Schnee auf der Marmolata

Schnee auf dem Kilimandscharo ist wohl Hemingways bekannteste Kurzgeschichte und darin erzählt er von Harry, der Wundbrand hat. Und Harry erzählt von sich, erzählt von seinem ersten, dem wahrhaftigen Leben, und von seinem zweiten, dem Leben der Lüge; er erzählt davon, wie er stirbt, weil er das Jod vergessen hat, dort am Fuß des Kilimandscharo, als ein simpler Dorn für eine Entzündung in einem Bein sorgte. Er erzählt von seiner Frau, der Frau nach vielen anderen Frauen. Er zankt mit ihr, während er da auf seinem Lager liegt und der Tod in Schüben über ihn komt. Er verletzt sie, dann gleitet er wieder zurück in die gewohnte Lüge, bittet sie um Verzeihung, schiebt seinen Zustand vor. Harry erzählt von den Geiern, die den Tod wittern und näher kommen ans Lager, wo seine Frau und die Helfer ihn versorgen, wo das Auto nicht mehr fährt und sie auf das Fluhzeug warten, das nicht kommt. Er erzählt von der Hyäne und den Lauten, die sie macht, wenn sie nachts wartend um das Lager streicht. Und dann schläft Harry ein, unter seinem Netz, und seine Frau sieht, dass er sein Bein heraushängen lassen hatte und sie kann nicht hinschauen, als sie die Hyäne verschwinden sieht, die nun ganz andere Laute macht.

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Das Bein war es nicht, aber der Arm hing in den Stunden zwischen Schlaf und Wachsein aus meinem Bett heraus und er pochte und brannte. Die Hyäne verflüchtigte sich mit dem Wachwerden, jede Spur von ihr wurde vertrieben vom beruhigenden Blöken der Schafe, vom Gebimmel der Kuhglocken und vom lauten Schreien der Esel, das über die Berghänge hallte. Immer gleich fing das an. Zuerst ein asthmatisches, pfeifendes Luftziehen, dann ein lautes „I-Aahh“ gefolgt von mehreren, ungemein kräftigen „Ahhh“.

Außer von der Hyäne war auch vom Wundbrand keine Spur, und das lag an der medizinischen Versorgung nach dem Sturz. Ein halbes Dutzend Dolomitenpässe war ich zuvor heil hinunter gekommen und ausgerechnet auf einem flachen Radweg im Pustertal verlagert sich mein Körper dorthin, wo er naturgemäß nichts zu suchen hat: über den Lenker und dann auf den Asphalt davor. Bein auf, Arm auf, Hüfte geprellt, Ellbogen geprellt. Das sofortige Durchbewegen aller Gliedmaßen eröffnet, dass wenigstens nichts Größeres gebrochen sein dürfte. „Vielleicht eine Absprengung des Radiusköpfchens“ meint carodame noch, nichts weiter Schlimmes sei das. Mich beruhigt das nicht ganz, auch nicht die Feststellung zwei Tage später, dass das jetzt doch aussehe wie ein Schusswunde und an zwei tiefen Stellen wohl Narben zurück blieben. Aber die Versorgung, die war top und falls jemand ein ähnliches Schicksal erleidet, es kann helfen, nicht nur zu wissen, womit man die Reifen flickt. 

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Wasser, als erstes braucht man Wasser. die Wunde muss gesäubert werden. Wer kein Wasser dabei hat, sucht schleunigst welches. Wenn man Glück hat, muss man dazu nicht mehr gar so weit fahren, bei uns war es eine halbe Stunde. In der Notfallaufnahme schrubben sie mit einer Bürste den Dreck aus der Wunde, mit irgendwas muss man sich also behelfen, um mit viel Wasser alles loszuwerden, was nicht in der Wunde drin bleiben sollte. Der Fahrer eines Wohnmobils hatte Reinigungstücher, die waren für diesen Zweck sauber genug. 

Desinfektionsmittel: Eine kleine Sprühflasche Octenisept sollte zur Hand sein für die Erstversorgung. Gaze, und zwar salbengetränkte, besorgt man sich in der Apotheke. Sie wird gebraucht, um die Wunde abzudecken, wer will schon nachts das Bett von Ferienwohnung oder Hotel mit Blut vollschmieren? Salbengetränkt ist die Gaze, damit man sie am nächsten Tag abziehen  kann – ohne die Haut. Eine trockene Gaze würde in der Wunde festkleben, man reißt damit alles wieder auf beim Verbandswechsel. Über die Gaze kommt eine Kompresse, die besorgt man ebenfalls in der Apotheke. Ebenso die Binden, mit denen das Ganze umwickelt wird. Später braucht man dann noch eine keimtötende Wundsalbe und trockene Gaze.

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An die Wunde sollte dann immer mal Luft, allerdings sollte sie nicht der brennenden Sonne ausgesetzt werden, also macht man den Verband ab und wieder dran und wieder ab und… Bliebe die komplett salbengetränkte und damit feuchte Gaze lange Zeit auf der Wunde, würde sie alles wieder aufweichen. Je nach Zustand der hässlichen Angelegenheit trägt man daher partiell Salbe auf eine trockene Gaze auf und bringt das dann auf die Wunde auf. Ansonsten wie gehabt, Kompresse drüber und umwickeln. Aber nicht zu fest, der Arm/das Bein soll ja nicht weiter anschwellen, als er das ohnehin tut. Gegen die Schwellung besorgt man sich Kältepacks. Auch die gibt’s in der Apotheke und es offenbaren sich die Wunder der Chemie. Ohne, dass sie vorher im Gefrierfach waren, zaubern sie Kälte herbei. Man drückt kräftig in der Mitte drauf, im Innern bricht etwas, und sofort wird es kalt.

Je nach betroffener Stelle empfiehlt es sich aus naheliegenden Gründen, den Arm in etwas gebeugten Zustand zu verbinden. Ist der Arm gestreckt und man beugt ihn dann später nach einer gewissen Heilungsdauer, dann zieht das ziemlich fies, weil’s die Haut auseinanderzieht. Also beugt man den Arm lieber vorbeugend, dann wird die neu heilende Haut spannungsmäßig entlastet, wenn man den Arm gerade macht. Besser als umgekehrt.

Nur damit ihr Bescheid wisst, der Hyäne wegen, ob am Fuße des 6000 Meter hohen Kilimandscharo oder  an der über 3300 Meter hohen Marmolata.

PS: Ich habe fast vergessen, dass ihr natürlich unbedingt wissen wollt, wie das passiert ist. Auf einem der wenigen Radwege war’s, flach an der Rienz entlang, der mit reichlich Wasser gurgelnden Kulisse für unsere Rückfahrt Richtung Bruneck, Richtung Espressi und Tramezzini. Am Ausgang einer leichten Kurve werde ich schlagartig gestoppt und bewege mich ohne Rad an carodame vorbei. Komisch, wie so ein Verstand funktioniert (oder auch nicht).  Man liegt da und hätte eigentlich allerlei andere Sorgen, doch in diesem Moment herrscht einzig und alleine der dringende Wunsch vor herauszufinden, was da verdammt noch mal gerade passiert ist.  Ich humple ein paar Meter zurück und finde des Rätsels Lösung. Eine zehn Zentimeter hohe Kante war im Weg, einfach so, mitten auf dem Radweg. Als hätten zwei Baukolonnen sich auf einander zu bewegt und sich beim Asphaltieren ein wenig verfehlt.

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13 Antworten zu Schnee auf der Marmolata

  1. Hallo! Ich hoffe, das schlimmste ist vorbei! Gute Rest-Genesung!

    • kreuzbube schreibt:

      Im Großen und Ganzen ist äußerlich alles wieder verheilt. Zwei kleine Narben am Ellbogen, das war’s. Dumm ist nur, dass das der nächste Sturz auf die ohnehin malade Hüfte war. Ich werde mal wieder Frau Doktor und Fau Physiotherapeutin bemühen.

  2. Pingback: Eigentlich… | G i p s r a u m

  3. Anneke schreibt:

    Da lehne ich mich, nach einem MTB-Wochenende im Solling, entspannt zurück um den zweiten Urlaubsbericht zu lesen, und dann sowas! Dabei habe ich doch grad ein Sporthotel im Karwendel gebucht…! Am 15.08 geht es los. Soll ich vorsorglich bei der Apotheke einkaufen gehen? Danke schon mal für die guten Tips zur Wundversorgung, sehr schön beschrieben. Wünsche gute Besserung!

    Achsoja, und melde Bismarckturm Höxter 😉 Bild folgt.

    • kreuzbube schreibt:

      Besten Dank für die Genesungswünsche. Die Hüfte ist mehr oder weniger rückstandslos verheilt. Der Arm leider noch nicht ganz, wird aber.

      Apotheken wird es auch im Karwendel geben, da habe ich wenig Bedenken… 😉
      Was ich für Fahrradurlaube aber immer einpacke, ist eine kleine Sprühflasche Wundesinfektionsmittel, Nach der Reinigung der Wunde bringt mich das über die Zeit, bis ich alles in der Apotheke besorgt habe.

  4. tinotoni67 schreibt:

    Schnelle Wundheilung wünscht Toni! Wir hatten gerade ein wunderbares Abenteuer in der Sächsischen Schweiz. Mit 25 mm matschige Wurzeltrails rauf und runter. Schotter, tschechische Straßen etc. sind alle wieder heil in Berlin gelandet.

    • kreuzbube schreibt:

      Gerne würde auch ich wieder Rad fahren. Doch il signore Duebirre mahnte bereits, ob das bei mir noch eine gute Idee sei…? Und nachdem auch carodame ein paar Tage später durch Fremdeinwirkung weit schwerer angeschlagen wurde, hat er vielleicht nicht unrecht. Als Selbständiger kann man sich ja nicht krank melden und bekommt seinen Lohn weiter. Nur die Kosten fürs Geschäft, die laufen weiter…

      • tinotoni67 schreibt:

        Wo ist der Gefällt mir nicht Knopf? Gute Besserung Euch Beiden. Dann halt erstmal nur spazieren mit dem Hund bis der Körper und der Doktor wieder sein OK gibt

    • carodame schreibt:

      Profis eben!
      Wunderbaren Sommer, egal wo und Dank für die Wünsche.

  5. kid37 schreibt:

    Mann, Mann, Sie machen Sachen. Bitte alles schön zusammenschrauben und den kompetenten Anweisungen folgen. Offenbar sind Fahrradflicken nicht Mittel der Wahl. Ebenfalls Bitte um baldige Wiedervorstellung. Gute Besserung!

    • kreuzbube schreibt:

      Danke!

      Messner meint, wenn der Tod nicht als Möglichkeit im Spiel sei, sei die Erfahrung nichts wert. Joop wiederum meint, er fahre dauernd mit dem Fahrrad herum und stürze regelmäßig; eine geistige Ernüchterung, die er genieße. Ich halte beides für bescheuert.

      Beim kleinen K. (2 1/2), der derzeit wieder ein paar Tage bei uns weilt, kann ich aber enorm punkten: Er hat noch nie so ein großes „Aua“ gesehen. Ihn beschäftigt das nachhaltig.

  6. twobeers schreibt:

    Das ist wieder ein ganz wunderbarer Bericht, leider ist der Anlaß nicht ganz so schön. Ich hoffe auf vollständige Genesung!

    • kreuzbube schreibt:

      Schön sieht vor allem der Arm noch immer nicht aus, aber so lange ich nicht irgendwo damit anstoße, ist alles gut. Ich bräuchte aber ne neue Mütze, hatte nämlich keinen Helm auf… Was sollte schon passieren, da auf dem ebenen, breiten, kaum befahrenen und von der Straße getrennten Radweg…?

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