Der Major, 2

Fortsetzung von Der Major

„Racing in its purest form: raw, unrefined, quick, and often flat-out dangerous.“

Das ist die Welt die der junge Marshall Taylor betritt: Eine Welt, in der die Menschen von Radrennen nicht genug bekommen können, wo sie sich zu Tausenden und Zehntausenden an den Rennstrecken drängen und ihre Favoriten bei deren Herzschlagfinals anfeuern. So schnell wächst der neue Sport, dass in der kurzen Zeit gar nicht genug Rennstrecken entstehen können und die Rennfahrer ihre Wettkämpfe auch auf Pferderennbahnen austragen. Nach Spektakel und Sensationen gieren die Massen, und Stars wie der schon erwähnte Arthur Zimmerman bieten sie ihnen. Zum US-Präsidenten hätten sie ihn gewählt, wäre das sein Wunsch gewesen, 30 Rennräder, Pferde, ein halbes Dutzend Pianos, silbernes Besteck und Geschirr, Aktienanteile an seinem Sponsor Raleigh, Schmuck, um einen ganzen Juwelierladen auszustatten, besitzt Zimmerman und während es mit der amerikanischen Wirtschaft bergab geht, werden Radsportler wie er reich und berühmt. Zimmerman bietet eine show par excellence, er fährt gegen Schnellzüge, gegen Rennpferde, gegen Greyhounds. „He was simply the greatest pedalist of all times“, fasste es der französische Sportjournalist Victor Breyer nach mehr als sieben Jahrzehnten der Begleitung des Radsports zusammen.

Für den jungen Taylor ist Zimmerman das große Vorbild, eine gottgleiche Erscheinung. Doch Taylor ist erst 14 und er ist schwarz. Dennoch wird Arthur Zimmerman, der Taylor mit Freundlichkeit und frei von Rassenvorurteilen wie seinesgleichen behandelt, mit Birdie Munger zum Wegbegleiter und Wegbereiter Taylor. In den USA herrscht Rassenhass und Lynchmorde geschehen, doch es sind weiße Radrennfahrer, die Taylors Freunde und Unterstützer werden. Einige weiße Radsportler. Nicht jedoch alle, nicht die Mehrheit. In einigen US-Staaten darf Taylor nicht auf die Rennbahnen, Konkurrenten weigern sich, gegen ihn Rennen zu fahren. Er ist gezwungen, um eine Bleibe für die Nacht in den Häusern anderer Schwarzer zu bitten, weil er in Restaurants nicht bedient wird und Hotels ihm keine Zimmer überlassen. Winter-Trainingslager in den warmen Südstaaten scheiden für ihn wegen des Rassenhasses aus. „Equal but separate“, gleich, aber getrennt, so handhabt man das dort.

Im Jahr 1896, mit 18 Jahren, wird Taylor Profi und bis 1898 stellt er sieben Weltrekorde auf.  Die schnellste je gefahrene Zeit über eine Meile legt er hinter einem als Schrittmacher dienenden motorbetriebenen Tandem mit einem Schnitt von über 73 km/h zurück. Als Material dient ihm das Leichteste, Beste und Schnellste, was es an Rädern damals gibt, 9,1 kg wiegt seine Rennmaschine. 1899 ist Taylor der schnellste Mann auf der Welt und gewinnt den Weltmeistertitel.

Einer der größten Rassisten unter seinen Kontrahenten ist Floyd McFarland, der zudem ein brutaler Schläger ist und sich nicht nur mit seinen Konkurrenten, sondern kurzerhand auch mit Zuschauern, Veranstaltern und Offiziellen prügelt.  Möglicherweise hat der eine oder anderen den Namen Floyd Mcfarland schon gehört, er war der Gewinner des 1. Berliner Sechstagerennens im Jahr 1909.

McFarland und der nicht minder rassistische Ivor Lawson, ein weiterer Konkurrent Taylors, kommen mit sportlichen Mitteln nicht mehr gegen ihn an und sorgen fast für Taylor Karriereende. Lawson und Taylor tun sich zusammen und bei einem Rennen in Australien rammt Lawson Taylor mit voller Absicht von der Bahn. Bewusstlos und schwer verletzt bleibt Taylor liegen. Zweieinhalb Jahre lang ist die Pause, die Taylor einlegt.

Als Taylor im Jahr 1907 schließlich nach Paris zurückkehrt, wo die Menschen ihn früher schon begeistert gefeiert hatten, und ein Comeback starten will,  trauen die Journalisten ihren Augen kaum. Aus dem einst schnellsten Mann der Welt ist ein abgehalfterter Sportler geworden, der 20 Kilo Übergewicht hat und dem eine stattliche Wampe über den Hosenbund hängt. Taylor ist 100 Kilo schwer, ein trauriges Abbild seiner selbst. Er fährt nur hinterher und hat gegen die europäische Radsportelite nichts mehr zu bestellen.

Doch Taylor gibt nicht auf. Für sechs Wochen zieht er sich zurück, trainiert hart, und Woche für Woche purzeln die Pfunde. Sein Vertrag sieht die Teilnahme an sechs Rennen vor – und bei allen wird er vernichtend geschlagen. Publikum und Presse wenden sich ab von ihm. Die Menschen pfeifen ihn aus, sie wollen den Taylor sehen, den sie einst bewunderten, keinen heruntergekommenen Ex-Rennfahrer. Doch Taylor trainiert unbeirrt weiter, mittlerweile fast unbemerkt und unbeachtet. Er findet zu seiner Form zurück und triumphiert noch einmal über sämtliche Spitzenfahrer, darunter der große Edmond Jacquelin und Walter Rütt, Deutschlands berühmter Sechstageheld, dessen Grab Twobeers, Toni und ich dieses Jahr besucht hatten. Doch das Alter fordert seinen Tribut. Taylor gewinnt hin und wieder noch Rennen, doch es fällt ihm immer schwerer und die Siege werden immer seltener. Im Alter von 32 Jahren fährt Taylor im Jahr 1909 in Europa seine letzte Saison – und ist chancenlos. Seine bedauernswerten Leistungen und die Abstriche, die er wegen der schlechten Ergebnisse bei seiner Gage hinnehmen muss, versetzen ihn in eine Stimmung so trostlos wie das kalte, regnerische Herbstwetter, das er aus seinen Hotelfenstern in Berlin und Düsseldorf betrachtet. Die Karriere von Major Taylor ist zu Ende.

Später geht es Major Taylor wie so vielen ehemaligen Sportlern, die einzig auf ihren Sport fixiert waren. Er hält sich eine Zeitlang als Ex-Promi über Wasser und erzählt bei Radsportveranstaltungen Geschichten von früher. Er schreibt eine Autobiographie, mit der er von Rennen zu Rennen tingelt, um ein paar Exemplare seines Buches an den Mann zu bringen. Ab und zu erinnert sich wer an ihn, aber das Buch ist, wenn man seinen Biographen glauben darf, einfach richtig schlecht geschrieben: Lang und langweilig, und nicht gerade ein Renner. Bei Aktiengeschäften verliert er sein Geld, seine Frau verlässt ihn und er wohnt fortan ihn billigsten Zimmern. Als er krank wird, kann er die Ärzte nicht mehr bezahlen. Menschen spenden Geld, damit er behandelt werden kann. 

Dann verliert sich für viele Jahre seine Spur, er taucht mal in einer Obdachlosenunterkunft auf, mal kommt er beim YMCA unter. Im Alter von 53 Jahren stirbt Major Taylor einsam und verarmt in einem Chicagoer Krankenhaus an einer Herzmuskelentzündung. Taylor wird anonym beerdigt, erst 1948 kümmern sich ehemalige Radsportler und die Schwinn Fahrradwerke darum, dass seine Überreste exhumiert und auf einem Friedhof in der Nähe von Chicago bestatten werden.

Für Radsportfans mit Interesse an den Lebensumständen der Sportler und der Menschen überhaupt in vergangenen Zeiten ist die von Conrad und Terry Kerber geschriebene Biographie Taylors eine lohnenswerte Lektüre. Ich wollte sie nicht missen, auch wenn sie mir ein wenig zu lang ausgefallen ist. Etwas zu viele Ereignisse aus dem Leben Taylors werden ausgebreitet, was aus Sicht der Verfasser verständlich sein mag. Ein Autor, der jahrelang recherchiert und Material zusammenträgt, will das gerne auch verwerten und präsentieren. Dem Lesefluss hätten 50, 60 Seiten weniger allerdings besser getan. Ich will aber nicht ausschließen, dass das auch daran liegt, dass ich im Englischen langsamer lese, denn das Buch ist leider nur auf Englisch erschienen. Wer sich heranwagen möchte: Es ist recht gut verständlich geschrieben, man ist auch als Nicht-Muttersprachler schnell drin im Lesen und im Geschehen.

Conrad Kerber & Terry Kerber, Major Taylor – The inspiring story of a black cyclist and the men who helped him achieve worldwide fame, Mit einem Vorwort von Greg LeMond, Skyhorse Publishing 2014

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Positively Black – Major Taylor

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2 Antworten zu Der Major, 2

  1. prieditis schreibt:

    Vielen Dank für die Rezension! Ein spannendes Thema, finde ich. 20 Kilo Übergewicht… das war damals schon ungewöhnlich. Wir hatten ja nix, damals.

    • kreuzbube schreibt:

      Natürlich ist das spannend. Während in den Staaten Lynchmorde stattfinden, ist ein Schwarzer der erste Weltmeister überhaupt. Wird gefeiert und aufs Schlimmste angefeindet und angegriffen. Ich frage mich, wie man sich unter solchen Umständen durchsetzen kann. Andererseits: Die Umstände waren für ihn in jedem anderen Beruf auch nicht anders. Durch das Radfahren verdiente er wenigstens noch viel Geld.

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