Auf Herz und Nieren

Oh, look out you rock ’n rollers
Pretty soon now you’re gonna get older
Changes, David Bowie
***

Als carodame nach zwei Stunden meinte, alle Anzeichen sprächen nun für restlos aufgebrauchte Glykogenspeicher, da musste ich ihr für den restlichen Weg nach Hause einen breiten, gut befahrbaren Feldweg und eine ebensolche Waldautobahn spendieren. Die Stimmung kann sonst durchaus kippen und das wollen wir ja nicht. Zuvor waren die Wege zu einem guten Teil solche, die entweder durch Forstarbeiten völlig zerstört waren oder sich erst gar nicht von Menschen und für Menschen angelegt zeigten, sondern einzig und alleine beliebte Routen von Wildschweinrotten und Pferden offenbarten. offroad eben. Da kann man sich auf dem Crosser bei winterlichen Temperaturen schon mal in kürzerer Zeit ziemlich verausgaben. Da ohnehin die Rahmenrohre, Umwerfer und Schaltwerk und sogar auch jeder Zug von einem dicken Panzer aus gefrorenem Schlamm überzogen waren, hatte sich das mit dem Schalten sowieso erledigt und es blieb ein Einheitstempo für den restlichen Weg übrig.

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Währenddessen scheiterte ein paar hundert Kilometer entfernt prieditis beim Versuch, den begehrten doppelten Punktgewinn für den ersten Bismackturm des Jahres 2016 und ein weiteres Vorrücken im Klassement der Unendlichen Rundfahrt zu feiern. Auch dort: Die Witterung, die Bodenverhältnisse, die Topographie. Sie vereitelten den finalen Anstieg und zwangen zur Rückkehr mit leeren Händen.

All das ist nicht ehrenrührig und da das hier nicht zuletzt der Blog für die wohlfundierten Ausreden ist, will ich gleich eine weitere liefern. Das geht ein wenig so wie beim letzten Mal, und deswegen verwerte ich erneut meine hübsche kleine Zeichnung, die den Abbau der Leistungsfähigkeit unseres Herzens grob umrissen hatte.

So ähnlich geht es uns nämlich auch an die Nieren. Auch wenn wir kerngesund sind, baut unsere Nierenleistung mit jedem verdammten Jahr um 0,7 bis 1 % ab. Über den groben Daumen gepeilt sind das ab dem 30 Lebensjahr zehn Prozent pro Jahrzehnt. Einfach so, aus Prinzip. Wem diese 10 Prozent noch nicht reichen, der kann sich Bluthochdruck zulegen, Gefäßverengungen bevorzugt durchs Rauchen und vielleicht parallel dazu Herzprobleme. Die Nieren werden übrigens mit zunehmenden Alter auch leichter, verlieren bis zu einem Drittel ihres Gewicht, die Durchblutung nimmt ab und die Filtrationsleistung ebenfalls.

Und das sind mal eben umrissen die Aufgaben der Nieren: Ausscheidung von Stoffwechselprodukten und Giftstoffen, Ausbalancierung des Wasserhaushalt, Blutdruckeinstellung und Regulation des Harns sowie des Elektrolythaushalts.  Man muss sich das ein wenig so vorstellen wie beim Aquarium. Der ganze Dreck wird rund um die Uhr angesaugt, schnorchelt durch den Filter und auf der anderen Seite kommt die Flüssigkeit sauberer wieder heraus. 

Und was man sich da alles einhandeln kann, wenn die Nieren nicht mehr so wollen, wie sie sollen: Diabetes, Gicht, Osteoporose und Arthritis, Infektionen und Entzündungen und -ganz schmerzhaft- Nierensteine. Lauter Sachen, auf die man gut und gerne verzichten kann, wie ich meine.

Der Arzt unsere Vertrauens empfehlt gegen diesen sowieso mit zunehmendem Alter eintretenden Abbau der Nierenfunktion einen gesunden Lebensstil und regelmäßigen Sport. Viel zu trinken sei sowie gut. An dieser Stelle sagt ihr euch wahrscheinlich: „Passt! Alles im Lot!“ und fragt euch, warum ich euch das überhaupt erzähle. Ganz einfach, es ist nämlich so: auch der Sport kann an die Nieren gehen. Forscher von der Berliner Charité haben 167 Teilnehmer des Berlinmarathons untersucht, deren Altersdurchschnitt bei etwa 50 Jahren lag. Fast die Hälfte von ihnen hatte nach dem Marathonlauf eine vorübergehend um 25 % beeinträchtigte Nierenfunktion. 13 % der untersuchten Personen wiesen gar eine Einschränkung von 50 % auf. Bis zu zwei Wochen dauerte es bei ihnen, bis die Werte wieder im unbedenklichen Bereich waren.

Und damit haben wir wieder was gelernt und auch etwas in petto, wenn uns in Momenten schönster Entspannung im Sattel mal wieder jemand in die Verlegenheit extremer Anstrengung, völliger Verausgabung und fehlender Erholungsphasen bringen will… nie waren Ausreden so wichtig wie heute, wo die 69 die große Hürde sind. So entlasse ich euch mit einem weiteren halben Dutzend, die ihr nach Bedarf im Zufallsmodus ausspucken könnt: 28 spokes! 28! … My contact lenses popped out! … Couldn’t clip in!

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13 Antworten zu Auf Herz und Nieren

  1. mark793 schreibt:

    Das ist natürlich alles richtig, und als Betroffener mit Nierenstatus G5 A4 (also ziemlich schlimm) kann ich sagen: Das bremst enorm. Allerdings habe ich mir das Problem auch nicht mit Überanstrengung auf dem Rad eingehandelt, von daher glaube ich sagen zu können, dass halbwegs sportliches Radfahren (von Ironmänern, Brevets oder Jedermann-Rennen rede ich hier nicht) nephrologisch gesehen eigentlich halbwegs unbedenklich ist. Wo genau die Grenze verläuft, ab der die Ausdaueranstrengung tatsächlich auf die Nieren geht, das wäre mal interessant. Aber da konnte mir im Nierenzentrum auch nicht so recht was sagen. Erwähnenswert finde ich in diesem Zusammenhang noch das Stichwort Bluthochdruck, denn einerseits zieht hoher Blutdruck auch die Nieren über kurz oder lang im Mitleidenschaft, und dann haben Nierenschäden auch die unangenehme Egenschaft, den Blutdruck in die Höhe zu treiben, da kann man dann in einer fatalen Schleife landen, und zwar umso schneller, wie man sich auf dem Rad zu sehr reinhängt, wenn man damit eh schon zu tun hat. Will sagen: Wenn man Kenntnis davon erlangt, dass der Blutdruck zu hoch ist und die Nieren nicht mehr richtig arbeiten, ist es tendenziell eher kontrapoduktiv, weiterhin Höchstleistungen aus sich herausholen zu wollen.

    • kreuzbube schreibt:

      Der Blutdruck, gut, dass Du ihn erwähnst, den hatte ich ganz vergessen. Das ist wirklich ein Teufelskreis. Der hohe Blutdruck geht auf die Nieren und die geschädigten Nieren sorgen ihrerseits wieder für zu hohen Blutdruck.
      Sport als solcher ist sicher nicht das Problem für die Nieren, ebensowenig wie für das Herz, ganz im Gegenteil. Probleme entstehen dann, wenn Begleitumstände hinzu kommen. Deshalb hatte ich in der Vergangenheit ja vorsorglich ’nen Herzcheck gemacht und beschrieben. Und da das Sprichwort von der „Prüfung auf Herz und Nieren“ spricht, sollte man letztere auch nicht stiefmütterlich behandeln.
      Wenn ich nun aber lese, dass (nicht mehr junge) Marathonläufer nach einem Wettkampf einen Rückgang der Nierenfunktion um bis zu 50 % zu verzeichnen haben und dass es eine Weile dauert, bis alles wieder im grünen Bereich ist, dann ist das doch ein Fingerzeig, dass man sich nach einem sehr anstrengenden Unterfangen ein wenig Bummeltempo gönnen darf.

      • mark793 schreibt:

        Absolut. Aber mir war auch schon vor dieser Gefäßgeschichte mit Nierenbeteiligung klar geworden, dass ich mich mehr im Lager der Genussfahrer sehe als bei den Radsportlern. So richtig angestrengt (im Sinne von ausgepowert) habe ich mich ja eher selten.

        Auf der anderen Seite sagte mir die Oberärztin im Nierenzentrum auch, ich könne froh sein, dass mich diese Geschichte in einem ziemlich fitten Zustand erwischt hat, das ganze (inklusive der Chemo) hätte mich andernfalls noch viel mehr gebeutelt.

      • kreuzbube schreibt:

        Wie gehst Du jetzt damit um? Kürzer unterwegs, weniger anstrengend? Eher flach statt Weltmeistersteigung? Alles zusammen? Räder verkaufen? 😉

      • mark793 schreibt:

        Weltmeistersteigung und noch steileres habe ich seit dem Sommer weitgehend gemieden. Zunächst haben meine Oberschenkel und Waden schon auf der Brückenauffahrt gebrannt, entsprechend bin ich eine ganze Weile nur flach gerollt, immerhin an einem guten Tag mal nach Roermond und zurück. Dann ganz vorsichtig paar mal die Halde und dann zwei, drei Hügel im Bergischen unter die Räder genommen und gemerkt, dass die >9-Prozenter mit vorne 39 und hinten 28 nicht mehr mein Ding sind. Mit kleineren Übersetzungen bin ich da und dort noch ein bisschen geklettert (Inselumrundung auf Gozo mit dem MTB ging grade noch so), aber im großen und ganzen bleibe ich lieber im Flachland und halte mich auch aus Gruppenausfahrten raus. Ist im Vorfeld immer sehr abzuschätzen, wie die Tagesform ist, manchmal komme ich nach schwachem Anfang noch ganz gut in den Tritt, andermal reicht es nur noch für AOK-Radsonntag-Niveau. Was aber immer noch besser ist als gar nicht fahren.

      • kreuzbube schreibt:

        Bei meiner Herzuntersuchung wurde parallel zur Herzfrequenz der Blutdruck gemessen. Vielleicht wäre es von Interesse zu wissen, wie sich beides zueinander verhält? Damit müsste man eigentlich so ungefähr ablesen können, wann die Belastung passend ist. Mit anderen zu fahren dürfte tatsächlich schwierig sein, wenn sich die Begleiter nicht komplett nach Dir ausrichten. Ich fahren hin und wieder mit einem Freund, der einen Herzinfarkt erlitten hatte. Da schaue ich nur danach, dass alles für ihn im grünen Bereich bleibt. Sobald aber eine Gruppe zusammenkommt, dürfte das kaum noch machbar sein.

      • mark793 schreibt:

        Eine allgemein gültige Umrechnungsformel gibt es dafür wohl nicht, und ich habe schon allein zum Thema Puls sehr divergierende Ansagen von Ärzten bekommen. Was im Endeffekt heißt, ich verlasse mich weitgehend auf mein Gefühl.

        Das sagt mir auch, lass das mit den Gruppenausfahrten bleiben, wenn Du nicht sicher bist, komfortabel mitfahren zu können. Das Wintertraining der Facebook-Gruppe war im gesunden Zustand bisweilen schon grenzwertig, da sind Leute am Start, die Jedermann-Renen fahren und zum Teil auch Ex-Profis, also ganz andere Liga. Die Winterschlampenparade von der Schicken Mütze sollte eigentlich noch im Rahmen sein, aber das weiß man auch nie so genau. Wenn da unkoordiniert gefahren wird, ist es selbst bei an sich gemäßigtem Tempo oft recht mühselig, Löcher zuzufahren. Muss ich auch nicht haben.

        Ich denke, die geplante Tour mit meinen Brüden könnte ganz lustig werden, einerseits habe ich meinen massiven Trainingsvorsprung krankheitsbedingt eingebüßt, andererseits werden die zeitbedingt bis zum Sommer auch nicht so viel trainieren können, um mir total den Allerwertesten abzufahren. Das könte also passen.

    • carodame schreibt:

      Die Grenzen sind auch individuell. Aber über die Nierenfunktion denkt der Sportler weniger nach, als über das Herz. Den Puls kann man selber fühlen, den Blutdruck selber messen(ja, wenn man oft genug misst, ist er dann auch hoch genug für den Notdienst…), die Funktion der Nieren lässt sich nicht so ohne Weiteres prüfen, von Teststreifen in der Hausapotheke mal abgesehen. Wenn keine hoher Blutdruck, keine Schmerzen vorliegen, wird zunächst kein Verdacht geschöpft. Herrn Mark hat es wirklich übel erwischt, aber die Nierenfunktion kann sich auch wieder erholen…

      Unbedingt vorsichtig sollte man mit der Einnahme von Schmerzmitteln, wie z.B. Ibuprofen vor starker sportlicher Anstrengung sein, da hierdurch ein erheblicher Schaden zugefügt werden kann. Ob im Sport wohl immer darauf geachtet wird, wage ich zu bezweifeln.
      Also Ü40 – aufgepasst!

      • kreuzbube schreibt:

        Die FAZ hatte mal ’nen Artikel „Volkssport Doping“, darin hieß es zur Verbreitung von Schmerzmitteln:

        “Beim Bonn-Marathon 2010 räumten von mehr als 1000 Befragten 60 Prozent den Konsum von Schmerzmitteln vor dem Start ein. Beim Boston-Marathon 2005 waren es 61 Prozent der Frauen und 54 Prozent der Männer. Diclofenac und Ibuprofen sind des Läufers liebste Helfer, im Training und im Wettkampf. Beliebt ist auch Tramadol, ein verschreibungspflichtiges Opioid-Analgetikum, das, über längere Zeit angewendet, süchtig macht. Genommen werden die Mittel prophylaktisch – um weniger Schmerz zu spüren während der sportlichen Anstrengung.”*

      • prieditis schreibt:

        Früher, bei der Ü-13, da gabs vor dem Handballtraining immer ein paar Strategen, die sich was von den Ü-17-Jährigen abgeguckt hatten. Statt warmlaufen ordentlich F*nalg*n auf die Muskulatur auftragen.
        Ich hingegen hatte bereits als 8-Jähriger Nierensteine und daher immer eine Ausrede parat ;o)

      • kreuzbube schreibt:

        Das Zeug kenne ich auch noch. Erst auf die Beine und dann die verschwitzten Augen reiben… Franzbranntwein war auch beliebt, ich weiß aber nicht mehr, warum. Das kam vorher und auch hinterher drauf. War gut für und gegen alles. Und Kältespray. Wenn man gefoult worden war. Draufgesprüht und es ging wieder. Hieß es. War bei mir aber irgendwie nicht so.

  2. traumradeln schreibt:

    Den ersten Teil kann ich gut nachvollziehen. Im zweiten Teil hast du die Realität ohne erhobenen Zeigefinger prima dargestellt. Radeln macht immer Spaß. Danke und Grüße.

    • kreuzbube schreibt:

      Erhobene Zeigefinger? Ich war stets der erste, dann genau das Gegenteil zu tun, wenn mir etwas nur genug Spass gemacht hat. Hier gibt’s nur eine Information, was jemand damit macht oder ob er was damit macht, ist alleine Sache des Lesers.

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