Von der Schwindsucht zum Spargel

Neulich lese ich irgendwo vom heutigen Maybe-Man: wankelmütig, unsicher, gestresst und überfordert. Da denke ich mir, kennste, auch vom Radfahren, mit weiteren Merkmalen. Das smartphone macht’s möglich, statt Vereinfachung der Kommunikation und des Zusammenfindens bleibt alles möglichst unverbindlich. Nur nix zusagen, schon gar nicht frühzeitig. Jederzeit alles offenhalten. Warum sollte man abends um zehn auch entscheiden können, ob man gemeinsam morgens um zehn Radfahren will. „Mal sehen.“ „Weiss ich noch nicht.“ „Muss ich morgen früh erst mal sehen, ob ich da bin.“ Vielleicht. Möglicherweise. Unter Umständen. In einschlägigen Listen geht das ähnlich:

„Hätte Lust, mal wieder Rad zu fahren. Entweder am… oder am… oder am.“
„Ja, klingt gut. Melde mal vorsichtig Interesse an.“
„Bin vielleicht dabei.“
„Supi! Am … könnte was gehen. Geht’s auch zwei Stunden später? Bin abends noch bei xyz“
„Kann nur am … und nur zwei Stunden früher, muss vor eins noch Rasenmähen.“
„Muss meine Regierung fragen.“
„Mist. Mein Chef.“

Ich kürze ab: Seite 7 oder so eröffnet dem neu und erstmalig hineinschauenden Sonntagsradfahrer in spe, dass einer oder mehrere wieder „raus“ sind. Wer noch „drin“ ist und welcher Startort und welche Uhrzeit sich zwischenzeitlich ergeben haben könnten, das ließe sich herausfinden, wenn man die Zeit und Muße für ein tieferes Einsteigen in den Gesprächsfaden mitbrächte.

beelitz_sanitaeterin

Es geht aber auch anders. Twobeers verkündet: Wir gehen in die Brauerei. In drei Wochen. Beginn soundso viel Uhr. Ende soundsoviel Uhr. Bitte Essen unter folgendem Angebot auswählen. 50 Plätze, danach voll.

Und dann dauert es drei Tage und 50 Leute sagen verbindlich zu, dass sie da sein werden und bestellen ihr Essen vor. Liste voll. Eisenschweinkader-Style.

Der Einzige, der zu spät kommt, bin ich, denn ich muss nach Feierabend erst noch mit dem Bus von Leipzig nach Berlin. Zumindest zum Essen bin ich halbwegs rechtzeitig da und es schließt sich ein schöner Abend an. Schöne Sache, das. Mal alle versammelt, die ich sonst nur als ESK-Fragmente treffe. Die laue Berliner Nacht tut ihr übriges, denn ich lasse mich ja gerne mal nachts durch die Stadt treiben und das tun wir im Anschluss. Ich weiß nicht, ob ihr es wusstet, aber Berlin ist schon etwas… größer. Eine geschlagene Stunde dauert es mit dem Rad vom Ort unseres Zusammenseins in der Schultheiss-Brauerei bis zu Tonis bequemen Sofa, das mein Nachtlager sein soll. Weil das natürlich viel zu weit ist, um es an einem Stück zu fahren, kommt uns Booms spontanes Angebot, bei ihm auf halbem Weg einen Absacker zu nehmen, sehr zupass. Boom hat die tolle Fähigkeit, mit ein paar Worten die Dinge auf den Punkt zu bringen und so erklärt er vor mir fahrend die sich darbietende Berliner Stadtentwicklung: „Wir sehen zur Linken: Eigentumswohnungen“. „Im Wohnblock, den wir nun rechts passieren: neue Eigentumswohnungen“. „Auch an dieser Ecke entstehen… Eigentumswohnungen.“ Ein paar Minuten, und ich habe den Berliner Wohnungsmarkt verstanden.

Nachdem wir später bei Boom wieder aufbrechen, dem an dieser Stelle noch einmal Dank für die freundliche Einladung gesagt sei, besuchen Toni, Mitstreiter und ich wir noch die Gedenkstele für den letzten Mauertoten. Neun Monate bevor die Mauer fiel, wurde der 20 Jahre junge Chris Gueffroy bei einem Fluchtversuch von den ostdeutschen Grenzern erschossen. Die haben natürlich nur ihre Befehle ausgeführt… aber man kann ja auch Schießen – und Danebenschießen. Kann ja mal passieren, dass man nicht trifft…

Warm ist es nachts in Berlin und bis wir bei Toni angekommen sind, bin ich in meinem Merino-Baselayer, dem dicken, warmen Shirt, der Jacke und der Kaschmirmütze schweißgebadet. Was wir wohl am nächsten Tag anziehen werden, fragt Toni und ich habe darauf nur eine Antwort, weil mein Rucksack mir nur exakt eine Alternative bietet -eine viel zu warme…

In die bin ich morgens gekleidet, als wir uns von seiner bezaubernden Frau verabschieden (auch ihr und Toni einen Dank für die gewährte Gastfreundschaft) und uns Richtung Beelitz begeben, in unseren Breiten vor allem wegen des Spargelanbaus von Bedeutung. Früher jedoch… Ich brauche ja immer Ziele für das Radfahren und bis carodame mir am Mittag zwecks Weiterreise an die Ostsee die Autotür öffnen würde, war noch Zeit, die alten Beelitzer Heilstätten zu besuchen. Nach 50 Kilometern im langärmeligen Wollbaselayer, mit ’nem dicken, winddichten Gabba-Trikot drüber und dicker Castelli-Nanoflexhose, bin ich bei frühlingshaften Temperaturen fast verglüht. Toni hingegen ist kurzärmelig unterwegs. Was für ein Wetter im November!

venus lichtspiele

Nun also Schluss mit der längsten aller meiner langatmigen Einleitungen, nun also nach Beelitz. Dort entstanden Anfang des 19 Jahrhunderts etwa drei Kilometer außerhalb der Stadt auf einem Areal von zwei Millionen Quadratmetern die Beelitzer Heilstätten. In den Zeiten vor der Erfindung von Antibiotika sollten dort die immer mehr werdenden Tuberkulosekranken behandelt werden. Begünstigt von schlechter und feuchter Luft in den Arbeiterfabriken und -wohnungen grassierte die Tuberkulose, und wurde zu einer immer stärker werdenden Belastung der 1883 unter Bismarck erst entstandenen Sozialversicherungssysteme.

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In Beelitz wurden die Kranken kuriert, viel, viel Luft und Sonne, der natürlich Feind der Keime, sowie üppige und gehaltvolle Mahlzeiten sollten der Schwindsucht, wie die Tuberkulose wegen des gravierenden Gewichtsverlusts der an ihr Erkrankten auch hieß, entgegenwirken. „Weiße Pest“, „Bleiches Sterben“, waren andere Synonyme für die Krankheit, an der auch heute noch jedes Jahr weltweit 9 Millionen Menschen neu erkranken und an der zwei Millionen Menschen jedes Jahr sterben. Um einmal die Dimensionen zu verdeutlichen: Ein Drittel aller Menschen weltweit ist mit dem von Robert Koch 1892 entdeckten Tuberkulose-Erreger infiziert, vorwiegend in Asien und Afrika.

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Um 1900 war die Tuberkulose eine verheerende, hochansteckende Volkskrankheit geworden. In Beelitz, fernab von Berlin, schuf man riesige Gebäudekomplexe, Krankenhäuser, Wohnungen für Bedienstete, eine Wäscherei, in der die Wäsche eine halbe Stunden lang gekocht wurde, ein eigenes Kraftwerk und alles andere, was man für angesichts der hohen Ansteckungsgefahr für den autarken Betrieb der Heileinrichtungen benötigte.

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Jahrzehnte später verfielen die Gebäude, nachdem die Heilanstalten von der Roten Armee, die sie als als Militärhospital genutzt hatte, aufgegeben wurden. Einzelne der einst 60 Gebäude wurden erhalten und sind auch heute noch genutzt, andere jedoch sind nur noch Ruinen, die aber auch jenseits ihres morbiden Charmes noch die einstige Schönheit erahnen lassen.

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Andernorts schreibt der Denkmalschutz dem privaten Häuslebesitzer die Farbe seines Fensteranstrichs und die Gestaltung seiner Zaunpfosten vor, in Beelitz gehen Zeugnisse einer ganzen Epoche unter.

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Es lohnt sich, dort umherzuschlendern oder mit dem Rad herumzufahren. Einen ungewohnten Blick auf die Gebäude gewährt der Baumkronenpfad, der dort im September 2015 eröffnet wurde. Über einen Turm gelangt man zum Pfad, der einmal 1000 Meter lang sein soll, von dem aber bislang wegen der hohen Kosten erst die Hälfte fertiggestellt ist.

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Unendliche Rundfahrer werden möglicherweise einem Baumkronenpfad nicht ganz so viel abgewinnen, man sieht von oben über Baumkronen hinweg und damit so ungefähr das, was wir von vielen angesteuerten Türmen aus auch gesehen haben. Interessant wird die Sache hier, wenn sich auf den Geschossdecken unter den Überersten der Dächer der Gebäude, um die sich der Pfad schlängelt, eine neue Bodenschicht entwickelt, aus der Bäume wachsen.

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Als lohnenswertes Ziel einer Radexkursion taugen die alten Heilstätten allemal. Auf eine Führung durch die Fluren und Räume der riesigen, alten Chirurgie musste ich aus Zeitgründen verzichten. Leider, muss ich sagen, das scheint wirklich spooky dort zu sein und unter den lost places der Fotofreunde nimmt dieses Gebäude sicher einen vorderen Rang auf der Beliebtheitsskala ein.

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Spooky ist es dort auch wegen anderer Begebenheiten: 1991 ermordete der Rosa Riese, ein Serienmörder, dort eine Frau und ihr drei Monate altes Baby. Sechs Morde und Vergewaltigungen beging er insgesamt, hinzu kamen weitere versuchte Morde. Im Jahr 2008 brachte ein Fotograf vor der Kulisse der zerfallenden Heilstätten ein Fotomodell um.

Wer sich dennoch dort hin traut:

Der Baumkronenpfad ist im Winter von 10:00 bis 16:00 Uhr geöffnet. Von unten kann man die meisten Gebäude auch sehen, wenn man keinen Eintritt für den Pfad errichtet. Eine gastronomische Versorgung für den hungrigen und durstigen Pedaleur gibt es direkt am Eingang zu den Heilstätten im sanierten, ehemaligen Pförtnerhaus.

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10 Antworten zu Von der Schwindsucht zum Spargel

  1. kreuzbube schreibt:

    Da waren wir in der Nähe? Vielleicht, wenn wir die Ronde van Nederlande fahren?

  2. prieditis schreibt:

    Herrlich!

    Von unserer Anfahrt in die Niederl.. äh, Holland, hab ich noch das ehemalige Kloster in Waldniel rausgesucht. Wir fuhren daran vorbei, weil der Rallye-Zitrön bereits soviel Zeit kostete.

    http://www.spukorte.de/html/kent_school.html

  3. randonneurdidier schreibt:

    auch wenn Beelitz schon „durchfotografiert“ ist. Dein Bericht macht mir Lust, demnächst dorthin zu fahren. Manno, es gibt noch viel zu entdecken in diesem lauen Spätherbst. Danke für die Anregungen

    • kreuzbube schreibt:

      Fotografen hoffen immer, etwas einfangen zu können, was noch keiner zuvor eingefangen hat. Ich hingegen bin nur ein Knipser und fahre da hin, einfach um da zu sein. Die Bilder dienen nur der Weitergabe des Erlebten und Inspiration anderer.

      Der Herbst scheint mir die passende Jahreszeit für den Besuch der Heilstätten und ich bin froh, dass ich das am Samstag noch mitgenommen habe. Allerdings fällt das Laub jetzt rasch, sehr bald werden die Bäume dort ganz kahl sein.

    • kreuzbube schreibt:

      … und wir werden da auch noch einmal hinfahren. Ich möchte einen Teil der immerhin 60 noch stehenden Gebäude mal von innen sehen, das muss sehr beeindruckend sein. Das geht allerdings nur mit Führung, denn man muss wohl aufpassen, wohin man dort tritt…

  4. carodame schreibt:

    „Fast hatte ich überlegt…“ ist großartig. Da „kriegst Du die Motten“ von. 😉
    Die Motten wünscht man Niemandem. Aber da hier ohnehin vorwiegend Rad gefahren wird, ist die Gefahr, in engen Verkehrsmitteln tuberkelreich angehustet zu werden, wohl eher gering. Aber Obacht. Nach Jahrzehnten noch, kann sich der Mottenfraß wieder in Gang setzen…
    Gesundheit!
    Beelitz ist inzwischen komplett hoch – und runter und durchfotografiert. Dennoch ein beeindruckendes Ensemble aus vergangener Architektur und Natur. In den OP würde ich gerne nochmal einen Blick werfen. Könnte auch einen Patienten mitbringen…

  5. ritzelflitzer schreibt:

    Ich warte auf den verbindlichen Aufruf zur Friedensfahrtmuseumstour. Wie er an diesem Tag beschlossen wurde. 😉

    • kreuzbube schreibt:

      Ich kümmere mich darum. Leider habe ich an den kommenden Wochenenden nicht stets Zeit und ein Samstag sollte es schon sein, damit der örtliche Metzger die Versorgung sicherstellen kann.

  6. tinotoni67 schreibt:

    Ja, wirklich fein war’s. Freu mich auf weitere gemeinsame verbindliche Termine.

  7. Twobeers schreibt:

    „Fast hatte ich überlegt zu kommen.“ ist immer noch meine Lieblingsformulierung…Vielen Dank für den Besuch in Berlin!

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