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leunahaupttorplatz 3

Na gut. Wir sehen hier den größten Platz in Leuna, am Samstag im größten Wochenendtrubel gegen 13:00 Uhr.

Leunahaupttorplatz

Damit ich mein Rad in dem Durcheinander wiederfinde, habe ich es vorsorglich mit einem großen Pfeil markiert.

Leunahaupttorplatz_2

So „belebt“ sieht das da in drei Himmelsrichtungen aus. In der vierten steht dann der Grund für die Existenz dieses Orts, was auch dessen Charakter erklärt, nämlich den der Gartenstadt.

IMG_6150Ich räume ein, „100 Jahre Gartenstadt“ klingt erst einmal etwas merkwürdig, wenn es um einen der bedeutendsten Chemiestandorte Deutschlands des zurückliegenden Jahrhunderts und der Gegenwart geht. Allzu weit möchte ich nicht ausholen, ein paar Schlaglichter sollen genügen: 1916 beginnt die Errichtung der chemischen Werke  Badischen Anilin- und Sofafabrik,  Ammoniakwerk Merseburg südlich von Halle an der Saale. Die Chemiker Fritz Haber und Carl Bosch bekommen (etwas später) den Nobelpreis für ihre Erfindung der Ammoniaksynthese. Aus Ammoniak kann man sowohl Dünger wie auch Sprengstoff machen und weil damals gerade Krieg war und der Grundstoff Salpeter aus Chile nicht mehr zu bekommen war, war Habers und Boschs Erfindung umso wichtiger. Mit Erfindungen ging es weiter. Matthias Pier entwickelte die Braunkohlehydrierung, wodurch man ab 1928 synthetisch Benzin gewinnen konnte. Man kann sich denken, weshalb das dann auch wichtig wurde, es gab ja später wieder Krieg. Pflichtschuldig könnte ich jetzt noch hinwerfen: „Giftgasproduktion“, „Zwangsarbeiter“ „Bombardierung durch 6500 alliierte Flugzeuge“ usw., aber das war nicht der Grund für mich, an einem sonnigen Augusttag Leuna zum Mittelpunkt einer 100 km-Runde zu machen.

Mit dem Ausdauersport ist das ja so eine Sache. Früher oder später wird es etwas fad, weil das reine Kilometerabspulen in etwa so ist, als spielte man Woche für Woche Fußball und das Ergebnis lautete immer 1:1 – und man wüsste das vorher auch schon. Der kreuzbube entgeht dem, in dem er sich immer neue Ziele sucht, ob das Orte sind oder Veranstaltungen, die ihn ohnehin interessieren und wo das Rad ihn so ganz nebenbei hinbringt.

Der Reisegrund diesmal: In Leuna begehen sie 100 Jahre Gartenstadt. Das hat mir der Moderator des hiesigen Kulturradios verraten und das hat mich neugierig gemacht. Von Leunaer Gärten wusste ich nichts, hatte primär noch im Kopf, wie Bundeskanzler Kohl damals nach der Wende die Werke über Nacht an den französischen Konzern Elf-Aquitaine (heißt heute Total) verkaufen ließ und später die Manager des französischen Konzerns wegen Schmiergeldzahlungen verurteilt wurden.

Statt eines solchen Sumpfs hatten die Gründer der Stadt Anfang der 20 Jahrhunderts einen blühenden Ort vor Augen. Architekt Karl Barth beschrieb die geplante Werkssiedlung so:

„Für die Industrie ist es von größter Wichtigkeit, die Wohnkolonien immer weiter auszubauen, um durch Ansiedlung dem ständigen Arbeiterwechsel Einhalt zu gebieten, die Leute durch den Besitz eines eigenen Hauses mit Garten mehr an das Werk zu binden und dadurch den Heimatsinn zu bilden und zu pflegen.“

Also bin ich da mal hin gekurbelt und habe mir angeschaut, was davon noch zu sehen ist. Und in der Tat eröffnet sich der beschriebene Charakter der Stadt recht schnell, sobald man etwas langsamer fährt und mal bei den Leuten auf den Teller über den Gartenzaun schaut.

Gartenstadt Leuna 1

Die vor 100 Jahren errichten Häuser sind überwiegend in einem modernen Zustand und hinter ihnen finden sich noch immer die Gärten, die dem damaligen Arbeiter einen eigenen Flecken Grün bescherten.

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Überall führen schmale Wege zwischen Lattenzäunen hindurch, mal sind die Gärten mit Kinderspielanlagen versehen, mal sind sie verwildert.

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Stets aber kann man erkennen, dass diese Wohn- und Lebensverhältnisse in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts für die Beschäftigten der Leunawerke einen beachtlichen Gewinn an Lebensqualität bedeutet haben mussten, der den Nachfolgern im VEB der DDR noch Mitte der 50er Jahre offenkundig ein Dorn im Auge war, wie die ZEIT 1957 den damaligen Betriebsleiter zitierte:

 „gelang es nicht immer, nachzuweisen, daß der IG-Farben-Konzern die damaligen angeblich sozialen Maßnahmen nur als ein soziales Mäntelchen für seine sonstige Ausbeutertaktik und seine verbrecherische Arbeit benutzt hatte.“

So hatte man einen schweren Stand bei den verwöhnten, alteingesessenen unter den 30.000 Arbeitern, denen man auch in anderer Hinsicht nicht beizukommen wusste:

„Doch noch immer sind die Arbeiter … von falscher Solidarität erfüllt; erbittet ein Parteigenosse Auskünfte über Personen, so schweigen sie, da sie glauben, daß man sich mit einem Arbeiter solidarisch erklären müßte, wenn jemand von der Parteileitung oder der Betriebsleitung eingreift.“

Plastikpark Leuna

Plastikpark Leuna

Um das Programm politisch ausgewogen zu gestalten, kommen wir nun zu meinem zweiten Reisegrund, und das ist der Plastikpark in Leuna. Etwa 30 Bronzen aus der Zeit von 1947 bis 1967 sind dort aufgestellt, hinzu kommt ein halbes Dutzend, das vor den Toren der etwa zwei Kilometer entfernten Leuna-Werke steht. 

Waren die Kapitalisten mit der mustergültigen Erschaffung einer Stadt für die werktätige Bevölkerung deutlich in Führung gegangen, hat sich der Arbeiter- und Bauernstaat in kultureller Hinsicht nicht lumpen lassen. Die Förderung der Kunst war nicht zuletzt Aufgabe der Betriebe, designed wurde von der Kantine bis zur Schaltzentrale, und thematisch wurden der Arbeiter, der Bauer und nicht zuletzt der Sportler hervorgehoben.

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Schwimmerin

Die Opfer des Faschismus durften selbstredend nicht fehlen. 

Widerstandskämpfer von Auschwitz Ludwig Engelhardt 1947

Ein lohnenswerter Ausflug ist es, den ich gerne noch einmal wiederholen werde. Das Licht war in der Mittagshitze und unter wolkenlosem Himmel fürs Fotografieren völlig ungeeignet und die Mitfahrer waren verletzungs- und krankheitsbedingt ausgefallen, weshalb ich sie ein anderes Mal dort hin bringen darf. Ich kann den Ausflug nur jedem empfehlen. Je nach Startort im Großraum Leipzig ist man hin und zurück ungefähr vier Stunden unterwegs, zwischendrin sollte man sich eine Stunde Zeit nehmen, um sich in der Stadt umzuschauen. Ab dem Kulkwitzer See folgt man dem Radweg via Lützen nach Rippach, um von dort über den Saaleradweg nördlich nach Leuna zu gelangen.

Stadt Leuna Saale

An diesem Schild hier geht links ein Weg über eine Wiese hinauf und man steht direkt im Plastikpark. Das dortige Café hat leider geschlossen, aber am etwa zwei Kilometer westlich gelegenen Leunatorplatz gibt’s einen Bäcker, der Samstags bis 14:00 Uhr geöffnet hat.  Sonst gibt es da außer einem REWE eher – nichts. Alternativ dazu kann man auch einfach die paar Kilometer nach Bad Dürrenberg fahren. Am Gradierwerk, das in der Mittagshitze erstaunlich erfrischenden Schatten mit Meeresbrise (der geförderten Sole sei Dank) bietet, finden sich drei, vier Möglichkeiten, an erfrischende Getränke, Speisen und Eis zu gelangen.

Gradierwerk Bad Duerrenberg

Wer anschließend nicht den gleichen Weg wie auf der Hinfahrt nehmen will, kommt über die kleinen Orte Tollwitz, Ragwitz und Zöllschen sehr verkehrsberuhigt nach Lützen zurück.

So viel für heute, viele Fotos von schönen Skulpturen gibt es demnächst beim Artfahren zu bewundern. (Für die Punktewertung beim Artfahren werden die dort auch mit Name, Künstler und Entstehungsjahr versehen)

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