Het is hier goed fietsen

Life could be oh so sweet
If I was a bicycle seat
Ride, ride limbo treat
sit on me, I’m a bicycle seat
Bicycle Seat, Jango Edwards
***

Eisheilige, was? Gut, dass wir vor einer Woche schon in den Niederlanden unterwegs waren. Da war es nämlich 25° C warm, bei blauem Himmel und viel Sonnenschein. 

vrouw in ligstoel, guido metsers, 2004

Wenn man in Amsterdam mit dem Rad als deutscher Tourist auffallen will, dann trägt man einen Helm. Das macht dort nämlich keiner.

amsterdam

Auch in anderen großen Städten nicht, ob in Arnhem oder Eindhoven oder sonstwo. Nicht in Kleinstädten, nicht in Dörfern und auch nicht dazwischen. Die einzigen, die Helme tragen, sind Rennradfahrer bei Trainingsfahrten. Sonst: Niemand. (Will man noch mehr als Tourist auffallen, dann fährt man in der Stadt mit Radsportkleidung herum. Auch das macht da nämlich keiner.)

het is hier goed fietsen

Aber wozu auch Helme? Die Niederlande machen es von Nord nach Süd und von Ost nach West und in jedem Winkel des Landes klar, wie Verkehrswege für Radfahrer gestaltet sein können, wenn man das nur will.

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Da gibt’s keine Ausflüchte und keine Ausnahmen. Nahezu jede Straße hat ihren Radweg. Sofern man überhaupt die Straße mit dem Autoverkehr teilen muss. Nicht selten ist der den Radfahrern vorbehaltene Teil der Straße genauso breit wie der Streifen, der den Autos verbleibt.

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Oder die ganze Straße ist kurzerhand nur für Radfahrer reserviert und vorsorglich dennoch mustergültig und flächig mit roter Farbe markiert.

IMG_5042

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Bisweilen trennen gepflasterte und betonierte Erhöhungen die Fahrbahnen, auch von den Fußgängerwegen. Vereinzelt werden zwecks Abtrennung der Fahrbahnen auch dicke Holzpfosten im Boden versenkt. Die knicken nicht um, wenn der Autofahrer versehentlich (oder auch absichtlich) dagegen fährt. 

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Über viele, viele Kilometer hinweg wird allerdings einfach alles komplett voneinander getrennt. Es gibt Straßen, die einzig und alleine den Rädern vorbehalten sind. Es gibt Gegenden, in denen man auch Rad- und Fußwege so separiert, dass sich Spaziergänger und Radfahrer nicht ins Gehege kommen können. 

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Radwege über innerstädtische Brücken und Seebrücken? Entlang von Bundesstraßen? Selbstverständlich.

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Fähren, die in der Stadt gratis einen Radweg mit dem anderen verbinden? So geht Service am Bürger.

fähre

Nachdem ich mir das über ein paar hundert autofreie Kilometer hinweg anschauen konnte, habe ich den Helm abgenommen. Ist das herrlich! So wie früher, der Wind fährt durch die Haare und auch wenn so ein Helm ja leicht ist und kaum auffällt, so  merkt man erst nach der Abwesenheit von Deckel und Riemen ums Kinn, dass der Helm doch diese freie Gefühl der Bewegung in Wind und Sonne ein Stück weit wegnimmt. Aber mal Hand aufs Herz: Was soll ich hier mit einem Helm?

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Nichts begegnet uns, womit wir eine ernsthafte Kollision eingehen könnten oder was einen Sturz befürchten ließe. Stundenlang nicht. Denn auf ausschließlich den Rädern vorbehaltenen Abschnitten der Radfernwege geht das dann sogar so weit, dass es in den Kurven durchgezogene Linien gibt, damit keiner auf die Fahrbahn des Gegenverkehrs fährt.

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Weil das so ist und weil und darüberhinaus die Autofahrer den Radfahrern äußerst rücksichtsvoll begegnen, bleibt umso mehr Gelegenheit, sich links und rechts umzuschauen, auf dem Weg einmal um die halben Niederlande. Dort gibt es die Ronde van Nederland, und auf der sind wir unterwegs. Sie ist das Pendant zu Belgiens Vlaanderen Fietsroute, die prieditis und ich im vergangenen Jahr und im Jahr davor gefahren sind. Nun ist die Ronde van Nederland mit 1300 km allerdings ein ganzes Stück länger als die Vlaanderens fietsroute und für vier Tage ist mir das natürlich deutlich zu viel. Wie neulich schon erwähnt, wir machen (Kurz-)Urlaub, und da muss ein wenig Zeit für Land und Leute bleiben, weshalb wir nur die halbe Runde, um die südliche Hälfte der Niederlande, gefahren sind. Wie das dort aussah, das verrate ich im zweiten Teil noch. Für heute belasse ich es bei der Erwähnung und Bebilderung vorbildlichen Radinfrastruktur.

Zuhause allerdings, am Tag nach der Rückkehr, setze ich den Helm sofort wieder auf. Zu meinem Autoschrauber muss ich, das Automobil abholen, und auf den 35 km dorthin gibt es keinen einzigen Meter Radweg und alles in allem etwa zwei Kilometer Feldweg, auf denen die Durchfahrt für PKW verboten ist. Dafür muss ich fünf Kilometer die Bundesstraße entlang fahren, auf der die motorisierten Verkehrsteilnehmer mit 100, 120 km/h an mir vorbeiziehen. Ein alternativer Weg böte zwar enorme 6 bis 7 Kilometer Radweg, der allerdings aus Schotter besteht und mir im Anschluss eine Stadtdurchquerung abverlangt, wodurch es alles in allem deutlich länger dauert. Wie gesagt, wenn man will, dann geht das mit den Radwegen. In Deutschland will man offenkundig nicht oder nur sehr zögerlich und regional unterschiedlich stark ausgeprägt.

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5 Antworten zu Het is hier goed fietsen

  1. kid37 schreibt:

    Es kommen einem fast die Tränen, wenn man sieht, was Wille machbar macht. Hier in Hamburg nur Gekeife um ein paar halbherzige Radstreifen. Das dauert alles noch.

    • kreuzbube schreibt:

      Die haben auch sowas hier, wenn mal ein Stück vom Radweg repariert werden muss. Umleitungsschilder extra für Radfahrer:

      Hier hingegen ein typisches Beispiel in Deutschland (konkret: Sachsen-Anhalt) wo jede Menge Platz für Auto- und Radwege wäre, wenn man wollte. Stattdessen herrscht völliges Desinteresse, irgendetwas zu ändern und die Leute in der Stadt müssen mit ihren Fahrrädern über schlimme Katzenköppe rumpeln. Es hängt auch ein Transparent am Ortseingang: „25 Jahre deutsche Einheit. Wo bleibt der versprochene Radweg?“

  2. Andreas Gutsche schreibt:

    Hallo Andreas,eigentlich müsste der Bericht gleich an das Sächsische Bau-und Verkehrsministerium weitergeleitet werden. Damit die Entscheidungsträger sehen wie es geht.
    Die Autolobby ist viel zu stark und verhindert immer wieder Radfahrerfreundliche Projekte.
    Siehe Dresden.

    • kreuzbube schreibt:

      In den Niederlanden fahren sie ja nun aber auch Auto. (Dort sieht man zudem richtig schöne Raritäten.) Gegen Radwege entlang allen Landstraßen wird auch kein Autofahrer etwas haben, ganz im Gegenteil. Daran wird es also nicht alleine liegen. Dass man vorhandene Radwege nicht auffällig rot markiert, verhindert auch kein Autolobby, sondern schlicht Desinteresse.

  3. randonneurdidier schreibt:

    Ein Bericht aus und über ein Radfahrer-Paradies. Schön, dass es so etwas gibt. Und geradezu peinlich, dass wir uns in Deutschland so schwer damit tun. Im Juli werde ich zusammen mit zwei Freunden die „Dutch-Capitals-Tour“ in Angriff nehmen. 1425 km in max. 110h. Das wird ein Radwegetest der Sonderklasse.

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