La Hanka

Wenn man so losfährt, dass man am Ziel zeitig genug ankommt, damit noch eine dreiviertel Stunde Zeit ist, um in Ruhe etwas zu essen und zu trinken, bevor es losgeht, und man dann stattdessen den Start sogar verpasst, dann kann das verschiedene Ursachen haben: Die Form stimmt nicht. Das Wetter stimmt nicht. Der Weg stimmt nicht.

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Oder es kommt alles zusammen. Obwohl, am Weg lag es am wenigsten. Ich bin die Strecke ja im vergangenen Jahr schon mal gefahren und hatte sie daher mehr oder weniger im Kopf. Mit der Annahme eines Formtiefs kommen wir der Sache schon näher, und wenn wir vom Wetter reden: Das hat die schlechten Beine des kreuzbuben schonungslos offengelegt. Die Route führte strikt in eine Richtung und genau von dort kam unerwartet starker Wind. Der eine oder andere kennt vielleicht die Videos von Robert Förstemann … Sechzich!… Dreiunsechzich!…. nah komm, hopp! fünfunsechzich… Hopp-Hopp! Ich hingegen habe bei meiner Fahrt gegen den Wind so in etwa die Kehrwerte zu Förstemanns Zahlen gebildet… Neunzehn!… Achtzehn!… Sechzehn!… Leck‘ mich doch

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Wie gesagt, ich kam also eine Viertelstunde zu spät an in Gera, wo sie auch heuer wieder das Après Tour Rennen durch die Innenstadt veranstaltet haben – was man gar nicht genug loben kann in Zeiten, in denen allerorten die Radrennen sterben.

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Es ist schon eine merkwürdige Sache. Alle Welt kauft sich Rennräder, verkleidet sich als Rennfahrer, palavert darüber, wie die Profis das machen, aber wenn es darum geht, mal vor Ort Präsenz zu zeigen und auch die heimische Wirtschaft am Getränke- und Bratwurststand zu unterstützen, dann ist es mit der Leistung nicht weit her. Ich war ja im vergangenen Jahr schon in Gera, außer mir schaute sich noch ein zweites von 100 Mitgliedern unseres Radsportvereins das mit Tour de France-Fahrern gespickte Profirennen an. Dieses Jahr wollte von den Radsportkollegen wohl gar keiner den Weg von Leipzig nach Thüringen machen. 

Verpasst haben sie:

Das Profirennen auf einem 50 mal zu fahrenden, 1,4 km langen Rundkurs durch Gera.  Die Augen aller ruhten natürlich auf André Greipel vom Team Lotto-Soudal, der zuletzt die spektakulärste Etappe beim größten Radsportereignis der Welt gewonnen hat, nämlich die Sprintankunft auf der Avenue des Champs-Élysées in Paris. 

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In einem rasanten Rennen gab es auf den 70 Kilometern ständige Ausreißversuche, Tempoverschärfungen und immer neue Rennsituationen.

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Am Schluss fehlte André Greipel eine Sekunde, um ganz oben auf dem Podest zu landen. An diesem Nachmittag hatten zwei andere die Nase vorn. Jascha Sütterlin von Team Movistar wurde Zweiter, den Sieg holte sich im Schlussspurt Nils Politt vom Team Katyusha.

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Das Sprintduell Radsprinter vs. Speedskater. Beliebt wie im vergangenen Jahr war auch diesmal das Duell von Robert Förstemann gegen einen Skater. War es im vergangenen Jahr Tobias Hecht, so nahm diesmal Toni Deubner die Rolle des Herausforderers auf den acht Rollen an.

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Drei Läufe über 80 Meter wurden ausgetragen. Im ersten Lauf hatte Robert Förstemann deutlich das Nachsehen. Skater Toni Deubner kam viel schneller und besser ins Rollen und konnte sein Tempo bis ins Ziel durchhalten.

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Das schien „Quadzilla“ Förstemann gewurmt zu haben, denn im zweiten und dritten Lauf zeigte er, wo der Hammer hängt und raste jeweils als Erster über die Ziellinie.

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Der Robert Förstemann ist übrigens im Interview ein ganz unterhaltsamer Typ. Sein härtester Gegner sei nicht der Gepard gewesen, gegen den er mal antrat, sondern der Toaster. Aber was es damit auf sich hat, dürft ihr selbst herausfinden.

La Hanka

Das eigentliche Highlight des Tages: Der Abschied von Hanka Kupfernagel (42). Alle ihre Erfolge der letzten Jahrzehnte aufzuzählen, würde viel zu lange dauern. Ich kürze das ab, keine hat so abgeräumt wie sie. Neben 18 WM-Medaillen stehen 35 Deutsche Meisterschaften, Olympia-Silber und drei Jahre als Nr. 1 der Weltrangliste auf der Straße in ihrem Palmarès. Auch anlässlich des Rennens in Gera wurde immer wieder betont, dass sie DIE Radsportlerin Deutschlands überhaupt ist. Für mich ist die Beschränkung auf die weiblichen Sportler unnötig, denn auch unter den Männern gibt es kaum einen, der eine solche Titelsammlung aufweisen kann. Wäre sie einer, nämlich ein Mann, dann wäre sie auch in der Öffentlichkeit der Superstar des deutschen Radsports gewesen. So lange so gut, so lange in der Spitze, das macht ihr so schnell niemand nach.

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In Gera also gab sie ihren Abschied von der Straße. Fortan möchte sie nur noch mit dem Mountainbike aktiv sein. Auch da weiß sie, wie es geht. 2015 hat sie beim Cape Epic, dem härtesten Mountainbike-Etappenrennen der Welt, ihr Debüt gegeben und ist auf Anhieb Vierte geworden. Für ihren Abschied auf Asphalt hatte sie ca. 60 Weggefährten, Freunde und Verwandte zu einem letzten Rennen eingeladen. Mit dabei waren unter anderem Radsportgrößen wie Olaf Ludwig, Mario Kummer und Olaf Pollack und auch ihr Bruder Stefan, die alle zeigten, dass sie noch Rad fahren können.

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Mit einem Schnitt von 35 km/h fuhr das aus aktiven und nicht mehr aktiven Männern und Frauen aller Altersklassen bestehende Feld 25 Runden.

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Ein paar Runden vor Schluss war die Lücke zwischen der Führungsgruppe und der Gruppe mit Hanka Kupfernagel so groß geworden, dass ich mich schon fragte, ob da etwa jemand nicht weiß, was sich gehört…

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Dann setzte sich André Greipel, der sich bis dahin hinter dem Feld entspannt plaudernd die Beine gelockert hatte, an die Spitze der Verfolger und fuhr Hanka dort hin, wo sie hin gehörte: An die Spitze und hinein in den Regen aus Goldkonfetti, der sich beim Überqueren der Ziellinie über sie ergoss.

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Meine am Vormittag noch etwas getrübte Stimmung ob der misslichen Anfahrt war da längst verflogen. Es war schön, dabei gewesen zu sein und Hanka im Laufe der Jahre ein paar Mal gesehen zu haben. Hanka Kupfernagel – Tolle Sportlerin, tolle Frau! Eine wie sie wird es wohl nicht noch einmal geben.

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9 Antworten zu La Hanka

  1. ach… frau kupfernagel… eine ausnahmeerscheinung… hatte das glück, sie einmal live und im rennmodus – zwar schon am ende ihrer karriere – in einem cyclocross-rennen (stadl-paura, oberösterreich; 2013 müsste das gewesen sein) zu sehen… schon was besonderes, solche stars mal „in action“ zu sehen…

    • kreuzbube schreibt:

      Bei uns vor Ort ist sie 2012 bei den Deutschen Meisterschaften auf der Straße und beim Zeitfahren angetreten (dort gestürzt), als es um die Olympiaqualifikation ging. 2015 war sie vor den Toren der Stadt bei den Deutschen Meisterschaften im Cyclocross dabei – mehr oder weniger untrainiert Vierte geworden, nachdem sie sich zuvor während der Saison mehrere Rippen gebrochen hatte.
      Übrigens, sie hatte in Gera am Rennrad die Eggbeater-Pedalen vom Crosser montiert und sogar die Zusatzbremshebel.

  2. prieditis schreibt:

    Trägt der Förstemann etwa Sandalen?!?

  3. kreuzbube schreibt:

    „Hanka Kupfernagel – A spectacular ride“

  4. kid37kid37 schreibt:

    Da drüben konnte man leider nicht kommentieren, dabei finde ich das Bild mit dem blauen Pfeil-Verkehrsschild so nett. Und so ein „La Hanka“ auf dem Steuerkopf hat auch was.

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