Auf den Ästen, in den Gräben

Und der Wald, er steht so schwarz und leer,
Weh mir, oh Weh,
Und die Vögel singen nicht mehr. „Ohne Dich, Rammstein
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***

Erster Teil.

In dreieinhalb Stunden, lobte Heinrich Mann in den 1920er Jahren, könne er von der Hauptstadt aus mit dem Zug auf die Insel Usedom fahren. Heute, im dritten Jahrtausend, dauert die Fahrt von Berlin aus fast vier Stunden. Die monumentalen Überreste aus Beton und jeder Menge Stahl, die wir hier sehen, bringen uns der Erklärung näher.

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Es gibt seit 1945 keine direkte Fernverbindung zwischen dem Festland und der Insel Usedom mehr. Wer dort hin will, muss weit vorher in Züssow (Landkreis Vorpommern-Greifswald, 1436 Einwohner) Halt machen, raus aus dem Zug und in die Usedomer Bäderbahn umsteigen. Die fährt zwar (bei Wolgast) über eine Brücke auf die Insel, aber mehr als die Triebwagen der Bäderbahn verkraftet die Brücke nicht. Ein ausgewachsener Zug übersteigt ihre Tragkraft. In den 1930er Jahren war das anders. Da passierten mehr als 30 Züge am Tag die von 1932 bis 1934 gebaute Karniner Hubbrücke. 360 Meter lang war sie und ihr Mittelteil konnte angehoben werden, damit Schiffe ihren Weg fortsetzen konnten. Vier gigantische Gegengewichte zogen nach unten und damit den mittleren Brückenteil mitsamt den Gleisen 30 Meter weit nach oben. Näherte sich ein Zug, konnten die Gleise binnen zwei Minuten heruntergelassen werden.

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Als der Krieg im April 1945 längst verloren war, sprengte die Wehrmacht die Brücke, damit die Rote Armee sie nicht nutzen konnte. Nur den mittleren Teil ließen sie stehen und fuhren die Brücke ein letztes Mal nach oben, damit die heimwärts fliehenden Überreste der Flotte zurückkehren konnten. Und so steht das (denkmalgeschützte) Überbleibsel des einstigen Schienenwegs seit 70 Jahren dort und wartet auf Züge, die nicht kommen, ebenso wie die Gleise, die noch immer dort liegen. Eine Neuerrichtung der Fernverbindung ist in weiter Ferne, auch wenn sie die Fahrzeit von Berlin nach Usedom auf zwei Stunden verringern würde. Die Turmfalken freut es, sie haben sich die Brücke längst als Nistplatz erobert und auch andere Vögel bevölkern das Relikt vergangener Zeiten.

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Eine halbe Stunde weiter, mit dem Crosser über den Haff-Radfernweg nach Stolpe.

Gräfin Freda war beliebt im Dorf. Das durfte unter neuer Herrschaft nicht so bleiben. Nichts sollte mehr an sie und an frühere Zeiten erinnern und auch das Schloss sollte nicht mehr wie ein Schloss aussehen.

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Erst riss man einen Teil davon ab, später trug man den hinteren Renaissancegiebel ab und riss die Türme herunter. Die großen Fenster mit ihren Rundbögen hatten allerdings noch immer einen zu extravaganten Charakter. Heraus damit! Statt einfach alles zu zerstören, (was ich noch ansatzweise nachvollziehen könnte) machte man sich eigens die Mühe, kleine, rechteckige Fenster hinein zu mauern, den verzierten Putz abzuschlagen und durch einfachen, grau-braunen Putz zu ersetzen. Das sah dann entsprechend aus:

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Mittlerweile ist das Schloss restauriert worden und dient als Dorfgemeinschaftshaus für vielfältige kulturelle Veranstaltungen.

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50 bis 60 km weiter nordwestlich, über Feld- und Waldwege die Küste hinauf. Wieder stoßen wir auf Bauten, die an frühere Zeiten erinnern. Nazi-Militäranlagen, Testgelände, Kraftwerk, Hafen… alles mit Hilfe von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen errichtet, um dort unter anderem die Rakete „Aggregat 4„, von Goebbels zur „Vergeltungswaffe 2“ gemacht, zu produzieren und zu erbauen.

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1945: Abreißen, damit nichts mehr an diese Zeiten erinnert? Aber hallo! Das ist doch noch gut!, Kann man doch alles weiternutzen. Was uns bei Gräfin Freda nicht recht ist, ist uns hier allemal billig! Peenemünde, ein von den Nazis für die Errichtung der Heeresversuchsanstalt einst platt gemachtes Fischerdorf, sollte bis 1990 zur Energieversorgung der DDR beitragen und der NVA eine Heimstatt bieten. Der Nordteil der Insel blieb militärisches Sperrgebiet, wie er es zuvor bereits war.

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5000 Menschen arbeiten in den 40er Jahren in Peenemünde, die Werkbahn wies 100 km Schienennetz auf und eine Ahnung von den einstigen Dimensionen bekommt man, wenn man das zum Museum umgebaute, monumentale ehemalige Kraftwerk besichtigt.

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Eine Schleuder steht nebendran, mit der die Wissenschaftler und Ingeneure Flugkörper erprobten. 1942 wurde von Peenemünde aus zum ersten Mal in der Geschichte eine Rakete ins All geschossen. Auch das Aggregat 4 selbst gibt es zu sehen, in Originalbemalung bis hin zu zur „Frau im Mond“. Auf den Feind in England gerichtet wurde die Waffe allerdings von den Niederlanden aus. 

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Weil Usedom eine Insel ist und zwar eine offenkundig von der militärischen Vergangenheit geprägte, stößt man auf solche Überbleibsel zwangsläufig, wenn das Sonnenbaden und das Baden im Meer durch die Jahreszeit bedingt ausscheiden, man mit dem Rad täglich für ein paar Stunden in allen Himmelsrichtungen unterwegs ist und man auf den Besuch noch fragwürdigerer Touristenattraktionen wie dem „verrückten Bügeleisenhaus“ als Zeitvertreib gut verzichten kann. Auch in östlicher Richtung, dem heutigen Polen, setzt sich das so fort mit einstigen deutschen Bunkern und Festungsanlagen und damit ist es dann auch mal gut mit all dem Kriegsschrott, wir wollen uns nicht noch mehr davon ansehen. Einzig der Bismarckturm hätte mich als Unendlichen Rundfahrer interessiert, aber den gibt es ja nicht mehr und die im Jahr 2015 im Gemeinderat von Heringsdorf gestellte Frage, ob er wieder errichtet werden soll, wurde abschlägig beschieden.

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Zweiter Teil.

Denn die Insel bietet auch andere Seiten und damit wird es Zeit, auch bildlich ins Heute zu springen.

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Usedom ist das ureigenste Habitat für den Crosser. Viel zu viele Wege gibt es, die uns durch Wälder führen und über sandige Abschnitte zwischen Feldern, als dass man sich mit dem Rennrad selbstbeschränken müsste.

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Gleichzeitig fehlen jegliche nennenswerten Erhebungen, für die man zwingend ein Mountainbike bräuchte. Zwar stößt man ein paar Mal auf Steigungen weit im zweistelligen Bereich, aber die sind dann eher kurz, maximal 50 Meter, drückt man also mal eben weg. Da ist nichts, was man mit einer Cyclocrossübersetzung nicht schaffen würde. Und der Strand! 42 Kilometer lang erstreckt er sich und die Kaiserbäder auf ihm zu passieren ist eine meiner Empfehlungen.

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Radwege sind auf den Promenaden längst vorhanden, aber Saison ist auch im Herbst und entsprechender Trubel herrscht zwischen Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck bis hinüber nach Swinemünde in Polen. Der durchschnittliche Radfahrer dort kann sich gerade so eben noch vorstellen, dass sich andere Pedaleure mit 18 km/h nähern, aber der Gedanke an 28 oder gar 38 km/h ist mit Schrecken behaftet, sofern er überhaupt denkbar ist. Daher: Lieber runter an den Strand.

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Meine Reihenfolge, wenn alle Radtypen im gut sortierten Haushalt vorhanden sind: 1) Cyclocrosser 2) MTB 3) Rennrad. Die Belohnung für die Wahl der breiten Reifen wartet im Wald, wenn dort plötzlich nach ein paar Böcken ein großer Hirsch mit riesigem Geweih auf die Lichtung tritt und unsere Geweihe aka Lenker mehrere Sekunden lang mustert, bevor er seinen Weg fortsetzt. Radwege gibt es zwar entlang der Straßen erfreulich viele, aber solche Erlebnisse hat man dort nicht. Zu viel wusch-wusch-wusch, es wollen ja sehr viele Menschen auf die Insel, auch im Herbst, wenn sich eine Woche lange die Sonne nicht zeigt.

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Mit dem Rennrad kann man es Lyonel Feininger gleichtun. Der Künstler und erste Bauhaus-Meister war außer vom Malen und Fotografieren auch von Usedom und dem Rennradfahren begeistert. Er kaufte sich jedes Jahr das neueste Modell und fuhr damit auf der Insel herum, wo er Motive zum Malen fand oder kurzerhand den Fischern Schilder für ihre Boote pinselte.

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Auf Usedom ist eine kurze (16 km) und eine längere (40 km) Feininger-Radtour ausgeschildert. Man kann sie auch beide verbinden umd je nachdem, von wo aus man zu ihr anreist, eine recht große Runde dort drehen, wo Feininger seinerzeit unterwegs war. Ehrlich gesagt, ist aber auch dafür der Crosser die bessere Wahl oder zumindest sollte man möglichst breite Reifen auf dem Rennrad haben.

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Denn als Feininger von 1908 bis 1912 auf Usedom Rad fuhr, da war das nicht so, wie sich das später der eine oder andere Veranstalter historischer Ausfahrten ausdachte: Die Reifen waren „früher“ und „damals“ nicht schmal, sondern hatten ordentlich Volumen, um Kopfstandpflaster, Sand und Schotter zu überwinden. Das alles findet man dort auch heute noch und auch asphaltierte Wege durch den Wald sind mit Blättern und Ästen übersäht. Zur Hubbrücke in Karnin beispielsweise führt eine sehr holprige Straße mit miesem Kopfsteinpflaster und nach Peenemünde geht es die gesamte Inselküste entlang durch den Wald, die letzten 5 Kilometer über einen Schotterweg durch Heidelandschaft. Wer primär Kilometer abspulen möchte, hat dazu mit dem Rennrad auf der Insel zwar durchaus Gelegenheit. Die vielseitigere Wahl für den Urlaub ist hingegen alles, was halbwegs breite Reifen hat. Und darüber freut sich auch der Gute Bubi, den wir hier schon lange nicht mehr gesehen haben und der mit seinen mittlerweile 12 Lenzen noch erstaunlich agil ist.

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6 Antworten zu Auf den Ästen, in den Gräben

  1. Andreas Schwenzer schreibt:

    Auch in Quedlinburg befindet sich ein schönes Feiniger-Museum. Im letzten Jahr gab es eine Ausstellung mit seinen Karikaturen zum Thema „Radfahren“, sehr schön. Die Ausstellung hatte den schönen Namen „Auf dem Narrenrad“.
    Um den ausführlichen Katalog zu beschaffen bin ich extra mit meinem MTB nach Quedlinburg gefahren (Hinfahrt per Zug), und nach Besuch des Museums per Rad über die Felder zurück nach Halle
    https://www.komoot.de/tour/6045231
    Dummerweise 2 x Platten und nur einen Schlauch. Naja, in Hettstedt gab es Ersatz.

    • kreuzbube schreibt:

      Feininger-Ausstellung zum Radfahren in Quedlinburg? Da habe ich aber was verpasst!

      Schön, dass Dir der Blog gefällt … auch wenn es außer unseren Artfahren-Etappen schon eine Weile nichts Neues mehr gibt.

  2. MM schreibt:

    Für alle die Zuhause mit Rädern spielen wollen, vom Frühjahr träumen oder schon Geschenke suchen. Getwittert von Sven Nys, http://www.flandriens.bike/
    und hier ein Bericht vom Macher
    http://www.hln.be/regio/nieuws-uit-oostende/miniflandriens-veroveren-wielerwerteld-a1948762/

  3. alex schreibt:

    „Liest“ sich nach einem schönen Kurzurlaub. Danke für den Bericht.

  4. randonneurdidier schreibt:

    Wunderbar! Dem Guten Bubi noch ein paar gute Jahre! Und Dank für die Feininger-Tour, die Feininger-Informationen. Und ich hatte gedacht, ich würde die Insel kennen… Nu weess ick mehr.

    • kreuzbube schreibt:

      Es empfiehlt sich, der Feininger-Tour mit Gps-Track zu folgen. Die Beschilderung ist nicht lückenlos und in Swinemünde verliert man die Schilder schnell aus den Augen. Letztlich sind die von ihm einst befahrenen Wege aber auch mit einem Blick auf die Radkarte sofort zu entdecken.

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