumpelräder müssen noch ein paar Tage warten, die Rennräder gleiten geschmeidig wie von selbst über den Flüsterasphalt der durch die schönsten Landschaften angelegten und neu entstehenden Radwege.

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Und wo könnte die Reise beginnen in diesen Tagen, da die Felder abgeerntet sind und brach liegen, die Ebenen um Leipzig, eingerahmt in Autobahnen und Tagebauten, durchzogen von Stromtrassen und gespickt mit Windrädern, eine gewisse Trostlosigeit versprühen; wo, wenn nicht erneut in der schönen Weinbauregion an Saale und Unstrut? Den Fluss vor den Augen, die Weinberge im Rücken, dekoriert mit hübschen Burgen und Schlössern allenthalben, das alles zu Recht auf dem Weg zum Weltkulturerbe, das ist artgerechte Haltung für den kreuzbuben.

Am Abend zuvor ein kurzer Blick auf die Karte, auf die aus Papier und die auf dem Bildschirm. Das reicht, das kreuzbuben-GPS ist geladen. Einfach immer Westnordwest, möglichst den Fluss entlang, bei Kelbra dann die berühmten 36 Kehren hinauf. Da kann man nicht viel falsch machen. carodame bekommt die Strecke mit 130 km untergejubelt und rechnet sich die erfahrungsgemäß anfallenden 10 % Aufschlag dazu. Ich weiß natürlich, dass es wenigstens 170 km werden (+Aufschlag), denn ich bin das ja -auf anderer Route- schon gefahren, aber wer will schon im Vorfeld demotivierend daherreden? Am Schluss sind es dann 190 km…

Entgegen unseren sonstigen Gepflogenheiten wird unterwegs nicht gehalten, nicht pausiert und es werden folglich (mit einer einzigen Ausnahme) auch keine Fotos gemacht. 

einauge

Die einzige Ausnahme

In Italien beschließt die Lombardei-Rundfahrt die Rennradsaison, unsere Abschlussfahrt der fallenden Blätter führt überwiegend am Fluss entlang. Den Berg sehen wir früh, das Denkmal auch, doch zunächst fahren wir noch etliche Kilometer weiter, scheinbar daran vorbei. Verfahren können wir uns nicht mehr (das haben wir schon hinter uns), denn für Motorradfahrer ist eine Kurvenhatz bergauf das Geilste überhaupt und eure Vorstellungskraft dürfte reichen euch auszumalen, wie es an einem Samstag, noch dazu einem Feiertag, noch dazu am Tag der deutschen Einheit, dort aussieht; wie neulich nämlich: Vrrroooooommmm!

36xUns stört das, wo gerade die Stimmung steigt, weil die Steigung stimmt, nicht sonderlich. Nachsicht und Langmut sind groß an diesem Tag, möge ein jeder an dem seine Freude haben, was ihm Spaß macht. Allerdings kommen uns die Arbeiten an drei Baustellen zur Hangsicherung in die Quere. Rauf und runter geht es dann jeweils auf einer Fahrspur und Ampeln sollen das regeln. Die Grünphasen orientieren sich am Tempo der Autos und Motorräder… carodame schafft es an einer Baustelle nicht rechtzeitig vorbei, die Motorräder haben bereits grün und kommen ihr in Schräglage entgegen – und gerade noch so vorbei geflogen. Knapp, sehr knapp, war das.

Oben habe ich einen kleinen Vorsprung herausgefahren, um mich am erstbesten Imbiss schon einmal um die Versorgung zu kümmern. Wir haben ja keine Zeit, sind spät los und müssen zurück sein, bevor es zu spät und zu dunkel wird. Eine Bratwurst, eine große, saftige Gewürzgurke und eine schön zuckerhaltige Cola drücke ich ihr in die Hand und fülle die Trinkflaschen nach. Gerastet wird nicht, wir überwinden die letzten 300 Meter zum Denkmal. Dort erwacht er, Barbarossa, der deutsche Kaiser, der über 700 Jahre lang warten musste, bis mit Wilhelm I. wieder ein deutscher Kaiser über ein Deutsches Reich herrscht.

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Wilhelm I. wird als Vollender in Szene gesetzt, seine riesige Bronze thront hoch oben über dem in Stein gehauenen Rotbart. 3o Jahre lang herrschte Wilhelm I., zunächst ab 1858 als Regent und König von Preußen, ab 1871 bis zum seinem Tod 1888 als Kaiser des neu entstandenen Deutschen Reichs. Bismarck, dem zu Ehren all die Türme errichtet wurden, die wir im Rahmen der Unendlichen Rundfahrt ansteuern, war unter Wilhelm I. fast während dessen gesamter Herrschaft Minsterpräsident und erster deutscher Kanzler und wer tatsächlich die Geschicke des Staates steuerte, daraus machte Wilhelm I. keinen Hehl: „Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein“.

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All das wird an diesem geschichtsträchtigen Ort ins Bewusstsein gerufen, während wir um das  81 Meter hohe Monument herumlaufen, Treppen erklimmen und hinabsteigen und die riesigen Bronzen auf uns wirken lassen. 

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Doch im Nu sind wir wieder auf dem Rückweg. Runter ist das einfach, da steht was von Tempo 50 und mit Auto und Motorrad kommen sie in den engen Kehren nicht an uns vorbei. Kurve für Kurve schwingen wir hinunter, später dann verkündet mir carodame bei etwa km 160, dass sie noch gute Beine hat und so gelangen wir gutgelaunt in der Dunkelheit am Auto an. Ein schöner Tag der Einheit war’s für den Westbuben und die Ostdame, und das ist auch schon alles, was mich an der deutschen Einheit berührt, Kaiser und Kanzler hin oder her. Meine Welt ist klein, für große Reden und hohle Phrasen sind andere zuständig. 

***
Den Bismarckturm in Kelbra, unterhalb des Kyffhäuserdenkmals gelegen, konnten wir nicht einheimsen. Wie schon mitgeteilt, kommt man nicht heran. Die Rothenburg, auf deren Areal der Turm steht, gehört seit ein paar Jahren einer Privatperson. Weil es dort bröckelt, machte das Amt Auflagen zur Sicherung. „Sanieren oder absperren“ hieß es und weil so ein Zaun billiger ist, ist das Gelände nun weiträumig abgesperrt. Weder Burg noch Bismarckturm können besichtigt werden. An der Imbissbude oben beim Denkmal machen Gerüchte die Runde, dass sich daran auch nicht ändern werde. Mit dem Wachdienst ließe sich vielleicht noch reden, aber es ist auch die Rede von Wachhunden, und ein Wachhund, der etwas auf sich hält, lässt sich auch mit Wurst nicht bestechen.
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4 Antworten zu Der Schläfer

  1. crispsanders schreibt:

    Sehr gute Ausnahme, tatsächlich. In der Planung seiner Monumente verschob das junge deutsche Reich die Grenzen des monstruösen eindeutig.

    • kreuzbube schreibt:

      Der Identitätsstiftung diente das. Die Leute mussten ja erst einmal ein Gefühl dafür bekommen, was das ist, „Deutschland“. Die empfanden sich ja nicht sofort als Deutsche, sondern fühlten sich noch als Untertanen ihrer Königreiche und Fürstentümer.

  2. prieditis schreibt:

    „Einzige Ausnahme“… ja, ich finde auch, da kann man mal ein Auge zudrücken…
    Schöner Bericht! Vielen Dank dafür!

    • kreuzbube schreibt:

      Ich kann den Kyffhäuser nur für einen (gerne gemeinsamen) Besuch anregen. Ich möchte dort sowieso noch einmal hin, allerdings dann mit dem Auto. Crosser/MTB mitnehmen und dann damit drei Ziele verbinden:

      – in Ruhe das Denkmal außen und auch innen
      – die Barbarossahöhle (13.000 qm) weiter unten am Berg
      – das monumentale Tübke-Bild im Panoramamuseum über Bad Frankenhausen

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