Pedalierende Primaten

affeMan muss sich auf dem Rad nicht zum Affen machen. Leider ist das bisweilen gar nicht so leicht zu vermeiden.  Ich frage mich ja seit Jahr und Tag, wie andere das so machen, wie sie scheinbar pausenlos im Sattel im Einsatz sind. Wie passt das alles unter einen Hut? Familie und Beruf; Haus, Hof und Garten; Hund, Katze, Maus. Haben die alle Bedienstete, die Einkäufe erledigen, die Besorgungen machen, die putzen, waschen und bügeln, die den Rasen mähen, Hecken schneiden, Zäune streichen? Macht das alles die Ehefrau und wenn ja, macht sie das zähneknirschend oder ist sie froh, wenn der Alte aus dem Haus ist? Und wie passen da Freunde und Bekannte mit hinein, die mit dem Radfahren wenig im Sinn haben? Von solchen Kleinigkeiten wie einem sonntäglichen Ausschlafen mal ganz zu schweigen.

Damit das bei uns alles auch nur annähernd zusammenpasst, müssen wir ein wenig jonglieren und die Dinge kombinieren. Weit entfernt wohnende Freunde sind in Weimar, die Gelegenheit für ein Treffen ist nah. Mit dem Rad dorthin aufzubrechen, lässt miteinander verbinden: Ein paar Stunden sportliche Betätigung, ein willkommenes Treffen, ein Bummel durch die schöne Stadt.

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Leicht gelingt das diesmal nicht, und daran ist das Wetter schuld. Entgegen der Vorhersage kommt eben nicht nur alle paar Stunden mal eine schnapsglasgroße Menge Regen als Schauer herab, sondern es regnet pausenlos. Nicht stark, aber stetig, bis kurz vor Weimar.

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Nicht lange, und wir sind schlammverschmiert und das verstärkt sich im weiteren Verlauf noch. Denn auf der sehr, sehr schönen Radroute entlang der Saale und durchs Ilmtal nehmen wir jede Schlammpassage mit, die Landmaschinen hinterlassen haben, und die nicht asphaltierten Abschnitte sind entsprechend aufgeweicht.

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Nun stört mich Regen normalerweise nicht sonderlich, dank moderner Kleidung fahre ich da ohne zu Murren stundenlang, solange es nicht auch noch kalt dazu ist. Diesmal macht mir das aber sehr wohl etwas aus, nämlich als wir mitten in Weimar ankommen und auf dem Markt stehen. Ein einziges Mal hat Frau Rekers bescheuerte Aufforderung, eine Armlänge Abstand zu halten, ihre Berechtigung. Nur, dass man das in diesem Fall keinem sagen muss. Denn uns will sowieso niemand zu nahe kommen. Von oben bis unten besudelt sind wir, und auch die Räder sind komplett von einer Schlammkruste überzogen.

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Rotbraun verschmierte Polster genitalbetonender Fahrradhosen recken sich pavianartig Freund und Feind entgegen. Die Rucksäcke sind Buckel aus Dreck auf unseren Rücken.  So stehen wir da, inmitten der Menschen, die flanieren, an Führungen teilnehmen, Schaufenster betrachten, in Cafés sitzen. Eine junge Frau steht vor ihrem Laden, schaut an uns hinauf und hinab, meint „für so ein Wetter gibt’s Schutzbleche“. „Du mich auch!“, durchzuckt es mich gedanklich, dicht gefolgt von „wo sie recht hat, hat sie recht.“

Eigentlich steht nun ein gemeinsamer Restaurantbesuch beim Italiener auf dem Programm, gefolgt von einem Stadtbummel, bevor wir Kaffee und Kuchen nehmen. Im Rucksack ist zu diesem Zweck eine Hose und eine leichte Jacke, auf dass ich mich wie ein leidlich zivilisierter Mensch unter die Menschen begeben kann. Im Rucksack fehlen indes – die Socken und die Schuhe. Mangels Schloss schleppen wir die völlig versifften Räder unbemerkt aufs Hotelzimmer der Freunde. Das Zimmermädchen wird am nächsten Morgen ein Trinkgeld bekommen. In einem Geschäft gegenüber (die anderen Kunden gehen in den engen Gängen auf Armlänge Abstand) kaufe ich zwei Paar dicke Socken. Die Radschuhe sind nach Reinigung im Waschbecken völlig sauber, aber auch völlig durchnässt, was Außenstehende aber wenigstens nicht sehen. Sockenpaar Nr. 1 bringt mich durchs Mittagessen, bevor sie durchnässt sind. Anschließend kommt Paar Nr. 2 ins Spiel. Alles in allem geht das ganz gut und unser Auftritt ist nicht völlig unwürdig. Dennoch, Ein Gentleman rennt nicht, es sei denn auf der Flucht und lauter solche Sachen gehen mir zur Sinnfrage unserer sportlichen Betätigung durch den Kopf. Warum zum Teufel mussten wir unbedingt so sportiv nach Weimar gelangen? Vor allem, wo doch der Fuhrpark Räder mit Schutzblechen aufweist, wenn es schon die Anreise per Velo sein musste. Uncooler als so ein nässetriefender Dreckspatz kann man mit Schutzblechrad gar nicht aussehen. Auf dem Rückweg im Zug legt sich das alles wieder, draußen scheint die Sonne und wir denken daran, wie schön man doch jetzt eigentlich mit dem Rad zurückfahren könnte… Es ist also alles gut. Ich werde nicht alle Räder verkaufen, sondern mich nur von denen trennen, die ohnehin noch weg sollen. 

Dann bin ich allerdings verdattert. Da haben doch welche… das Motto…

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Mit dem Auto sind sie gefahren, zunächst aus Leipzig kommend und später nach Leipzig zurück.  Dazwischen vom Dom in Merseburg im Corso bis zum Dom nach Naumburg. 50 km. Mit dem Auto. 50 km.

***

edit: Diesen Hinweis auf lediglich 50 km mit dem Auto, den hätte ich mir auch verkneifen können… so von Motorsportler zu Motorsportler gesprochen… Der französische Fernsehsender Stade 2 sowie der italienische Corriere della Sera haben gestern berichtet, wie sich der Radsport komplett zum Affen macht. Mittels Wärmebildkamereas sollen sieben Fahrer bei den Profirennen Strade Bianche und Coppi e Bartali von den Reportern mit Elektromotoren erwischt worden sein. Auch mit einem ungarischen Ingenieur haben die Journalisten gesprochen, der die Radsportler mutmaßlich mit der benötigten Technik versorgt. Der aktuell nur noch fünf Zentimeter große neueste Motor versorge das Tretlager mit bis zu 250 Watt. Die teurere Variante sei eine Carbonfelge, in die scheibenförmige Neodymium Magnete eingearbeitet sind, die nur mit einem starken Magnetfelddetektor entdeckt werden könnten. Mit 50.000.- EUR schlage eine solche Felge zu Buche, weshalb sie nur  für eine „very limited number of athletes“ verfügbar sei.

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9 Antworten zu Pedalierende Primaten

  1. kid37 schreibt:

    Auf Ihrem Avatar-Bildchen sind Sie aber sehr vorzeigbar gekleidet. Wie so ein Rad-Gentleman! Vielleicht sollte man in touristisch erschlossenen Innenstädten auch einen Promenierklamottenverleih bereitstellen. Ähnlich Spielcasinos, wo man eine Krawatte oder Opernhäuser, wo man einen Frack leihen kann.

    • kreuzbube schreibt:

      Direkt an den Fahrradständern angebracht die Aufforderung „Black Tie!“, das wäre mal was. Ich kann aber zumindest versichern, dass ich meine Alltagswege mit dem Rad nicht mit der Anmutung „Sehet her, ich bin ein Rennradfahrer!“ zurücklege. Also, meistens jedenfalls nicht…

  2. prieditis schreibt:

    ungarn, italien… 250 watt…
    der bundesforschungsminister unterstützt ein projekt deutscher ingenieurskunst, da stehen 500 watt und 120 km/h (stich!) zu buche

    http://www.vdi-nachrichten.com/Technik-Wirtschaft/Transrapidantrieb-in-Felge-Schutzblech-eingebaut

    ich hatte da mal im februar, anlässlich der querfeldein-wm…

    https://prieditis.blogger.de/stories/2566046/

  3. kreuzbube schreibt:

    Gerade lese ich von Vorbehalten in der Gastronomie gegen die Kleidung von Radfahrern. Das Plough Hotel in Rangiora, North Canterbury, verlangt von den Frühstücksgästen fortan, dass diese Hosen tragen – womit keine Lycra-Radhosen gemeint sind, denn die sind dort künftig tabu. Solche Radhosen seien unpassend, denn beim Essen wolle man doch die Würstchen nur auf dem Teller sehen.

  4. prieditis schreibt:

    Nun, wie man das unter einen Hut bekommt, dazu hörten wir ja damals, bei der Apelstein-Aktion bereits die unumstößliche Meinung des Volkes.
    Ich zitiere: „Wir fahren mit dem Rad die Apelsteine ab und…“
    – „Dann seid ihr arbeitslos!?“ ;o)

    • Kreuzbube schreibt:

      Exakt das kam mir auch mal wieder in den Sinn! Wie für ihn nach dem Halbsatz schon alles klar war. Unumstößlich klar. Fahrradfahrer, Freitagvormittag, Gedenksteine suchen. Das müssen Taugenichtse sein.

  5. crispsanders schreibt:

    Im Trabant cabriolet können 50km verdammt lang werden . . .

    • kreuzbube schreibt:

      Da waren eher Ferraris, Porsches, Alfa Romeos usw. unterwegs. Im Bild ist das einzige Ostfahrzeug, wenn ich mich recht erinnere, ein Skoda Felicia Cabriolet. Ich habe aber schon Abbitte geleistet und angesichts der endgültigen Entwicklung des Radsports zum Motorsport den Artikel ergänzt.

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