Der Major

Sagt, wer mag das Männlein sein,
Das da steht im Wald allein
Mit dem purpurroten Mäntelein.
***

Warum soll es euch besser ergehen als mir? Ich krieg das nicht mehr aus dem Ohr, es ist zum Haareausraufen. 

Das kommt so: Man will ja gar nicht glauben, was man alles erledigen kann, wenn man mal weniger Rad fährt. Bäume fällen, Brennholz sägen, Hecken schneiden; Kino, Theater, Varieté … oh, vor allem das Varieté mit seinen Artisten hat mich erwischt. Wo ist in den letzten 20 Jahren nur die Beweglichkeit und Geschmeidigkeit geblieben? Der Leib bedarf unbedingt der umfassenderen Ertüchtigung, weit über das Bein rauf- Bein runter hinaus. Schon ist die Liste der zu erledigenden Dinge länger geworden, auf der zudem Renovierungsarbeiten stehen. An einem Tag ohne Rad fahren kann man ein ganzes Zimmer ausräumen, abkleben und streichen. An einem Tag ohne Rad kann man erst mit dem Exzenter- und Dreieckschleifer dem Holzwerk der Treppe zu Leibe rücken und es dann lackieren.

Und damit habe ich das purpurrote Mäntelein zuerst vor Augen und sofort auch als Endlosschleife im Gehörgang. Die uns als Behausung dienende Hütte ist schon älter und früher nannte man die Farbe, die ich verwenden wollte, Ochsenblut. „Ochsenblut“ macht sich heute scheinbar nicht mehr so gut in der Verkaufsförderung, die Farbfachverkäuferin drückt mir eine Dose „Purpur“ in die Hand, die allerdings nach Verbringung auf das Holzwerk und Trocknung auf selbigem aussieht wie – Ochsenblut. Geht doch.

treppe

körper und stimmeAuch die hier irgendwann schon erwähnte Balance zwischen Körper und Geist gilt es, an den dunkleren Tagen von Herbst und Winter wiederherzustellen. Die Formel lautet: Per anno pro gefahrenem Kilometer eine gelesene Seite. Die letzten verbliebenen Leser, die bis hierher durchgehalten haben, obwohl noch kein einziges Fahrrad zu sehen war, dürfen nun durchatmen: Wenigstens der Lesetipp dreht sich um den Radsport. Also denn:

Ihr seid arm? Das Iphone ist verbogen, im Wettbieten um das seltene Retrotrikot könnt ihr das Höchstgebot nicht halten, bei der DI2 reicht es nur für Ultegra, nicht aber für Dura Ace?

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Dann passt mal auf. Arm geht so: Ihr seid Weltmeister, der schnellste Mann der Welt auf zwei Rädern, und keiner ist bereit, euch ein Essen oder ein Dach über dem Kopf zu gewähren. Ihr schlaft im Stall zwischen dem Vieh, bittet bei Mitmenschen um einen Teller Suppe, während die Konkurrenten im Hotel untergebracht sind und sich im Restaurant nach Kräften stärken. Die anderen Rennfahrer weigern sich, gegen euch zu anzutreten und die Rennbahnbesitzer schließen euch aus. Hin und wieder werdet ihr mit Gewalt aus der Stadt vertrieben. So kann es gehen, wenn man schwarz ist und schneller als alle Weißen, denen das -gelinde gesagt- eher wenig gefällt.

Die Rede ist natürlich von Marshall „Major“ Taylor und bevor wir zu ihm kommen, muss ich kurz die damaligen Lebensumstände umreißen. Wir reden hier von den Anfangstagen des Radsports, von den Anfangstagen des Rades überhaupt. Wir reden von Zeiten, in denen in Städten ein Tempolimit von 6 km/h galt, als das neu aufkommende Radfahren in Städten teilweise ganz verboten wurde und den Gesetzgeber vor schwierig zu lösende Rätsel stellte: Ein Fußgänger war der Radfahrer nicht, aber als Pferd ließ er sich auch nicht kategorisieren.

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Wir reden von Zeiten, in denen das Interesse an Rädern und auch am Radsport explodierte. Wer glaubt, dass wir heute einen Radsportboom erleben, dem sei gesagt, dass das nichts ist gegen das, was die Massen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in ihren Bann zieht. 1893 werden in den USA erstmals mehr Fahrräder als Pferde verkauft und 1/3 aller Patente haben irgendetwas mit dem Fahrrad zu tun. Überall schießen Velodrome wie Pilze aus dem Boden. Bahnradfahren ist das Spektakel überhaupt für das Publikum, fast jeden Abend finden in Städten wie in Chicago Rennen statt. Die Radsportstars verdienen mehr als alle anderen Sportler, von den Boxern abgesehen. $ 10.000 sind in den 1890er Jahre unendlich viel Geld, und so viel lässt sich für die Topstars unter den Bahnsprintern verdienen.

Tagsüber lungern Radrennfahrer mit ihren Rädern testosterongeladen in Rudeln herum, jederzeit bereit für ein Kräftemessen; nachts wird in Cycling Clubs gezockt und getrunken. Ärzte warnen vor den Gefahren des Radfahrens, Krankheiten und Symptome wie das bicycle heart, der bicycle walk, das bicycle face werden erfunden. Regelmäßig gibt es Schwerverletzte und Tote bei den Rennen. Viele Rennfahrer sind krank durch die hohen Belastungen, die schlechte Ernährung und die frei verfügbaren Opiate. Morphium, Opium, Heroin und Kokain gibt es ohne Rezept, Laudanum ist billiger als Gin. Ein Rennrad hingegen kostet ein Drittel eines durchschnittlichen Jahresgehalts.

Doch auch damals gibt es schon Rennfahrer, die mit mehr Köpfchen bei der Sache sind. Arthur Zimmerman ist einer von ihnen. Ende des 19. Jahrhunderts ist er der größte Star des Radsports, bis zu seinem Karriereende gewinnt er 1400 Rennen. Zimmerman trainiert weniger als die Konkurrenz. Er spult weniger Stunden und Kilometer ab, ist aber der Erste, der in Intervallen trainiert, der das Tempo variiert. Er trainiert auf der Bahn und auf der Straße, läuft zudem und spielt Basketball.

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Vor diesem Hinterrund stolpert der junge, arme Marshall Taylor Mitte der 1890er Jahre in den Radsportladen des ehemaligen Rennfahrers, Trainers und Fahrradherstellers Birdie Munger. Taylor zeigt ein paar Tricks auf dem Rad und die beiden Männer freunden sich an, obwohl Taylor schwarz ist, der Radsportverband „Whites only“ propagiert und Schwarze ihre eigenen Clubs haben müssen.

Wie auch Arthur Zimmerman hat Birdie Munger mehr in petto als das sture Kilometerfressen und den Konsum von Drogen jedweder Art. Munger gibt Taylor einen Job und bringt ihm Taktik bei, das Windschattenfahren, die Kontrolle der Emotionen. Er achtet auf die richtige Ernährung seines Schützlings, für Taylor gibt es weder Alkohol noch Drogen noch Zigarren. Früh aufstehen, lange arbeiten, bis in die Dunkelheit trainieren, früh ins Bett: Nach diesem Credo bringt Munger den jungen Taylor auf den Weg, der größte Athlet der Welt zu werden. Und weil das an dieser Stelle schon ziemlich lang geworden ist und ich heute Abend noch am Leib feilen möchte, erzähle ich davon in Kürze in Teil 2.

Fortsetzung folgt.

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