Fegefeuer

Folgt hinab in die Hölle des Ostens.

***

Etappe 1

Irgendwann ist’s halt vorbei
Bis soweit ist, bleibt es dabei
Was für’n geiles Leben
Was für’n geiler Tag!

Rolf Zacher, Danebenleben, vom gleichnamigen Album

***

Wer es nicht selbst erlebt hat, dem kann man es nicht beschreiben. Ich sag’s euch: Eine Schinderei sondergleichen. Ich trete frühmorgens das erste Mal aus dem Haus und es ist drei Grad unter Null. Schicht für Schicht trage ich Kleidung auf, bereit, mich im 1-2 Stunden-Rhythmus zu häuten. Mit dem Auto geht’s dann nach Halle an der Saale, wo auf einem Parkplatz die anderen 22 Höllenfahrer eintreffen, darunter ein einziges weibliches Wesen. Die Temperatur hat sich unterdessen auf drei Grad plus hinauf katapultiert. Die Gruppo Sportivo der Bloggosphäre geht als Quartett an den Start, was jedoch nicht lange so bleibt. Aber zunächst einmal rollt das Feld euphorisiert los. Tolle Sache, toller Tag, das bisschen Kopfsteinpflaster…pfff.

Und so spulen wir die ersten fünfzig Kilometer ab, ohne dass es mit den Katzenköpfen gar zu schlimm wird. Das liegt auch daran, dass der Blogsportvierer (diesmal ohne Steuermann) sich sehr früh halbiert und die eine Hälfte einen etwas anderen Weg nimmt. An Kreuzbubens Flaschenhalter nämlich will ein Schräubchen gar nicht mehr mitfahren und macht sich aus dem Staub, das zweite will ihm hinterher. Es gilt zu halten, damit den sich lösenden Halter keiner in die Speichen bekommt. Werkzeug raus, Halter ab, Werkzeug und Halter rein, bei der Gelegenheit kurze Pinkelpause – und schon ist das Feld ein paar Kilometer weg.

Kranzabzieher (mit zweitem, nicht belegten Flaschenhalter) degradiert sich selbst zum Wasserträger und Edelhelfer des kreuzbuben und fährt diesen ans Feld heran. Allerdings sind wir dabei die ersten, die die historische Parole erfüllen: Überholen, ohne einzuholen. Das Feld ist nämlich rechts abgebogen, wo wir geradeaus weiter sausen. Und wir sehen und sehen niemanden vor uns. Die Sache gerät zu einem gepflegten Zeitfahren und mittels telefonischer Unterstützung des Blogsportvorsitzenden sowie der wenigen auf den Straßen befindlichen Einwohner wird uns der Weg gewiesen. Zwar ein anderer, aber ein Weg immerhin, ein sehr schöner noch dazu.

An der Saale endet der Weg. Eine Fähre schippert vom anderen Ufer herüber und nimmt uns als einzige Fahrgäste auf, sieht man von zwei ziemlich zerrupften Hühnern ab, die die Frau Kapitän in einem Karton neben dem Führerhäuschen bei sich hat. Möglicherweise, der Tag ist lang, als Wegzehrung, man weiß das nicht.

Wenig später treffen wir an der Bäckerei ein, die als erster Verpflegungspunkt eingerichtet ist. Diese Pause möchte ich nutzen, mich noch einmal ganz herzlich beim kranzabzieher zu bedanken, der mit mir zurückblieb und mich dann zur ersten Etappenpause schleppte.

Der kranzabzieher kann ziemlich schnell fahren und ich bin sehr froh, dass ich mich an ihn dranhängen durfte und nicht alleine umher irren musste.

Und schon gilt der nächste herzliche Dank der Bäckermeisterin Gerhild Fischer, die uns Kaffee und Gebäck ebenso zur Verfügung stellte wie den Garten ihres Hauses nebst Schaukelstuhl (für den kreuzbuben) und Tischen, Stühlen und Bänken.

Die Wiedervereinigung mit dem Feld und dem Blogsportkollegen gelomyrtol findet statt.

Auch Long Harry ist fit wie eh und je dabei, obwohl er -man frage mich nicht nach Gründen, er ist halt so- doch tatsächlich mit einem Stahlrenner mit 2 (in Worten: zwei) – Gang-Nabe von Sturmey-Archer angetreten ist.

Wir haben natürlich unser eigenes Begleitfahrzeug dabei. Ritzelconnection verlegt sich verletzungsbedingt auf redaktionelle Tätigkeiten und photoshopped sich den erforderlichen Presseausweis.

Da eine Kamera alleine nicht reicht, deckt carodame weitere Blickwinkel ab. Noch ein kurzes Fotoshooting mit dem kreuzbuben und dann geht es bei sonnigem Wetter und angenehmer werdenden Temperaturen weiter.

Wir sind mehr oder minder euphorisiert, die reißen wir doch runter, die Kilometer. Was dann aber folgt, seht ihr in den nächsten beiden Etappen.

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Etappe 2

Kennt ihr den Film Schultze gets the Blues? Der wurde im Mansfelder Land gedreht und zwischen Halle, dem Saalkreis und dem Mansfelder Land waren wir gestern unterwegs. Eine hügelige Landschaft, mit Schlackebergen hier und da, die Zeugnis von 800 Jahren Kupferbergbau und Verhüttung ablegen.

Gut gelaunt verabschieden wir uns von der freundlichen Bäckerin.

Dann wird das Terrain wellig, wenn auch das Straßenpflaster seinen Namen noch trägt, ohne anmaßend zu sein.

Dafür werden die Abschnitte, auf denen es uns durchrüttelt, häufiger und auf ein paar Kilometern unbefestigtem rötlichem Feldweg mit Schotter und Steinen haben die ersten drei Teilnehmer Pannen. Am Schluss werden es acht oder neun sein, die am Wegesrand flicken mussten und für einen war die Tour nach der Hälfte vorbei. Beim Schalten unter Last, auf Kopfsteinpflaster und bergauf, brach ihm das Schaltauge ab.

Dann kamen Steine.

Und Steine.

Und auch Steine.

Nach 90 bis 100 km gab es für uns vor einem Altersheim Nudelsuppe und Getränke.

Zwischenzeitlich fühlten wir uns in ersten Ansätzen so, also könnten wir uns in diesem hervorragenden Stift gleich einschreiben.

Während der Blogsportvorsitzende bereits die ersten Datenübertragungen vornimmt, nutze ich die Pause für das nächste Dankeschön, das an Maurizo geht.

Maurizio ist nicht nur gewandet -und da lasse ich mir von euch erst gar nichts einreden- wie sich das gehört, denn Radsport ist bunt und Radsport ist italienisch, sondern er hat das Ereignis und die Streckenführung perfekt vorbereitet und mit absoluter Präzision die Verpflegung vor und nach unserer Reise organisiert. Ein riesiges Dankeschön!

Unnötig zu erwähnen, dass Maurizio neben mir der zweite Colnago-Pilot im Feld ist.

Weiter geht’s und wer glaubt, die paar Steinchen wären es schon gewesen… von wegen.. nächste Etappe…

***

Etappe 3

Die Landschaft ist wellig und gen Ende stehen etwa 1200 Höhenmeter zu Buche.

Auf und ab nehme ich aber langsam nicht mehr sonderlich wahr, wäre nur dieses ewige Gerüttel nicht. Auf dem Kopfsteinpflaster ist beides schlimm. Steigungen werden zum Kraftakt sondergleichen und bergab ist es nicht besser, der Lenker schlägt in den Händen um sich wie ein desorientierter Presslufthammer.

Aber es hilft ja nichts, wir wollen auch dem Publikum was bieten. Eine gepflegte Wand in Löbejün.

Da muss man schon mal winken oder wenigstens lächeln, wenn die Kameras aufgebaut sind.

Martin Goetze. Der Beste, den sie in der DDR hatten. Bei den Polithanseln nicht beliebt, aber er hat all ihre bevorzugten und geförderten Favoriten mehrere Jahre lang bei den Straßenmeisterschaften besiegt.

Sender Freier Kreuzbube bietet heute sogar:

40 Sekunden bewegte Bilder!

Falls ich es noch nicht erwähnt habe:

Steine. Mehr und mehr Steine. Immer häufiger, immer länger. Langsam aber sicher die Reserven raubend.

Und dann geht es auf die Schlussetappe, dort wartet dann der Abschnitt, von dem ritzelconnection meinte uns nicht sagen zu dürfen, was nun komme…

***

Schlussetappe

Wir placken uns ab und leiden…

… ritzelconnection nutzt die Zeit zum chillen.

Bis er wieder wach wird, schauen wir uns noch eben absolute Girlpower an:

Dann schalte ich auf Autopilot, denn jetzt wird es böse. Acht, neun Kilometer hinter-einander weg sowas hier:

„Acht, neun Kilometer“ klingt nicht viel, aber jeder einzelne quält uns unerbittlich. Mit dem Fahren aus Asphalt ist das nicht ansatzweise zu vergleichen, mehr und mehr nutzen die Teilnehmer den schmalsten Sand- und Dreckstreifen am Pflasterrand. Jede Graswurzel ist willkommen, eine Wohltat im Vergleich zu diesen willkürlich hingeschmissen Felsbrocken.

Wo bleibt nur das Ziel?

Endlich.

Die Ziellinie…

… hinter der es außer neuerlicher Speisung und Trank für jeden noch eine Würdigung gab..

… und Blumen für die Dame!

Ein skeptischer Blick hinsichtlich des kreuzbuben Renntaktik?

Die Sieger vergangener Tage, schnell wie eh und je.

Sachsen-Anhalt:

Auch wenn ich mich wiederhole, was Maurizio und Uwe auf die Beine gestellt haben, war sensationell und sondergleichen. Uwe, das war der Mann der zuvor die Strecke markiert, uns die ganzen 160 km mit dem Kleinbus begleitet und pünktlich auf die Minute Verpflegung und Getränke an jedem Zwischenstopp aufgebaut hatte. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle nun endlich auch an Dich!

Der abschließende Dank…

… gebührt carodame, die den ganzen Tag über unermüdlich Fotos gemacht hat und dazwischen Lana und den Guten Bubi bei Laune hielt, während ich meinen … naja …Spaß… hatte. Es sieht unterwegs nicht immer so aus, aber ich weiß das wohl zu schätzen. Danke!

Das war sie, die Hölle des Ostens 2012. Ihren Namen hat sie sich verdient. Geschmort habe ich und wenn ich jemals größere oder kleinere Sünden begangen haben sollte, dann habe ich dafür gebüßt und sie mögen mir vergeben sein.

Den Guten Bubi jedoch, als Zuschauer unauffällig mit an Bord, den ließ das alles kalt.

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5 Antworten zu Fegefeuer

  1. kreuzbube schreibt:

    Naja, es ist schon eine üble Rüttelei, und wie meinte einer der Mitfahrer direkt danach kurz und knapp: „Kann man machen, muss man aber vielleicht nicht noch einmal machen“… 😉

    Ich selbst fahre dieses Mal nicht mit…

    … aber 2014…?

  2. Ihr seit ja wahre Enthusiasten bei der hoelle des Ostens.Reizvoll ist die Teilnahme ,obwohl,ist sie auch sinnvoll.Wir fahren im Mansfelder Land auf glatten Strassen.Hut ab,gut gemacht.

    • prieditis schreibt:

      So, da hab ich zu früh gedrückt…
      Am Horizont erkennt man eine kleine Laterne, auf dem Gipfel.
      Dem Gipfel der Wand von Löbejün (nach Erzählungen frei interpretiert)

  3. kreuzbube schreibt:

    Liebe Leser, die ihr derzeit, vielleicht im Hinblick auf die Höllenfahrt 2013, wieder hier aufschlagt, mein Blog ist im vergangenen Jahr umgezogen. Es gibt deshalb an dieser Stelle leider nur den Bericht, nicht jedoch die Ergänzungen und Anmerkungen in den damaligen 60, 70 Kommentaren.

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